Nie so bewusst den Frühling erlebt

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In der Corona-Krise sind Risikopatienten von alltäglichen Außenkontakten abgeschnitten. Einkäufe erledigen Familienange- hörige oder Nachbarn. Das Schwätzchen im Dorf unterbleibt, der abendliche Treff im Verein oder Lokal sowieso. Dann gewinnt manches eine neue Bedeutung. Der Alsfelderin Gerda Klemp (89) fällt auf: "Mit diesen Gedanken bin ich nicht alleine."

Die Möglichkeiten zur Abwechslung sind übersichtlicher geworden. In der Zeit des Abstandsgebotes wegen der Corona-Infektionsgefahr kann man aber auch viel Neues entdecken. Und wenn man demnächst 90 Jahre alt wird so wie Gerda Klemp, dann stellt man fest: Über 80-mal das Frühjahr bewusst erlebt - aber noch nie so wie dieses Jahr. Und sie hat gemerkt, dass sie damit nicht alleine ist. Im regen Telefonkontakt mit den Alterskameraden registriert sie: "Den anderen geht es ähnlich." Und so hat sie es aufgeschrieben.

"›Det fiel mir uff". Mit diesem Satz leitete unsere Oberin das ein, was sie uns jungen Schülerinnen als Kritik - seltener als Lob - sagen wollte. Wir alle erinnern uns mit gemischten Gefühlen, aber auch mit großer Dankbarkeit daran, denn wir alle wissen: Dieser Satz hat für uns ganz viele Lernschritte und neue Erkenntnisse eingeleitet.

"Kürzlich hörte ich mich, als ich vom Computer aufstand, laut in mein Zimmer hinein sagen: "Det fiel mir uff". Und das fiel mir dann wirklich auf!

Ja, ich kann bestenfalls mit mir reden, denn ich werde bald 90! Ausgesperrt oder eingesperrt - wie man´s nimmt! Gut versorgt vor der Haustür, aber mit E-Mails, Handy, Telefon und Computer, Mikrowelle und Waschmaschine allein. Doch ich denke nicht daran, mich vereinsamt zu fühlen, ich kann ja viele Kontakte aufnehmen, und andere nehmen Kontakt zu mir auf, zum Beispiel meine Berufskollegen von früher oder die letzten meiner Klassenkameradinnen.

Fast alle, wenn nicht sogar alle, schreiben oder erzählen am Telefon vom Frühling, von den Knospen, die vor Ihrem Fenster immer dicker wurden und sich jetzt öffnen, von den Vögeln, denen sie zusehen. Mehrere erzählten: Seit meine Kinder aus dem Haus sind, lag das Vogelbuch nicht mehr auf dem Fensterbrett. Jetzt habe ich es wieder hingelegt. --- Noch nie zuvor haben wir Kolleginnen oder Klassenkameradinnen uns über die Natur vor den Fenstern unterhalten, nie über Vögel, die Nistmaterial herumtragen, noch nie über das Entfalten der Blätter miteinander gesprochen.

Wir haben das alles jedes Jahr gesehen, aber in diesem Jahr erleben wir es! Und wir erzählen uns, wie wunderbar schön das ist, und wie wir das bestaunen und auf einmal als wunderbares Geschenk empfinden. Denn wir wissen ja: Es ist nicht selbstverständlich! Wir Menschen haben ja schon Gegenden geschaffen, in denen das Leben tot bleibt!

Noch vor Kurzem konnte mein Nachbar mir und ich ihm ins Zimmer hinein gucken, wenn wir abends das Licht anmachten. Inzwischen brauchen wir keine Gardinen mehr. Zwischen uns ist alles grün, und nur ab und zu scheint das Licht des Nachbarn einmal kurz durch die Blätter.

In der Dämmerung sitze ich da und beobachte, wie der Wind die Zweige bewegt und staune. Eine ganze Zeit lang wackeln nur alle Blätter an den Zweigen, aber im nächsten Moment gerät der ganze Baum ins Schwanken. Wer konnte sich so etwas ausdenken? Mir fällt die Bibelstelle ein vom ›leichten, sanften Säuseln‹. Wohin gehört das nochmal? Ja, zu Elia, als der Gott begegnete! Ich hole meine Bibel und schlage die Stelle nach. Ja, in diesem Jahr nehmen wir Alten uns tatsächlich mehr Zeit, um am Fenster zu sitzen und zu sehen, wie der Frühling ganz leise vor unserem Fenster einfach so ›geschieht‹, und wir werden dankbar für dieses Erlebnis und wir erzählen zum ersten mal in unserem langen Leben einander davon."

Neben dem Entdecken der erwachenden Natur im Frühling und dem Austausch mit Alterskameraden und beruflichen Weggefährten beschäftigt sich Gerda Klemp derzeit noch mit ihrem Garten.

Das Einkaufen haben eine Tochter und die Enkel übernommen, sofern sie nicht sicherheitshalber an ihren Studienorten bleiben sollen. Für Gerda Klemp verläuft das Leben ruhiger als bisher. Sie fährt nicht mehr zu Veranstaltungen und hat keine Chorproben mehr. Nur noch für Spaziergänge über ihre Wiesen und Weiden außerhalb des Dorfes holt sie das Auto aus der Garage. Sie erlebt diese Zeit der Einschränkungen dennoch "als Zeit neuer Entdeckungen vom Reichtum des Lebens".

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