Kein gutes Jahr für die Reisebranche: Auch im Sommer standen die Reisebusse von Mark und Marlen Philippi überwiegend still. Nur etwa zehn Prozent der Fahrten konnten stattfinden. ARCHIVFOTO: PM
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Kein gutes Jahr für die Reisebranche: Auch im Sommer standen die Reisebusse von Mark und Marlen Philippi überwiegend still. Nur etwa zehn Prozent der Fahrten konnten stattfinden. ARCHIVFOTO: PM

"Das bleibt in den Köpfen"

  • vonLena Karber
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Die Reisebranche ist von den Einschränkungen im Zuge der Pandemie besonders stark betroffen. Busunternehmer Mark Philippi fürchtet, dass sich die Lage auch 2021 noch nicht normalisieren wird. Langfristig, sagt er, könne die Busbranche jedoch sogar von Corona profitieren.

Herr Philippi, Lockdown statt Weihnachtsmärkte - was bedeutet das für Ihr Unternehmen?

Der Dezember ist normalerweise einer der buchungsstärksten Monate. Da fahren in drei Wochen bis zu 4000 Leute mit uns auf Weihnachtsmärkte. Und im Januar haben wir einige Skireisen. Zudem kommt der Sommerkatalog eigentlich Anfang Dezember bei den Kunden an. Damit werden wir jetzt bis ins neue Jahr warten, weil aktuell keinem der Kopf nach Reisen steht. Wir haben schon zwei Kataloge in die Tonne gekloppt, den dritten wollen wir jetzt an den Mann bringen.

Ist die Situation existenzbedrohend?

Dadurch, dass wir mehrere Standbeine haben, werden wir es packen - allerdings nicht nur mit einem, sondern mit zwei blauen Augen. Aber es geht ja nicht darum, dass die Unternehmen keine Verluste einfahren. Verluste fahren wir alle ein. Es geht darum, dass die Verluste minimiert werden. Es wird kein Unternehmen an irgendwelchen Überbrückungshilfen Gewinne schreiben können. Wir wollen alle nur durch diese bedrückende Zeit kommen.

Das heißt, Sie sind mit der Unterstützung vonseiten der Politik zufrieden?

Wir verstehen die Vorgaben, akzeptieren die Regeln und sind auch nach wie vor mit der Politik einverstanden. Dass Fehler gemacht werden, sehe ich ein. Dass Fehler zurückgenommen werden, könnte ab und zu schneller gehen. Aber in der Politik macht es sich mit den Entscheidungen keiner leicht. Es ist schwer, das Richtige zu entscheiden - es ist aber sehr, sehr leicht, beim Stammtisch oder auf dem Sofa zu kritisieren.

Trotzdem - von welchen Fehlern sprechen Sie?

Die Hürden waren zum Teil so hoch, dass für viele Unternehmen gar keine Hilfen geflossen sind. Das waren Fehler, die man gesehen und behoben hat.

Inwiefern?

Zum Beispiel gibt es Unternehmen, die bei der ersten Überbrückungshilfe gänzlich hinten runtergefallen sind, weil sie keine fremdfinanzierten Fahrzeuge haben. Aber wenn ein Unternehmen gut gewirtschaftet und die Fahrzeuge selbst finanziert hat, sollte das am Schluss nicht bestraft werden. Außerdem werden die Verluste nicht für die einzelnen Sparten betrachtet, sondern für das gesamte Unternehmen. Unternehmen, die auch im Nahverkehr tätig sind, kamen dann nicht auf 80 Prozent Verlust, um die Hilfen zu erhalten, obwohl sie sehr hohe Verbindlichkeiten haben. Für jeden Bus, den sie auf dem Hof stehen haben, gehen pro Monat 4000 oder 5000 Euro ab. Bei zehn Bussen sind das 40 000 Euro pro Monat. Das war ein Fehler, den man erst gesehen hat, als die Überbrückungshilfen draußen waren. Jetzt wird das hoffentlich korrigiert.

Waren Sie davon auch betroffen?

Alle unsere drei Unternehmen sind eigenständig, deshalb waren sie von dieser Problematik nicht betroffen - was am Ende einen Batzen Geld ausmacht. Wir haben für den Teil unserer Fahrzeuge, die finanziert sind, Geld bekommen. Nicht das, was am Schluss an Wert dagegen steht, aber die zwei dunkelblauen Augen wurden auf ein blaues Auge reduziert.

