Stefan Hartung und Andrea Schmidt planen den ersten Termin mit dem Peer-Berater in Lauterbach. FOTO: PM
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Stefan Hartung und Andrea Schmidt planen den ersten Termin mit dem Peer-Berater in Lauterbach. FOTO: PM

Betroffene verstehen die Nöte besonders gut

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Vogelsbergkreis(pm). Unabhängig Beraten, Selbstbestimmt Teilhaben - auf diesen beiden Säulen fußt die Arbeit der EUTB, der Ergänzenden Unabhängigen Teilhabeberatung, die seit 2018 vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales gefördert wird und ihre Verankerung im Angehörigenentlastungsgesetz hat. Auch im Vogelsberg gibt es seit zweieinhalb Jahren eine Beratungsstelle mit zwei Stützpunkten - angesiedelt in Lauterbach und Alsfeld, zuständig für das komplette Kreisgebiet und angrenzende Teile des Schwalm-Eder-Kreises und des Kreis Fulda.

Andrea Schmidt, die vom Lauterbacher Büro aus berät, blickte in diesen Tagen zurück auf die Herausforderungen der Corona-Krise. Mit dabei: Stefan Hartung, seit wenigen Monaten einer von bisher zwei ehrenamtlichen Peer-Beratern der EUTB.

"Wie in allen Bereichen der Gesellschaft mussten auch wir unsere Arbeit mit dem Lockdown und darüber hinaus komplett umkrempeln", berichtet Andrea Schmidt. Persönliche Kontakte waren nicht mehr erlaubt, die aufsuchende Beratung in den Gemeinden, die Schmidt und ihr Kollege Berthold Sommer aus dem Alsfelder Büro aufgebaut hatten, kam zum Erliegen, da die kommunalen Räume nicht mehr für die Öffentlichkeit geöffnet waren. "Wo es ging, haben wir telefonisch oder per E-Mail beraten", so Schmidt weiter, die die Möglichkeit genutzt hat, im Homeoffice zu arbeiten.

"Grundsätzlich kann man sagen, dass die Anfragen in dieser Zeit auch zurückgegangen sind - es lag eben alles auf Eis und geriet in eine Warteschleife. Die Menschen waren sehr mit sich beschäftigt und viele unserer Anlaufstellen waren ja auch nur schwer zu erreichen." Die Warteschleife scheint sich nun langsam wieder aufzulösen. Die Beratungsanfragen haben wieder zugenommen. Beraten wird auch wieder vor Ort - coronakonforme Vorkehrungen sind getroffen. So müssen die Ratsuchenden sich in jedem Fall vorher anmelden und die Hygieneregeln einhalten.

"Im vergangenen Jahr hatten wir 225 Beratungen, seit Bestehen der EUTB 542", erläutert Schmidt. "Wir sehen uns als Lotse, beraten im Antragswesen und bei Widersprüchen. Wir helfen bei Fragen zu Umschulung und Wiedereingliederung, manchmal haben wir auch Probleme bei Scheidung und Sorgerecht auf dem Tisch - immer im Zusammenhang mit einer Behinderung oder Unterstützungsbedarf."

Dabei liegt das Hauptaugenmerk auf einer Weiterleitung an die richtigen Stellen. "Wir sind gut vernetzt und können hier eine wichtige Hilfestellung leisten, indem wir Kontakte anbahnen und Vorbereitungen treffen."

Schon als Kind ein Bein verloren

Die ehrenamtliche Beratung, die klassische Selbsthilfe also, die Beratung unter Gleichen vorsieht, ist ein wichtiges Standbein der EUTB. Mit Beate Faulstich-Reichhardt (Aautismus Mittelhessen) ist seit vergangenem Jahr eine betroffene Mutter aktiv, nun konnte sich die Einrichtung über weiteren Zuwachs freuen: Stefan Hartung, als Beinamputierter in der Fuldaer Amputierten-Selbsthilfe aktiv, bietet nun auch Beratungen an.

"Wenn Menschen eine Amputation vor sich oder bereits hinter sich haben, müssen sie sich mit einer ganz neuen Lebenssituation abfinden", so die Erfahrung des 50-Jährigen, der schon als Kind ein Bein verlor. "Dabei geht es längst nicht nur um den gesundheitlichen Zustand und das Antragswesen, sondern auch darum, ob und wie man seinen Beruf noch ausüben kann, wie es mit der Mobilität weitergeht, was man bei einer Prothese wissen muss und vieles andere mehr." Hier kann der Berater, der auf viele Jahre ehrenamtlicher Tätigkeit im Raum Fulda und Großenlüder zurückblickt, mit jeder Menge Erfahrung, aber auch mit viel Empathie zur Seite stehen.

"Niemand kann sich so gut in das Empfinden von betroffenen Menschen einfühlen wie Betroffene selbst. Und die Betroffenen sind es auch, die die konkreten Erfahrungen gemacht haben, über die wir oft nur theoretisch beraten", so Schmidt. Gerne würde man weitere Betroffene mit ihren Erfahrungen und ihrer Expertise als Peer-Berater für die EUTB gewinnen.

Für die Zukunft hofft Schmidt, dass spätestens im Frühjahr wieder mehr persönliche und auch aufsuchende Beratung in den Gemeinden möglich ist. Der Grundstein dafür ist gelegt: Das Bundesministerium hat die Förderung der EUTB um weitere zwei Jahre verlängert. Mit Blick auf den gesetzlichen Hintergrund ist sogar mit einem Weiterbestehen bis 2027 zu rechnen. Schmidt dazu: "Wir bleiben also vor Ort, um den Menschen hier mit Rat und Tat zu mehr Teilhabe und Inklusion zu verhelfen."

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