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Bei Boney M. schwingt die Hüfte

Gemünden (koa). "HmmmHmm" - ich spüre, der Ton will aus meiner Kehle. Heimlich, ganz langsam hat er sich dorthin geschlichen. Denn Singen, das ist nicht meine Form der Kommunikation. Um mich herum schmettern die Menschen längst die große Liebeshymne des Roland Kaiser: "Dich zu lieben, dich zu spüren…" Längst gehören passende Bewegungen zu dem Klassiker der Schlagerwelt. Hände formen sich zu Herzen, die Arme strecken sich zum Gegenüber. Liebe liegt in der Luft. Noch vier, drei, zwei, eins Sekunden. Roland Kaiser ist am Ende seines Liedes angekommen.

Aber nein, es war ja nicht seine Stimme, die hier aus den Lautsprechern erklang. Es war die von Ilona und Carmen, von Hans-Georg und - ja, es ist wahr - auch von mir. Denn spätestens bei "Deine Wärme, deine Nähe, weckt die Sehnsucht in mir auf ein Leben mit dir", konnte ich nicht mehr anders und verwandelte das "HmmmHmmm" in sattes Liedgut, das im Jahr 1981 mich als 14-Jährige beständig aus dem Radio beschallte. Ilona und Carmen liegen sich mittlerweile in den Armen. Der Roland. Der Kaiser. Wer erinnert sich da nicht gerne an die Samstagabende vor dem Fernseher mit der Hitparade? Wer erinnert sich nicht an die erste Liebe und an das Schmachten, die süße Verheißung? An die Liebesheirat? An das Leben? Genau das alles passierte um mich herum, als ich Dorfgemeinschaftshaus von Ehringshausen eigentlich nur einen schnellen, professionellen Blick auf das Schwarmsingen werfen wollte. Musik, das hat man mir schon immer erzählt, die verbindet. Auf der großen Leinwand hinterlassen jetzt Boney M. ihre Spuren. Oh weh, noch eine Kindheitserinnerung. "Rivers of Babylon" - ein politisch-religiöser Inhalt, den nicht nur die "ChorYFeen" in bestem Englisch durch den Raum fluten lassen. In ihren bunten T-Shirts unübersehbar beleben sie die Veranstaltung immens. Auch Hans-Georg, der Vorsitzende des Ohm-Lumdataler Sängerbundes, lässt mittlerweile die Hüften zur Spider Murphy Gang kreisen, bringt ein "Oh Yeah" ein und lacht: "Das ist einfach klasse, diese Form des gemeinsamen Singens macht sich immer mehr breit."

Mit der Sehnsucht nach "Westerland" von Farin Urlaub kann ich mich dann wieder anfreunden. Erinnert mich an eine Klassenfahrt. Verena lässt ihren Alt erklingen, Jill kann es nicht länger verleugnen: Sie liebt es, zu singen. "Ich komme von den Philippinen, da hat jeder eine Karaoke-Maschine", verrät sie und freut sich, dass später noch "Griechischer Wein" und "Atemlos durch die Nacht" auf der Programmliste stehen, die DJ Andreas Groß am Regler erklingen lässt. "Mama Mia" von ABBA oder "Ich war noch niemals in New York" stehen auch noch dort parat, um Ehringshausen hören zu lassen.

Bei Käsehäppchen und Brezeln geht die Reise definitiv zurück in die 70er Jahre. Eine Zeit, in der die Seele leichter war, die Welt ein wenig herzlicher. Ich blicke mich um und sehe strahlende Gesichter. Musik macht die Seele frei, bringt zusammen. Und nächstes Mal sicher noch viel mehr Menschen zum Ehringshauser Schwarmsingen.

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