1. Gießener Allgemeine
  2. Vogelsbergkreis

Die Ruhe bewahren

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Joachim Legatis

Kommentare

In Kriegszeiten wird Gold gesucht - aber ist das auch ein kluge Entscheidung? Nur begrenzt, wie Helmut Euler, Vorstand der VR Bank HessenLand, sagt. Er rät dazu, sein Geld breit gestreut anzulegen und Ruhe zu bewahren. Auch nach anderen Krisen gab es wieder eine Aufwärtsentwicklung.

Was empfehlen Sie den Kunden, die ihre Rücklagen in kriegerischen Zeiten sichern wollen?

Das Wichtigste ist es, Ruhe zu bewahren. Unsere Beratung ist auf eine breite Vermögensstreuung angelegt, um Risikokonzentrationen zu vermeiden. Wenn Sie zehn Eier in einem einzigen Korb haben, ist die Gefahr größer, dass alle kaputtgehen, als wenn Sie die Eier auf mehrere Körbe verteilen. Die Anzahl der Kunden, die ihren Depotbestand deutlich reduzieren, ist sehr gering. Zahlreiche Kunden sehen jetzt auch günstige Einstandswerte bei Wertpapieren. Eine Vielzahl der Kunden verfügt über Wertpapierspar- oder Investitionspläne, die in der aktuellen Phase bis auf wenige Ausnahmen unverändert weiterlaufen. Ich persönlich nutze die Zeit, um Positionen nachzukaufen.

Weshalb ist es so wichtig, ruhig zu bleiben?

Aktien sind langfristige Anlagen und sie unterliegen auch regelmäßig Schwankungen. Betrachtet man aber große Zeitabschnitte, dann sind im Durchschnitt Vermögenssteigerungen eingetreten. Es ist sinnvoll, monatlich einen bestimmten Betrag zu investieren, um von niedrigen Kursen zu profitieren. Das Geld auf dem Konto liegen zu lassen und die Kapitalentwertung durch die Inflation hinzunehmen, ist in jedem Fall die schlechtere Alternative. Der Krieg in der Ukraine, so schlimm er ist, hat grundsätzlich keinen großen Einfluss auf die globale Weltwirtschaft. Russland hat nur einen kleinen Anteil an der globalen Wirtschaftsleistung.

Ist Gold eine Alternative?

In Krisen wird Gold nachgefragt. Allerdings ist der Preis zurzeit sehr hoch. Gold ist eine Beimischung, um die Anlagen breit zu streuen.

Gilt das auch für Immobilien?

Ein gut gemischtes Portfolio enthält auch Geldanlagen in Immobilien. Das geht am einfachsten über Immobilienfonds. Es ist möglich, zwischen verschiedenen Varianten zu wählen: Gewerbliche oder privat genutzte Immobilien beziehungsweise ausländische Standorte.

Wie schätzen Sie die Lage für die Unternehmen in der Region ein?

Die Unternehmer schauen mit großer Sorge auf die stark steigenden Energiepreise und die Verfügbarkeit von Rohstoffen. Die früheren Zeiten von der »just in time Produktion« sind vorbei. Sie waren von möglichst geringen Lagerbeständen und Kapitalbindung geprägt. Inzwischen legen die Firmen deutlich mehr Wert auf die Verfügbarkeit des benötigten Materials. Die Lagerbestände werden aufgebaut, um besser lieferfähig zu sein. Der Krieg und die damit verbundenen Sanktionen verursachen bei vielen Branchen Probleme bei der Beschaffung von Vorprodukten. In der Automobilindustrie kommt es auch mal zu temporären Stillstandzeiten. Die Probleme liegen in den indirekten Auswirkungen und nicht in direkten Lieferbeziehungen zur Ukraine und zu Russland.

Wenn die Rohstoffe teurer werden, schlägt sich das auch auf die Verbraucherpreise nieder?

Natürlich, das zeigt sich ja schon bei den Spritpreisen und setzt sich über die Nahrungsmittel fort. So hat sich der Weizenpreis bereits verdoppelt, auch die Düngemittel sind erheblich teurer. Das hat Folgen. Ein Beispiel: 65 Prozent des Preises für ein Hühnerei stehen in Abhängigkeit des Weizenpreises. Wenn Mehl und Eier teurer werden, steigen die Preise für Nudeln, Pizza und andere Teigwaren.

Was erwarten Sie mittelfristig?

Ich denke, wir werden in Deutschland in den kommenden Monaten ein geringeres Wirtschaftswachstum und eine hohe Inflation sehen. Die Energiepreise dürften sich langfristig wieder entspannen, es sei denn, die kriegerische Auseinandersetzung eskaliert noch weiter. Mit Blick auf die Geldanlagen sollte man besonnen beobachten und dazu mit den Beratern im Gespräch bleiben.

Auch interessant

Kommentare