Wo sehen Sie vonseiten der Politik noch Handlungsbedarf?

Bis man wirklich mit der Bürokratie fertig ist und Geld fließt, geht schon einige Zeit ins Land. Für Unternehmen, die Liquiditätsprobleme haben, wird es über den Winter sehr, sehr eng. Unternehmen, die nur von dem Tourismus leben, haben mit Sicherheit bald Probleme, wenn die Hilfen nicht schneller ausgezahlt werden.

Klingt, als hätten Sie großes Glück.

Für unsere Mitarbeiter ist es schwierig. In den Reisebüros ist nach wie vor Kurzarbeit und es wird immer weiter reduziert, weil es kaum Kundenverkehr gibt und die Leute verhalten bis gar nicht buchen. Normal sind die Mitarbeiter 40 Stunden in der Woche da und jetzt haben sie zum Teil nur acht Stunden. Dazu kommt, dass das, was sie gebaut haben, im Prinzip einfach in die Papiertonne gekloppt wurde, weil keiner Weihnachtsmärkte buchen kann oder möchte. Dadurch, dass wir mit Leib und Seele Touristiker sind, ist die Stimmung bedrückt.

Konnten Sie in diesem Jahr überhaupt Reisen anbieten?

Wir haben viele Radreisen gemacht, aber ich glaube, wir sind in den Monaten Juni, Juli, August und September insgesamt 90 Prozent nicht gefahren. Dabei waren unsere Busreisen Anfang des Jahres alle schon gut besetzt oder fast ausgebucht. Das ist natürlich auch für unsere Mitarbeiter, die nur storniert und Kundenabwicklungen gemacht haben, nicht schön gewesen. Im Oktober hat schon gar nichts mehr stattgefunden. Im November war der Umsatz Null, im Dezember wird er Null sein, im Januar Null, im Februar Null und im März sehr wahrscheinlich auch noch Null.

Wann rechnen Sie denn damit, dass es wieder losgeht?

Wir rechnen in der Busbranche damit, dass es zwischen Ende April und Juni wieder anläuft, allerdings auf geringerem Niveau. Daran, dass es sich 2021 normalisiert, glaube ich nicht. Bis es anläuft, hat schon jeder seinen Urlaub in dem Jahr verplant und im Winter wird es auch wieder Corona-Fälle geben. Im Busgeschäft glaube ich an eine Normalisierung 2022.

Und bei den Flugreisen?

Im Fluggeschäft und auch bei den Kreuzfahrten wird es noch länger dauern. Hinterher weiß es jeder besser, aber mein Gefühl ist, dass es 2022 im Fluggeschäft noch keine Normalisierung geben wird. Laut Erhebungen des Tourismuskompetenzzentrums geht das über 2023 weg. Ich glaube, es braucht Zeit, bis sich einer in den Flieger setzt und nach Indonesien, Vietnam oder Thailand fliegt.

Wieso?

Das Vertrauen muss erst wiederhergestellt werden. Man hat ja in den Medien gesehen, wie lange einige im Frühjahr in anderen Ländern festsaßen, und kennt die Aussage der Regierung, dass es keine solche Rückholaktion mehr geben wird. Das ist verständlich, bleibt aber in den Köpfen. Außerdem kann man an einem Urlaub eher sparen als an anderen Dingen. Ich kann sagen: Das brauche ich nicht. Oder: Ich fahre mit meinem Auto, dem Zug oder dem Bus und bleibe in Europa oder in meinem eigenen Land.

Profitiert die Busbranche davon am Ende?

Ich glaube, dass gerade die Busreiseveranstalter nach Corona eine große Chance haben, weil man relativ schnell wieder in seinem eigenen Zuhause ist. Die Qualität, die man in den Bussen hat, wird irgendwann honoriert und die Busreiseveranstalter werden in eine rosigere Zukunft schauen. Aber es wird dauern. 2021 wird noch kein gewinnbringendes Jahr sein.

Wird sich die Art, zu reisen, nachhaltig verändern?

Ja, ich glaube, dass Corona nicht nur negative Seiten hat. Dieses ständige Wachstum und das immer schneller, immer höher, immer weiter wurde ein Stück weit gebremst. Und der Klimawandel bleibt auch weiter bestehen. Darüber werden sich die Leute Gedanken machen müssen. Ich glaube, Kurztripps übers Wochenende mit dem Flieger werden nicht mehr so nachgefragt werden. Ob sich das irgendwann wieder reguliert, steht in den Sternen.

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