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Der Wolf als neuer Nachbar

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Von: Joachim Legatis

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Wolf im Wald bei Schellnhausen, sehr wahrscheinlich handelt es sich um die Ulrichsteiner Wölfin. © Red

Es ist ruhiger geworden um die Ulrichsteiner Wölfin, die vor Monaten im Garten einer Familie in Unter-Seibertenrod gestanden hat. Dennoch bleibt sie ein Problem für Schäfer und Rinderzüchter, die um ihre Kälber bangen. Der Naturschutzverband NABU fordert, gelassen mit dem Tier umzugehen.

Die Ulrichsteiner Wölfin sorgt weiter für Debatten, auch wenn das Tier in den vergangenen Monaten keine Aufsehen erregende Risse mehr verursacht hat. Die letzte Sichtung gab es am 18. Februar bei Kölzenhain. Es gibt aber weiter keine Klarheit, ob inzwischen vielleicht nicht schon zwei Wölfe durch Vogelsberger Wälder streifen. Im nordhessischen Ludwigsau ist das seit kurzem der Fall.

Die offizielle Wolfsstatistik des Landes listet den letzten Nachweis für den 13. November 2020. Das Hessische Landesamt für Naturschutz HLNUG verweist auf ein Foto mit einem Wolf. Im neuen Jahr gibt es noch keinen Nachweis, Anfang Januar wurde ein totes Reh bei Betzenrod gefunden und eine Probe untersucht, doch man fand keine Spuren eines Wolfs.

Rund um Unter-Seibertenrod ist es seit Dezember ruhig geworden, wie Ortsvorsteher Wolfgang Geiß sagt. Dort hatte im Vorjahr die Ulrichsteiner Wölfin eine Anwohnerin im Garten überrascht. Im nahe gelegenen Bobenhausen sei vor einigen Tagen Wolfsgeheul zu vernehmen gewesen, so Geiß.

Schäfer sollen zum Schutz vor dem Wolf ihre Tiere mit Elektrozäunen sichern. Rinderhalter im Streifgebiet der Wölfin bringen trächtige Kühe vorsorglich im Stall unter, weil sie um neugeborene Kälber fürchten.

Positiv äußert sich dagegen der NABU Vogelsberg. »Wir sind uns sicher, dass viele Menschen im Vogelsberg den Wolf mit Freude begrüßen«, heißt es dort. Und: »Wölfe greifen nur selten Haustiere an«. Beutetieranalysen aus ganz Deutschland hätten gezeigt, dass die Beute von Wolfsfamilien aus 51 Prozent Rehen sowie 43 Prozent Rot- und Schwarzwild besteht. Nur 1,6 Prozent seien Nutztiere.

Das zeigt sich auch im Vogelsberg, die Ulrichsteiner Wölfin hat nachweislich ein neugeborenes Kalb gerissen. Vor allem jage sie wohl verletzte und kranke Wildtiere, das helfe bei der notwendigen Reduzierung des Wildbestandes, so der NABU.

Das Wolfsrevier reicht bis in die Wälder südlich der Stadt Romrod. Ein seltenes Foto der Wölfin ist Manfred Klug im Wald in der Nähe von Feldatal-Schellnhausen geglückt. In dem großen Streifgebiet leben viele Wildtiere.

Die Naturschützer verweisen darauf, dass Schafe und Ziegen durch gute Zäune geschützt werden können. Ohne diesen Schutz können diese leichter als Nahrung angenommen werden. Die Erfahrung eines Stromschlages am Elektrozaun in Verbindung mit Nutztieren wird wohl an die Nachkommen weitergegeben.

Weidetierhalter benötigen Beratung und finanzielle Unterstützung für effektive Abwehrmaßnahmen gegen den Wolf. Auch der NABU besitzt Flächen im Revier der Wölfin, die von einem Berufsschäfer mit seiner Herde gehütet werden. Schadenersatz für gerissene Nutztiere und die Kostenübernahme von Schutzmaßnahmen durch das Land müssen gewährleistet sein. »Und zwar unbürokratisch, angemessen in der Höhe und für alle Bewirtschafter«, fordert der NABU.

Wichtig sei es, dem Wolf keine Futterquelle in Siedlungsnähe zu bieten. In den letzten 20 Jahren habe es bundesweit keinen Übergriff auf Menschen gegeben, so der NABU. Von Haushunden gebe es dagegen jährlich bis zu 50 000 Attacken. Dennoch sollten sich die Vogelsberger darauf vorbereiten, wie man sich verhält, wenn man einen Wolf trifft. Dazu gibt es Informationen auf den Internetseiten der Dokumentationsstelle DBBW, beim NABU und des Landesamts für Naturschutz HLNUG.

Auf Landesebene ist eine Weiterentwicklung des Wolfsmanagementplans in Arbeit, wie Umweltministerin Priska Hinz mitteilt.

Der Entwurf wurde nun den Verbänden von Weidetierhaltung, Naturschutz, Landwirtschaft und Jagd vorgelegt. »Wir können unsere Kulturlandschaft in Hessen nur bewahren, wenn wir die Weidetierhaltung erhalten. Daher ist der Ausbau der finanziellen Unterstützung ein wichtiger Punkt des Wolfsmanagementplans«, sagt Hinz.

Zu den wesentlichen Neuerungen zählen ein Wolfsmonitoring sowie regelmäßige Anpassungen bei den empfohlenen Herdenschutzmaßnahmen und Förderungen. Ein flächendeckender Grundschutz der Weidetiere wird ergänzt um Fördermittel in Gebieten mit sesshaften Wölfen. Es wird eine AG »Wolf in Hessen« mit Vertretern der Verbände eingerichtet. Als zentrale Anlaufstelle wird ein »Wolfszentrum Hessen« eingerichtet.

Erste Kritik kommt von Reinhard Heintz, Vorsitzender des Verbands für Schafzucht und -haltung. Sowohl die Gesetzeslage als auch die Maßnahmenplanung würden kompliziert und praxisfern geplant.

Die Weidetierhalter könnten diese Vorgaben »gar nicht erst erfüllen oder die Hürden werden immer höhergesteckt«, so die Kritik.

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