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Rainer und Corina Koch mit Jochen Köhler (v. l.) in der Heizzentrale der Nahwärmegenossenschaft.

Biogas für Strom und Heizung

  • Joachim Legatis
    vonJoachim Legatis
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Landwirte stehen unter Druck, wie jüngst wieder Proteste zeigen. Dabei ist Landwirtschaft mehr als nur Ackerbau und Viehzucht. Einige Betriebe setzen auf Biogasanlagen, die aus Gülle und Maissilage Strom und Nahwärme erzeugen. Erfolgreich ist das Konzept in Haarhausen und Unter-Seibertenrod.

Eigentlich sollte es vor Jahren auf dem Hof von Corina und Rainer Koch in Haarhausen ein Mähdrescher werden. Dann aber riet der Steuerberater dazu, lieber in eine Biogasanlage zu investieren. Diese Entscheidung haben sie nicht bereut.

Inzwischen ist die Energiewirtschaft ein stabiles Standbein des Betriebs. Erst stand die Stromerzeugung im Mittelpunkt, erst seit gut acht Jahren fließt der Abwärme des Stromgenerators an eine Energiegenossenschaft. Inzwischen sind 45 Haushalte in Gontershausen und 21 in Haarhausen angeschlossen.

Diesen Weg gehen auch andere. So betreibt ein Landwirt in Bleidenrod eine Biogasanlage, deren Abwärme er im Betrieb nutzt. Bernd Weiß in Unter-Seibertenrod erzeugt Strom und nutzt die Abwärme, um Holz zu trocknen. In Lingelbach haben sich drei Betriebe zusammengetan, um Strom zu erzeugen. Dabei wird der Biogasspeicher auch dafür genutzt, Spitzenlasten im Stromnetz abzufangen. Die Abwärme liefern sie an eine Genossenschaft, an die Privathaushalte sowie das Freibad angeschlossen sind. Und es gibt noch mehr Beispiele.

In Haarhausen ist Rainer Koch überzeugt von dem System, das in den beiden Homberger Ortsteilen gut funktioniert. Es sichere Einnahmen und bietet geregelte Arbeitszeiten. So kann die Familie eher in Urlaub fahren, das klappt in einem Betrieb mit Milchkühen schlecht. »Ich will gesund alt werden«, sagt er im Gespräch. Es gehe um Lebensqualität, »und ich finde eher jemanden, der auf die Biogasanlage aufpasst als auf 200 Rinder.«

Abwärme sinnvoll nutzen

2008 hat die Familie entschieden, in die Biogasanlage zu investieren. Sie wird mit Gülle von den eigenen Rindern, Mais und Grassilage beschickt. Inzwischen haben die Kochs von Milchvieh auf Mutterkuhhaltung umgestellt, doch auch das soll in diesem Jahr langsam enden. Dann bleiben der Ackerbau und die Biogasanlage. Zu dem Hof, der zwischen Haarhausen und Gontershausen liegt, gehören 150 Hektar Land, davon etwa ein Drittel Wiesen.

Die Biogasanlage war der erste Schritt, für den zweiten sorgten die Ehefrauen. Corina Koch ist befreundet mit der Frau von Jochen Köhler, der zum Initiator der Energiegenossenschaft wurde. Am Rande einer Party 2011 unterhielten sich die Frauen über das Stromkraftwerk und kamen schnell darauf, dass mit der Abwärme die Häuser im Dorf beheizt werden könnten. Aus der lockeren Plauderei wurde ein kleines Unternehmen, das heute 66 Haushalte mit Wärme versorgt.

Köhler ist beruflich Betriebsleiter in einem Marburger Unternehmen und kalkuliert Projekte im Millionenbereich, da traute er sich die Berechnung auch bei der Anlage zu. Es musste ein Wirtschaftlichkeitskonzept her, die Genossenschaft vorbereitet und die Finanzierung des teuren Leitungsnetzes finanziell abgesichert werden. Anfangs waren 32 Haushalte dabei. »Da war viel Klinkenputzen angesagt«, erinnert sich Köhler.

Für hohe Kosten sorgt das Leitungsnetz. Zu jedem Haus muss eine Leitung mit ausreichendem Querschnitt geführt werden. Dennoch sind die Kosten im Einzelfall überschaubar. »In der Vollkostenrechnung ist Nahwärme viel günstiger als eine Ölheizung«, da man keinen eigene Anlage anschafft und die Wartungskosten geteilt werden«. Im Haus sind ein Pufferspeicher und ein Regler notwendig.

Das Haus gewinne so an Wert, es sei einfacher zu verkaufen als mit einer alten Ölheizung, sagt Köhler. Wenn jemand in einem der beiden Stadtteile ein Grundstück kauft, »ruft der zwei Tage später an und fragt nach einem Nahwärmeanschluss«. Wichtig ist dabei die Unterstützung durch die Stadt, weil die Leitungen unter öffentlichen Wegen liegen.

Pellets im Winter

Das Prinzip ist einfach: Die Biogasanlage erzeugt durchgehend Strom und liefert die Grundversorgung mit warmem Wasser. Im Winter werden zwei Pelletsanlagen zugeschaltet, um die Verbrauchsspitzen abzufangen. Die Pellets kauft man sattelzugweise ein. Sie kommen aus den Niederlanden, die Pellets eines Holzwerks in Lauterbach werden nach Österreich geliefert, wie Köhler erläutert.

Ein Gasbrenner mit einer Leistung von 240 kW steht bereit, »wenn es bitterkalt wird oder etwas ausfällt«. Eine bewusste Entscheidung war die für zwei Pelletsöfen. Holzhackschnitzel haben oft eine hohe Restfeuchte, was Metallteile angreift.

»Es gibt weniger Störungen mit einer Pelletsanlage«, sagt Rainer Koch. Er ist gelernter Schlosser und kann viele Wartungsarbeiten am Stromgenerator und der Heizanlage selbst erledigen. Corina Koch hat als Bankkaufrau die Finanzen im Griff.

Von der Zusammenarbeit zwischen dem Betrieb und der Genossenschaft sind Köhler und Koch überzeugt. »Das ergänzt sich sehr gut«, sagt Rainer Koch. Wenn die Fleischrinder abgeschafft sind, füttern die Kochs ihre Biogasanlage mit Gülle von befreundeten Landwirten.

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