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»Das schwierigste Jahr des Uniklinikums«

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Von: Kays Al-Khanak

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Prof. Werner Seeger © Red

Gießen (khn). Das Jahr 2021 ist für viele Menschen herausfordernd gewesen - nicht nur wegen der Pandemie. An dieser Stelle blickt der Ärztliche Geschäftsführer des Uniklinikums Gießen, Prof. Werner Seeger, auf das Jahr 2021 zurück.

»Eingeengt zwischen zwei Pandemie-Wintern war es das schwierigste Jahr unseres Klinikums, dessen ich mich erinnere. Gewiss, die existenzielle Krise Anfang der 2000er Jahre, ob wir als Universitätsklinikum weiterbestehen können, die schwierige Überführung in ein gemeinsam mit Marburg betriebenes privatisiertes Klinikum 2005/2006, die Umbrüche der Neubauphase und die zusätzliche Versorgung vieler erkrankter Migranten auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise 2015/2016 stellten immense Herausforderungen dar. Aber noch nie befanden wir uns in einer vergleichbaren Situation des Kampfes an so vielen Fronten wie in 2021. Zuallererst natürlich die gewaltige Last der Versorgung von Covid-19-Patienten mit Koordinierungsverantwortung für die mittelhessische Region: Kein Klinikum Hessens hat mehr schwerst erkrankte Covid-19-Patienten intensivmedizinisch betreut, ohne dass die Versorgung ›normaler‹ Patienten aller Krankheitsgruppen weggefallen wäre. Die Schwere der physischen, psychischen und emotionalen Belastung durch viele Hunderte nur mit größtem Einsatz überlebende und Hunderte gestorbener Patienten wird wohl niemals ermessbar sein. Erschwerend kam im Laufe des Jahres hinzu, dass wir wie alle anderen Kliniken Pflegekräfte wegen dieser Belastungssituation verloren haben, sodass ein zunehmend dramatischer Pflege-Engpass entstand. Wir haben versucht, mit einem Bündel von auch ungewöhnlichen Maßnahmen gegenzusteuern und mussten irritiert zur Kenntnis nehmen, dass selbst in einer solchen Ausnahmesituation übliches Funktionärsdenken auf verschiedenen Ebenen nicht zurückgestellt wird.

Sobald Impfstoff verfügbar war, haben wir unsere Mitarbeiter geimpft und konnten eine über 90-prozentige Impfquote erreichen. Geradezu fassungslos haben wir die öffentliche Impfdiskussion verfolgt und versucht, mit vielfachen Aktivitäten die Impfbereitschaft zu fördern. Die tödlichen Konsequenzen schwerster Covid-19-Verläufe und die Schutzwirkung der Impfungen täglich erlebend, ist es schwer zu ertragen, in welchem Umfang ›Pseudo-Fakten‹ in unserer Gesellschaft um sich greifen konnten. Was soll man den drei Kindern einer jungen Mutter sagen, die bei uns gestorben ist, weil sie wegen einer Immunschwäche keinen Impfschutz aufbauen konnte, und deren einzige Chance darin bestanden hätte, dass durch eine hohe Impfquote in der Bevölkerung die Ausbreitung des Virus weitgehend unterbunden worden wäre? Wann muss eingeforderte persönliche Freiheit hinter das Wohl der Gesamtgesellschaft zurücktreten?

Und wäre dies nicht genug, musste das UKGM auch 2021 in der ›Investitionsfalle‹ verharren: Als einziges Klinikum (Deutschlands?!) bekommen wir quasi keine Investitionsmittel für den Ersatz defekter Geräte und die Anschaffung neuer Medizintechnik. Das sind Ausgaben, die nicht von den Krankenkassen, sondern verpflichtend von den Trägern der Krankenhäuser mit Gegenfinanzierung über Landes-/Kommunal-Haushalte zu übernehmen sind und ohne die kein Krankenhaus existieren kann. Diesbezüglich konnte bislang aber keine Einigung zwischen den UKGM-Eignern Rhön/Asklepios und dem Land Hessen erreicht werden. Konsequenz ist, dass über die letzten Jahre ein gewaltiger Investitionsstau entstanden ist. Wie sollen wir die Aufgaben der Patientenversorgung bewältigen, wenn selbst der Ersatz jedes Routine-Ultraschallgerätes, geschweige denn Geräteinnovationen, zum unlösbaren Problem wird?

Ich bin allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zutiefst dankbar, die unter diesen Bedingungen ›an Bord‹ geblieben sind, und das ist die überwältigende Mehrheit! Es ist beeindruckend, mit welcher Einsatzbereitschaft alle Berufsgruppen des Klinikums sich allen Widrigkeiten zum Trotz dafür eingesetzt haben, die uns anvertrauten Patientinnen und Patienten bestmöglich zu versorgen. Diese Bereitschaft darf nicht missbraucht werden! Ich hoffe und bete, dass sich 2022 sowohl für die pandemiebedingten wie auch für die menschengemachten Probleme unseres Klinikums Lösungen ergeben werden.«

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