lkl_moderna2_MatthiasBei_4c_1
+
Da der Impfstoff von Biontech knapp ist, sollen über 30-Jährige mit Moderna geboostert werden. Laut Allgemeinmedizinerin Susanne Sommer ist das auch gar kein Problem - sie fürchtet nur unnötige Diskussionen. SYMBOLFOTO: MATTHIAS BEIN/DPA

Belastungsprobe für die Hausärzte

  • Lena Karber
    VonLena Karber
    schließen

Viele Hausärzte fahren ihre Impfkapazitäten aktuell noch einmal deutlich hoch, um der Nachfrage nach Booster-Impfungen nachzukommen und die vierte Welle zu brechen. Dass sie dabei nun vorrangig mit dem Moderna-Impfstoff arbeiten müssen, sorgt jedoch für Verärgerung. Susanne Sommer, Bezirksvorsitzende des Hausärzteverbandes Hessen im Vogelsberg, erklärt, wieso.

Am vergangenen Freitag tagte die Regionalkonferenz des Hausarztverbandes Hessen in Bad Soden-Salmünster. Und so saß Susanne Sommer gerade mit Kollegen und Kolleginnen zusammen als die Nachricht eintraf, dass die wöchentliche Abgabemenge des Impfstoffs von Biontech auf 30 Dosen pro niedergelassenem Arzt beschränkt werden soll. Damit solle verhindert werden, dass Moderna-Bestände das Verfallsdatum überschreiten, hieß es zunächst. Dann korrigierte Jens Spahn die Begründung. Aufgrund der großen Nachfrage sei nicht mehr genug Biontech da, sagte der Gesundheitsminister. Den Unmut der Hausärzte konnte er damit allerdings nicht glätten. »Wir wehren uns dagegen, dass unsere Praxisteams immer wieder in letzter Minute die Planungsfehler der Politik ausbaden müssen«, heißt es in einer Resolution, in der die Delegiertenversammlung im Hausärzteverband Hessen dem Bundesministerium für Gesundheit Versagen vorwirft.

Die Hausärzte ärgern sich vor allem über die Kommunikation. Noch in der Vorwoche habe man den Praxen versichert, dass genug Biontech-Impfstoff da ist, erzählt Sommer, Bezirksvorsitzende des Hausärzteverbandes Hessen im Vogelsbergkreis und Ärztin in der Praxis an der Ohm. »Das heißt, Jens Spahn hat uns etwas zugesagt ohne vorher in seinen Schrank zu gucken, wie viel er da drin hat«, sagt sie. »Damit hat er uns in einer Situation, in der wir kopfstehen vor lauter Arbeit, ein künstliches Problem eingebracht, weil nicht nachgedacht wurde.«

In den Hausarztpraxen, das hört man von allen Seiten, ist die Arbeitsbelastung aktuell enorm. 20 bis 25 Infekt-Kranke habe man pro Tag, erzählt Sommer - das sei im Vergleich zu anderen Jahren »relativ viel« und hänge damit zusammen, dass es im Vorjahr durch die Einschränkung der sozialen Kontakte deutlich weniger Infekte gegeben habe. Hinzu kommen mit den steigenden Infektionszahlen viele Corona-Patienten. »Fünf von sechs Covid-Kranken werden in den Praxen behandelt und einige davon laufen am Rande eines Krankenhausaufenthalts«, sagt Sommer. »Das ist sehr anstrengend.«

Gleichzeitig sind die Hausärzte derzeit tragende Säule der Impfkampagne und sollen in Hessen laut Gesundheitsministerium mit 250 000 Spritzen pro Woche die Mehrzahl der Impfungen übernehmen. »Wir haben unsere Kapazitäten alle hochgefahren«, sagt Sommer.

So sollen in der Praxis an der Ohm in der kommenden Woche insgesamt 380 Impfungen durchgeführt werden. An zwei Nachmittagen werden dazu jeweils zwei Ärzte abgestellt. Weil man zu fünft sei, gehe das, sagt Sommer. Dennoch sei der Aufwand groß. Denn Impfterminvergabe und Dokumentation bedeuten für die Praxen einen Mehraufwand - zumal künftig zwei Impfstoffe im Spiel sein werden. Viele Praxen veranstalten daher spezielle Impfaktionen, etwa an den Wochenenden. »Beim Hausarzttag waren auch einige ältere Kollegen dabei«, sagt Sommer. »Und alle waren sich einig, dass sie in ihrer Praxiskarriere noch nie so eine Belastung auszuhalten hatten.«

Dabei rollt die Booster-Impfwelle erst auf die Hausärzte zu und wird im Dezember und Januar wohl ihren Höhepunkt erreichen. »Wir haben ja erst im Mai und Juni richtig Impfstoff bekommen«, sagt Sommer. Und bei all jenen Impflingen stehen nun Auffrischungen an. Entsprechend seien schon bis Ende Januar Impftermine vergeben worden.

Von Moderna war dabei allerdings noch keine Rede. Deswegen fürchten die Praxen jetzt Diskussionen. »Biontech und Moderna sind beides gute Impfstoffe«, betont Sommer. Und es sei sowohl möglich, Biontech-Geimpfte mit Moderna zu boostern als auch andersherum. Das Problem sei, dass Moderna in Deutschland bisher weniger bekannt sei. Und den Hausärzten fehlt die Zeit, um jeden Patienten von der Sicherheit des Impfstoffs zu überzeugen. »Wir impfen mit einer sehr hohen Frequenz, um die Impfungen durchzukriegen«, sagt Sommer. »Wir haben keine Zeit mit 150 Leuten pro Nachmittag zu diskutieren, welchen Impfstoff sie bekommen.«

Laut einer Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) sollen unter 30-Jährige nicht mehr mit Moderna geimpft werden. Sie bekommen daher bevorzugt die Biontech-Dosen. »Nachdem wir wirklich massiv auf die Barrikaden gegangen sind - alle Hausärzte und alle Landesregierungen - hat Biontech jetzt zugesagt, zwei Millionen zusätzliche Dosen auszuliefern«, sagt Sommer. Damit komme man in ihrer Praxis mit drei Arztsitzen auf 150 Dosen pro Woche. »Ich denke, damit müssten wir die unter 30-Jährigen impfen können«, sagt die Allgemeinmedizinerin. »Und wenn es nicht reicht, müssen die jungen Leute eben warten, bis wieder Impfstoff da ist.«

Zudem boostern die Hausärzte in der Praxis an der Ohm aktuell nur Personen, deren zweite Impfung bereits sechs Monate zurückliegt, um überhaupt irgendwie geordnet vorgehen zu können. Nur bei Personen, die mit Johnson und Johnson geimpft wurden, ist der Abstand zwischen der Impfung und der Auffrischung deutlich kürzer. Vorgezogene Booster gibt es maximal für sehr gefährdete Patienten. Das gelte aber nur für Extremfälle, betont Sommer und nennt den 55-Jährigen Diabetiker mit Übergewicht und Bluthochdruck als Beispiel. Oder den Rheumatoid-Kranken, der Medikamente nimmt, die die Immunabwehr herabsetzen.

Ansonsten appelliert sie an die Geduld und das Verständnis der Patienten. »Die Arzthelferinnen in den Praxen müssen schon einiges aushalten«, sagt sie und ruft dazu auf, Telefonleitungen nicht unnötig zu blockieren, da diese für Patienten mit akuten Beschwerden freibleiben sollten. »Wir machen, was möglich ist und die Arzthelferinnen können nichts dafür, wenn wir kein Biontech kriegen oder die Impftermine voll sind.«

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare