Spezialeinsatzkräfte der Polizei holen A49-Gegner von einem Baumhaus. Sie haben ihre Hände mit Sekundenkleber zusammengeklebt. FOTO: DPA
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Spezialeinsatzkräfte der Polizei holen A49-Gegner von einem Baumhaus. Sie haben ihre Hände mit Sekundenkleber zusammengeklebt. FOTO: DPA

A49

Deeskalation sieht anders aus

  • vonRedaktion
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Im Rahmen eines Berichts zu den Vorgängen im Dannenröder Wald in der Hessenschau am 28.11.2020 sagte der Hessische Innenminister Beuth wörtlich: "Dass da eine Gewalt von der Polizei ausgeht, das kann ich wirklich nicht erkennen. Das ist auch nicht das, was mir berichtet wird von vielen, auch Beobachtern von außen, die dort waren, die alle (mit) sehr sehr beeindruckt sind von dem, was die Polizei dort macht und wie sie wirklich versucht, deeskalierend die Situation zu lösen."

Diese Aussage muss mich an der Wahrnehmungsfähigkeit dieses durch eine Wahl ins Amt gekommenen Regierungsvertreters zweifeln lassen. Seit Beginn der Rodungsarbeiten für den Bau der A 49 im Dannenröder Forst und den anschließenden Wäldern ist mehrfach in verschiedenen Medien (TV, Radio, Zeitungen) von sehr ruppigem - wenn nicht sogar gewalttätigem - Vorgehen der Polizei berichtet worden. Doch unser Innenminister "... kann (das) wirklich nicht erkennen. Das ist auch nicht das, was (ihm) berichtet wird…". Wie glaubwürdig ist ein solcher Politiker - zudem ein Mitglied der Landesregierung? Ich unterstelle ihm, dass er in dieser Situation wider besseres Wissens nicht die Wahrheit gesagt hat!

Die Menschen im Umkreis der Rodungsarbeiten, vor allem in Dannenrod, Appenrod und Maulbach, werden mit seinen Äußerungen völlig ignoriert und alleine gelassen. Ihre Sorgen und Bedenken werden nicht wahrgenommen. Die Aussage von Herrn Beuth gießt Öl ins Feuer statt zu deeskalieren.

Wenn sich Herr Beuth wirklich über die Situation vor Ort informiert, müsste er eigentlich auch von Berichten über Fehlverhalten der Polizei und die Belastungen für die Bevölkerung gehört haben. Er sagt aber nur, dass seine Informanten "sehr sehr beeindruckt sind von dem, was die Polizei dort macht." Er lobt also (und das indirekt) ausschließlich die Arbeit der Polizei. Ein Zugehen auf die Gegenseite und die Anwohner ist in keiner Weise zu erkennen.

Deeskalation sieht anders aus! Wohlgemerkt: Angriffe von einigen Aktivisten gegen die Polizei und Beschädigungen von Baumaschinen müssen unbedingt vermieden werden. Damit sehe ich mich im Einklang mit der überwiegenden Mehrheit aller von den Rodungs- und Bauarbeiten betroffenen Menschen.

Ebenso ist aber auch die Beschädigung von Autos der Unterstützer nicht hinzunehmen. Jede Eskalation von beiden Seiten ist strikt abzulehnen und zu verurteilen.

Rainer Grünewald, Homberg

Leserbrief: Polizeipräsident Pau appelliert … (AAZ Nr. 275, 25.11.2020)

Dieser Artikel scheint einem geneigten Leser wie mir sehr eingängig, da er nachvollziehbar Situation und Vorgänge im Dannenröder Forst schildert.

Jetzt habe ich aber mittlerweile selbst mehrfach den Wald besucht, um mir selbst ein Bild zu machen. Das sieht aber etwas anders aus, als das des Polizeipräsidenten.

Leider wird schon wieder (und das auch als Hinweis an die Redaktion), der Eindruck erweckt, dass der ganze Wald mit Nagelbrettern gespickt, ständig Steine geworfen, mit Zwillen auf Beamte geschossen oder Brandsätze gezündet werden etc.

Gut wäre endlich mal eine Quantifizierung der (auch für mich nicht akzeptablen) Vorfälle und transparente Dokumentation, damit eine hintergründige Diffamierung der jungen Menschen, die versuchen, sich weitestgehend friedlich gegen die Durchsetzung der Waldrodung einzusetzen, unterbleibt!

Dies insbesondere, da die Polizei sich bei der Darstellung von (schweren) Unfällen ja nicht immer mit Ruhm bekleckert. Als Beispiel genannt sei die eigenartige Kommunikationsstrategie, um den ersten schwerwiegenden Vorfall am 15.11. (erst sofortige Ablehnung jeglicher Verantwortung - dann das Geständnis eines Beamten).

Der Beamte hat dabei ausgesagt, dass er nicht wusste, was es mit dem von ihm durchschnittenen Seil auf sich hatte und es deshalb (warum denn überhaupt?) durchtrennte. An nahezu jedem Seil, das in dem Forst gespannt ist, wirklich überall und beim besten Willen nicht zu übersehen, hängen laminierte Zettel an den Seilen, auf denen steht, dass an jedem Seil ein Menschenleben hängen kann und bitte erst geprüft werden soll, ob man dieses durchschneiden kann. Lesen?

Herr Polizeipräsident, spätestens nach dem zweiten schweren Seil-Unfall musste man sich endgültig fragen, ob überhaupt und wie nachhaltig sie Beamten einweisen und welche Instruktionen sie tatsächlich erhalten. Einen Hinweis, wie sie mit ihrer Verantwortung umzugehen scheinen, erhält man als die Frage zum "ruppigen Verhalten" mancher Beamten gestellt wird und dann auf "Polizisten aus anderen Bundesländern" verwiesen wird. Also, wenn diese Beamten, das "ruppige" Kontingent geben (was so aber auch nicht stimmt), meinen Sie nicht, dass Sie auch für das Gebaren dieser Einsatzkräfte aus anderen Bundesländern, die in Ihrem Verantwortungsbereich tätig sind, die Verantwortung und Aufsichtspflicht haben?

Aber warum sollte man auch weniger, nennen wir es "massiv", auftreten? Schließlich wird ja im Bericht die Gewissheit vermittelt, zum Jahresende (also vor Weihnachten) die Aktion beendet zu haben. Damit wird klar, dass die Gangart sicher nicht überprüft und rücksichtsvoller werden kann. Denn dies würde mehr Zeit beanspruchen. Es wird also weiter ohne Pause sieben Tage die Woche geräumt und gerodet - ein Widerspruch zum anfangs seitens der Polizei ausgegebenen Motto "Sicherheit vor Schnelligkeit" bei deeskalierendem Vorgehen bei der Räumungs- und Rodungsaktion.

Dr. Kai Bruns, Fernwald-Steinbach

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