Aktivisten, die gegen die Rodungsarbeiten für den Weiterbau der A49 am Dannenröder Forst protestieren, stehen Polizisten gegenüber. Seit Anfang Oktober sind jeden Tag Hunderte Polizisten im Einsatz, um den Weiterbau der A49 abzusichern. FOTO: DPA
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Aktivisten, die gegen die Rodungsarbeiten für den Weiterbau der A49 am Dannenröder Forst protestieren, stehen Polizisten gegenüber. Seit Anfang Oktober sind jeden Tag Hunderte Polizisten im Einsatz, um den Weiterbau der A49 abzusichern. FOTO: DPA

A 49:

Ist uns denn gar nichts mehr heilig?

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Zu meinem Entsetzen habe ich vernommen, dass die Rodungen im Dannenröder Forst auch am vergangenen Sonntag, dem Volkstrauertag, fortgesetzt wurden - mit allen Konsequenzen für den Polizeieinsatz gegen die Waldbesetzer. Wenn Menschen in unserem Land die Sonntagsruhe nicht einhalten und das Gedenken der Kriegsopfer am Volkstrauertag nicht mehr achten, ist das bedauerlich. Wenn staatliche Organe dies tun, ist es unverantwortlich und unverzeihlich. Hier hat staatliches Handeln offenbar jede Verhältnismäßigkeit verloren. Ausgerechnet am Volkstrauertag eine Situation herbeizuführen, die eher an einen Krieg erinnert als an die Bewahrung des Friedens, ist zynisch und gedankenlos.

Die Weltkriege des 20. Jahrhunderts waren die größten Katastrophen unserer Geschichte. Ihre Spuren reichen bis in die Gegenwart und werden uns noch lange begleiten. Das Mindeste, was wir an Verantwortung dafür heute und in Zukunft tragen, ist das Innehalten und Gedenken an dem einen Tag im Jahr, der dafür vorgesehen ist.

Im Zweiten Weltkrieg sind im kleinen Dörfchen Dannenrod mit seinen nicht einmal 200 Einwohnern 16 junge Männer einen grausamen Tode gestorben. Praktisch jede Familie war betroffen. In meiner Zeit als Dannenröder Pfarrer habe ich die Konfirmanden ihre Namen von der Gedenktafel in der Kirche abschreiben und ihr Alter ausrechnen lassen: Manche sind nur wenig älter geworden als die Konfirmanden. Welches Leid haben sie und ihre Angehörigen ertragen! Wir stöhnen heute über die Einschränkungen der Corona-Pandemie und halten sie womöglich für unzumutbar. Damals haben Menschen über Jahre in Angst und Schrecken gelebt, mussten auch in der Heimat täglich mit der Todesnachricht eines Angehörigen rechnen. Im Bundestag fand zum Volkstrauertag eine eindrucksvolle Feierstunde mit den höchsten Vertretern unseres Landes statt. Zur selben Zeit marschierten im Dannenröder Forst Waldarbeiter und Hundertschaften der Polizei auf. Auch auf dem Dannenröder Friedhof hat es trotz der schwierigen Bedingungen einen kleinen Gedenkgottesdienst gegeben.

Bläser des Posaunenchors haben das Lied vom guten Kameraden angestimmt. Im Wald nebenan kreischten auf staatliche Anordnung die Motorsägen. Schlimmer kann man die Opfer der Kriege - auch der heutigen in der ganzen Welt - kaum verhöhnen.

Ich fühle mich dadurch auch persönlich in meinem Empfinden verletzt. Meine eigene Familie war vom 2. Weltkrieg aufs Schwerste betroffen: Mein Vater verlor seine drei Brüder, seine Eltern und seine Heimat in Pommern. Meine Mutter musste aus Ostpreußen fliehen und verlor alles, was bis dahin ihr Leben ausgemacht hatte. Die tiefe Trauer darüber begleitet mich von Kindheit an und hat am Volkstrauertag ihren Platz. Eine christliche Regierungspartei, die weder Sonntag noch Volkstrauertag achtet, hat ihren innersten Markenkern verraten. Dass die grüne Regierungspartei mit der Waldrodung das Gleiche tut, weiß sie selber. Am kommenden Sonntag haben wir mit dem Totensonntag den nächsten stillen Feiertag, der viele Menschen in unserem Lande tief bewegt.

Wird es dann zur nächsten Schändung des Sonntags kommen? Wer wird dafür die Verantwortung übernehmen? Der sollte zumindest den Mut haben, seinen Namen öffentlich zu nennen, und nicht Polizisten vorschicken, um seine politischen Ziele auf Biegen oder Brechen durchzusetzen. Im Hambacher Forst hat vor zwei Jahren erst der Tod eines 27-jährigen Journalisten zum Innehalten und zur Besinnung geführt. Die Arbeiten wurden abgebrochen und endgültig eingestellt - völlig unabhängig von der Rechtslage. Ist dadurch unserem Land ein Schaden entstanden? Ganz im Gegenteil: Schon bald setzte sich die Erkenntnis durch, dass der Umwelt zuliebe der Braunkohleabbau so schnell wie möglich beendet werden muss. Und die verantwortlichen Politiker haben eher Ansehen gewonnen als verloren. Noch ist es Zeit, umzudenken. Dafür sollte nicht erst ein Mensch sterben müssen.

U lrich Heyn,Pfarrer i. R., Ober-Ofleiden

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