Polizisten führen eine A49-Gegnerin aus dem Dannenröder Wald, wo bereits Bäume gefällt werden. Die Zusammenstöße mit Autobahngegnern werden immer härter, in der Nacht zum Mittwoch kam laut Polizei ein Wasserwerfer zum Einsatz.
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Polizisten führen eine A49-Gegnerin aus dem Dannenröder Wald, wo bereits Bäume gefällt werden. Die Zusammenstöße mit Autobahngegnern werden immer härter, in der Nacht zum Mittwoch kam laut Polizei ein Wasserwerfer zum Einsatz.

A49-Ausbau

Schwere Vorwürfe im Dannenröder Forst: »Es werden Menschen sterben« - Polizei reagiert

  • Kerstin Schneider
    vonKerstin Schneider
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Es sind schwere Vorwürfe, die Beobachter und Waldbesetzer erheben. Bei den Einsätzen zur Räumung im Dannenröder Wald werde permanent gegen den Arbeitsschutz verstoßen und darüber hinaus Menschenleben gefährdet. Das Regierungspräsidium und die Polizei weisen die Vorwürfe zurück. Die Maßnahmen seien »verhältnismäßig.«

Dannenröder Forst - Ein Waldarbeiter geht los, um einen Baum zu fällen. Er setzt die Motorsäge an, als direkt neben ihm aus einer Baumkrone die gellenden Schreie einer jungen Frau ertönen. Sie fürchtet offenbar, dass »ihr« Baum als nächster an der Reihe ist. Einige Meter weiter versuchen schwer gepanzerte Polizistentrupps, Demonstranten davon abzuhalten, in den Sicherheitsbereich vorzudringen, während gleichzeitig Sondereinsatzkräfte versuchen, Baumbesetzer aus luftiger Höhe nach unten zu befördern.

Das Idyll im Dannenröder Forst ist spätestens seit dem Mittwoch vergangener Woche dahin. Wo bis vor Kurzem Blätter raschelten und die Vögel sangen, herrscht nun absoluter Ausnahmezustand. »In meinem Heimatdorf ist Krieg«, so beschreibt es Susanne Gellert vom Bündnis »Keine A49.«

A49-Ausbau durch Dannenröder Forst: Die Zeit läuft davon

Die Trasse für den Weiterbau der A49 freizumachen, das bedeutet in diesen Tagen vor allem eines: Stress für alle Seiten, für Polizisten, Baumbesetzer, Demonstranten, Waldarbeiter.

Den Besetzern und Demonstranten im Dannenröder Forst läuft die Zeit davon. Ohne Pause ging am Wochenende die Räumung weiter, im Wald wird auch schon gerodet. Einer, der sich seit Beginn der Arbeiten im Herrenwald fast jeden Morgen ärgert, wenn er Bilder und Videoclips vom Geschehen sieht, ist Dominik Metz. Bei den Arbeiten für den Weiterbau der Autobahn werde massiv gegen den Arbeitsschutz verstoßen, sagt er. Wenn so auf Baustellen vorgegangen würde, »dann würden die stillgelegt«, so der Architekt: »Aber im Wald dürfen die offenbar machen, was sie wollen.« Dabei sieht er nicht nur Waldbesetzer in Gefahr: »Es gibt ein Video von einer Baumfällung, da rennen auch die Polizisten.«

A49-Ausbau durch Dannenröder Forst: Fällungen „obwohl sich Menschen im Fallbereich aufhalten“

Forstarbeiter im Dannenröder Forst würden gegen Lärm und Vibrationen keinen Gehörschutz tragen, obwohl sie mit Kettensägen arbeiten. Polizisten würden nur wenige Meter von einer aktiven Kettensäge entfernt stehen. Es fehle scheinbar an Schutzausrüstung. Nicht selten würden sich Menschen im Gefahrenbereich von Holzernte- und anderen Maschinen aufhalten. Trotz Warnung werde ein Baum gefällt, an dem eine Traverse (Seil zur Sicherung von Baumhäusern) befestigt ist. Vor allem würden Bäume manuell gefällt, »obwohl sich Menschen im Fallbereich aufhalten«. Das haben immer wieder Beobachter beklagt, wie etwa der junge Mann, der unter dem Namen »Bewegungsgärtner« auf Youtube sagt: »Wenn es so weitergeht, dann werden Menschen sterben.«

Dominik Metz hat inzwischen 33 Beschwerden beim RP eingelegt. Und die Behörde? Das Regierungspräsidium sei »umgehend nach Eingang der Beschwerden, die während den Rodungsarbeiten im Herrenwald eingegangen sind, tätig geworden«, heißt es auf Anfrage. Die Beschwerden, die den Bereich Forstarbeiten betreffen, seien mit den Auftraggebern und Forstbehörden bearbeitet worden. Das Polizeipräsidium sei informiert und um Stellungnahme gebeten worden.

Grundsätzlich werde allen Beschwerden nachgegangen, »da erst durch eine Überprüfung der Sachverhalt rechtlich eingeordnet werden kann«. Die zu beanstandenden Sachverhalte würden in Gesprächen bzw. bei Vor-Ort-Terminen benannt und die notwendigen Schutzmaßnahmen eingefordert. »Beschwerden wurden unverzüglich dem zuständigen Bundesforstbetrieb, dem Polizeipräsidium Mittelhessen und der DEGES zugeleitet.«

A49-Ausbau durch Dannenröder Forst: Polizei spricht von „geeigneten Mitteln“

Das Einhalten der Arbeitsschutzvorschriften wird laut RP regelmäßig kontrolliert, mit dem Fokus, »dass die Firmen und Einrichtungen die notwendigen Maßnahmen für die sichere Ausführung der Arbeiten ergreifen«. Erkennbare Arbeitsschutzmängel seien von den Forstbetrieben »umgehend abgestellt« worden. Die Unternehmen seien vom Bundesforstbetrieb einbestellt und nochmals auf die Einhaltung der Arbeitsschutzvorschriften hingewiesen und verpflichtet worden, diese einzuhalten. »Weiter sind zusätzliche Forstbeamte zur Kontrolle der Einhaltung der Arbeitsschutzvorschriften abgestellt.«

Hinweise auf Verstöße durch die Polizei im Dannenröder Forst würden mit dem Polizeipräsidium besprochen. »Es heißt, dass die fraglichen Szenen ohnehin Themen in der dienstlichen Nachbereitung der Einsätze sind.« Und die Polizei? Auch sie sieht sich massiver Kritik ausgesetzt. Alle Maßnahmen würden »unter besonderer Beachtung und Abwägung der Verhältnismäßigkeit vorgenommen«. Von verschiedenen »geeigneten Mitteln« wähle die Polizei stets das »mildeste« aus. Unmittelbarer Zwang sei immer das letzte aller Mittel »und wird nur eingesetzt, wenn anderes wie mehrere mündliche Aufforderungen oder Verfügungen nicht beachtet werden«. Am Mittwoch war das der Fall. Die Polizei setzte einen Wasserwerfer ein, weil man zuvor angriffen worden sei.

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