Flüchtlinge

Bruder in die Freiheit getragen

  • Joachim Legatis
    VonJoachim Legatis
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Es ist eine fast unglaubliche Geschichte, aber wahr. Zwei Brüder fliehen aus Syrien und schaffen es nach Deutschland – einer im Rollstuhl und zeitweise auf dem Rücken des Bruders.

Manchmal bricht es aus Mohammed Alshiksaleh heraus: »Seit fast eineinhalb Jahren nur essen, trinken, schlafen,« sagt der stämmige 28-Jährige resigniert. Er würde gern endlich deutsch lernen und eine Ausbildung machen, um Computer zu reparieren. Die Kamera des Reporters nimmt er eingehend unter die Lupe und macht ein paar Schnappschüsse – denn Technik fasziniert ihn. Mit seinem Bruder Fadel lebt er in einer kargen Wohnung am Rand von Herbstein, die den unschlagbaren Vorteil hat, barrierefrei zu sein.

Denn seit einem Arbeitsunfall vor neun Jahren ist Mohammed querschnittsgelähmt. Dennoch schaffte er es, zeitweise auf dem Rücken seines Bruders, von Syrien über das Mittelmeer und durch halb Europa nach Deutschland zu flüchten. Das ist eine Leistung, die Erich Seim hoch schätzt, der als Aktiver der Flüchtlingshilfe Groß-Felda die Brüder unterstützt.

Ins Schmuggel-Boot getragen

Wenn die Brüder mit Hilfe von Übersetzer Ali Shamali von der beschwerlichen Flucht erzählen, kann man nur erahnen, welche Schwierigkeiten sie zu überwinden hatten. Mohammed war Bauarbeiter in Aleppo, als er 2008 bei einem Sturz eine schwere Rückenverletzung erlitt. Davon zeugt eine dicke Narbe am Rücken und der Umstand, dass er seither auf den Rollstuhl angewiesen ist. Dennoch konnten die Brüder nicht in der umkämpften Millionenstadt in Nordsyrien bleiben. Sie flohen 2014 über 100 Kilometer nach Norden in die Türkei. »Mit dem Auto und dann über die Grenze zu Fuß,« beschreibt Mohammed die erste Etappe.

Ein Jahr lebten die Brüder in der grenznahen Stadt Gaziantep, bis sie entschieden, nach Europa zu fliehen. »In der Türkei gab es keine medizinische Versorgung, da konnte ich nicht bleiben,« sagt Mohammed. Sie vertrauten sich einem Schmuggler an, der 60 Personen in ein kleines Boot quetschte. »Das schwierigste war, vom Strand aus in das Boot zu kommen.« Mit Hilfe des Bruders gelang das, eng zusammengedrängt gelangten sie auf die griechische Insel Kos. Der kurze Hinweis darauf, dass sie nicht schwimmen können, lässt erahnen, was den jungen Männern bei der Überfahrt durch den Kopf ging.

In Griechenland war die Versorgung gut, wie sie sagen, ebenso in Österreich und Deutschland. »Alle halfen ihm,« sagt Fadel, was besonders für einen Menschen im Rollstuhl notwendig war. In Mazedonien, Kroatien, Slowenien und Ungarn waren sie komplett auf sich gestellt, »das war schwierig«, umschreibt es Mohammed. Zwölf Tage brauchten sie von der Südgrenze der Europäischen Union bis nach Bayern.

Seim erläuterte, dass gute Körperpflege für einen Rollstuhlfahrer extrem wichtig ist. Fadel habe sich hervorragend um den Bruder gekümmert, ihn so gut es ging gewaschen und das Druckgeschwür am Gesäß versorgt. Wie er das unterwegs gemacht hat? »An der Straße,« entgegnet er. Ergebnis der Strapazen war ein großer Dekubitus (ein Druckgeschwür), der sechs Monate Wundpflege im Krankenhaus Lauterbach erforderte.

Langes Warten auf Sprachkurs

Fadel wurde dann in der Gemeinschaftsunterkunft Groß-Felda untergebracht. Erich Seim fuhr ihn oft ins Eichhof-Krankenhaus, damit er Mohammed besuchen konnte. Inzwischen ist die Wunde deutlich kleiner geworden, Mohammed wurde aus der Klinik entlassen. Seim erläutert weiterhin Behördenbriefe und berät in den vielen kleinen Dingen des Pflege-Alltags. Seit Januar ist das Asylverfahren abgeschlossen, die Syrer dürfen zunächst für drei Jahre im Land bleiben. Es dauerte bis Mai, um den Einstufungstest für den Sprachkurs machen zu dürfen. Nun warten sie ungeduldig auf den Beginn des Kurses, damit sie endlich etwas zu tun bekommen.

Am liebsten möchte Mohammed nach Kassel. Dort gibt es Straßenbahnen, die ein Rolli-Fahrer selbstständig nutzen kann, und es werden Fördermaßnahmen für Gehbehinderte angeboten. Man merkt ihm im Gespräch immer wieder an, dass er ungeduldig ist und sich entwickeln will. Sein Traum ist es, mit Computern zu arbeiten. Das ist noch ein langer Weg für einen Menschen, der erst die Sprachhürde überwinden muss, bevor er eine Ausbildung machen kann. Aber wer im Rollstuhl zwei schwer bewachte Grenzen überwindet, schafft vielleicht auch das.

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