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Bushaltestelle für Außerirdische

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Ein Auszug aus dem »Planet Greyhound« von Julia Scher. © KUNSTHALLE

Gießen (pm/gl). Für ihre Einzelausstellung »Planet Greyhound« vom 18. Februar bis 1. Mai in der Kunsthalle verwandelt die Künstlerin Julia Scher den Ausstellungsraum in eine temporäre Bushaltestation für humanoide und extraterrestrische Lebensformen. Es ist die letzte Ausstellung, bevor die Kunsthalle vom 2. Mai bis Anfang November wegen Umbau schließt.

Der titelgebende »Planet Greyhound« wird dabei zu einem Ort logistischer Überwachung. Zugleich ist er ein kosmischer Sehnsuchtsort für ins Abseits geschobene Lebensformen. Denn in Schers Werk verschmelzen Gedanken zur Motivation und Umsetzung von Überwachungsmechanismen mit Reflexionen über jene Gruppen, die einer solchen Kontrolle zumeist machtlos ausgesetzt sind.

Überwachung und Weltraumtourismus

So bezieht sich der namensstiftende »Greyhound« - auf Deutsch Windhund - auf die »Greyhound Lines«, das größte Linienbusunternehmen für Fernverkehr in den USA. Dessen ausrangierte Busse wurden im vergangenen Winter häufig zu mobilen Wärmestationen für Außenseiter der Gesellschaft umfunktioniert. Zugleich stehen Hunde als wiederkehrendes Motiv in den Arbeiten der Künstlerin als Sinnbild für Domestizierung; der kontrollierten Erziehung zugunsten des menschlichen Sicherheitsbedürfnisses.

Betreten Besucher den Ausstellungsraum, der von wachenden Windhundskulpturen gesäumt wird, begeben sie sich in eine intergalaktische Bushaltestation. Angesiedelt zwischen der Erde und dem Planeten Greyhound ist sie ein Transitbereich, in dem Sitzgelegenheiten dazu einladen, den Personenverkehr zwischen den Planeten mittels Videoaufnahmen und Anzeigetafeln zu beobachten.

Offen bleibt, warum die Observation und logistische Kontrolle der fernen Planeten und ihrer Lebewesen erfolgt. Dient sie der Überwachung fremder, potenziell bedrohlicher Lebensformen? Ist sie das Symptom eines florierenden Weltraumtourismus? Oder transformiert sie die Kunsthalle zu einem »Safe Space« und intergalaktischen Zwischenstopp für alle, die in der Hoffnung auf ein friedvolleres Zusammensein jenseits von Kontrollmechanismen, die Reise zum Planeten Greyhound antreten?

Mit ihrer Arbeit regt Julia Scher dazu an, über die eigene Rolle im Umgang mit Überwachungsstrukturen, unbekannten Kulturen und marginalisierten Gruppen nachzudenken - Themen, die im Zeichen der pandemischen Kontaktnachverfolgung, Elon Musk’s SpaceX-Projekten und den jüngst veröffentlichten Pentagonberichten über UFO-Sichtungen des US-Verteidigungsministeriums weiter an Aktualität gewinnen.

In Schers Arbeiten ist die zunehmende Überwachung in der modernen Gesellschaft durch Sprechanlagen, Videokameras oder das Internet Hauptthema - wobei sie auch die Faszination an der Technik und den Wunsch des Menschen nach Kontrolle und Sicherheit miteinbezieht. Im Kunstverein in Hamburg installierte sie beispielsweise Überwachungskameras auf der Herrentoilette.

Multimedia-Installationen, Videoarbeiten, Skulpturen, Publikations- und Internetprojekte - Scher bedient sich dieser Vielfalt an Medien um aufzuzeigen, in welchem Maß Videoüberwachung, Bilderkennung, oder automatisierte Datenbankanfragen inzwischen alltäglich geworden sind. Die 67-jährige US-amerikanische Künstlerin lebt in Köln.

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