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Der lange Weg der »Pflege-Retter«

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Revsen Singer und Cayan Agyon wollen die Chancen beruflicher Weiterentwicklung am UKGM nutzen. © Red

Im Pflegenotstand ist Verstärkung aus dem Ausland nicht nur willkommen, sondern unentbehrlich. 43 philippinische Pflegekräfte kamen 2020 ans UKGM, 100 weitere Pflegekräfte werden laut Pflegedirektor Lothar Zörb gebraucht. Die Chancen, die Lücke zumindest teilweise zu schließen, stehen dank der Kooperation mit dem Bildungsinstitut Sprachportal gut.

Wenn Pflegekräfte aus der Türkei, von den Philippinen, Rumänien oder China ihren Dienst im UKGM antreten, liegt ein langer Weg hinter ihnen. Nicht nur in geographischer Hinsicht, sondern auch in bürokratischer und emotionaler. Die Heimat zu verlassen ist immer schwer. Oft geht der Neustart schief. »Der Hauptgrund für ein Misslingen ist fehlende Integration«, weiß Cetin Ak, der Inhaber des Sprachportals Gießen.

Aus diesem Grund haben er und seine Mitarbeiter neben dem Spracherwerb die Integrationsarbeit in den Mittelpunkt ihrer Arbeit gestellt. Das bedeutet, dass sie die Kursteilnehmer bei ihrem Neubeginn begleiten - sie unterstützen sie bei Behördengängen und der Wohnungssuche und sorgen dafür, dass sie von Anfang an Kontakte haben. »Wer sich alleingelassen fühlt«, sagt Ak, »hält die zweifellos schwere Anfangszeit nicht durch«.

Da auch das UKGM ein Interesse daran hat, dass die Verstärkung eine verlässliche Größe der Mitarbeiterschaft wird, passen die Kooperationspartner gut zusammen. »Unsere Wertvorstellungen stimmen überein, deshalb funktioniert die Zusammenarbeit so gut, sagt Rita Keppers, die im Klinikum für das Patienten-Entlassmanagement zuständig ist, sich aber zudem um die ausländischen Pflegekräfte kümmert. In den vergangenen drei Jahren sind über 80 Pflegekräfte aus vielen Nationen über das Sprachportal ans UKGM gekommen, derzeit befinden sich 40 weitere im Anerkennungsverfahren und 55 im Anwerbeprozess.

Schon bevor die neuen Mitarbeiter in Deutschland ankommen, wird in Telefon- und Videoschaltungen ein erstes Kennenlernen ermöglicht. Ziel ist es, zum einen herauszufinden, wo »die Neuen« fachlich stehen, es soll aber auch der Grundstein gelegt werden für eine vertrauensvolle Bindung an den künftigen Arbeitgeber und das Kollegium.

Das Bildungsinstitut Sprachportal hat in den vergangenen Jahren viel investiert, um ein praktikables Pflege-Projekt anbieten zu können. Es besteht aus vier Phasen, die mit dem Auswahlverfahren und Sprachkursen A1/B1 sowie Anträgen auf Anerkennung der Ausbildung beginnen. In Phase zwei folgen Sprachprüfungen und ein Kennenlernen des neuen Arbeitgebers, in der dritten Phase folgt die Einreise mit Arbeitsvisum und der Beginn einer Tätigkeit als Pflegehelfer. Parallel dazu laufen weitere Kurse zum Erlernen der Fachsprache, die mit Prüfungen abschließen.

Bis schließlich die beim Regierungspräsidium angesiedelten Anerkennungsverfahren den Beginn der Arbeit als Pflegefachkraft ermöglichen, vergehen mehrere Monate harter Arbeit. Die Pflegedienstleiter, die die neuen Mitarbeiter auf ihren Stationen einsetzen, schätzen die hohe Leistungsbereitschaft, kennen aber auch die Belastung. »Die Sprachkurse laufen zusätzlich zur Arbeit, das ist eine große Herausforderung«, sagen Christine Hofmann und Alexander Pielka. Die fachliche Aus- und Vorbildung sei ihrer Erfahrung nach sehr gut, dennoch dürfe man sich nicht der Illusion hingeben, dass die neuen Kollegen zeitnah voll einsetzbar seien.

Für die meisten Pflegekräfte aus dem Ausland ist neben besseren Verdienstmöglichkeiten auch die Aussicht auf weitere Qualifikationen ein Grund, ihre Herkunftsländer zu verlassen, Die Bandbreite der Fachrichtungen an einem Universitätsklinikum ist dabei eine besondere Motivation.

Das war auch bei Revsen Singer (28) und Cayan Agyon (25) aus der Türkei der Fall. Sie sind qualifzierte Pflegekräfte mit Studienabschlusss und Berufserfahrung, doch in der Türkei sahen sie wenig Perspektiven. Die 28-Jährige ist gemeinsam mit ihrem Ehemann, der ebenfalls in der Pflege tätig ist, nach Deutschland gekommen. Das ehrgeizige Ehepaar will sich hier ein neues Leben aufbauen und beruflich spezialisieren. Singer interessiert sich besonders für die Arbeit auf einer Intensivstation, aber sie ist auch für andere Richtungen offen.

In der Türkei verdient eine Pflegekraft etwa 500 bis 600 Euro, in Deutschland sind es ungefähr 3500. In beiden Ländern müssen Pflegekräfte im Krankenhaus hart arbeiten. »Der Unterschied ist aber, dass wir hier viele Entwicklungsmöglichkeiten haben«, sagt Singer.

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