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Vom Bahnhof blieb ein Schutthaufen

  • Joachim Legatis
    vonJoachim Legatis
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Drei Tage vor seinem Ende holte der Zweite Weltkrieg das verträumte Ehringshausen ein. Mit einem ohrenbetäubenden Knall explodierten zwei mit Sprengstoff beladene Waggons auf dem Bahnhof. Das ist genau 75 Jahre her. Kein Mensch wurde verletzt oder getötet, vom Bahnhof blieb aber nur ein Schutthaufen.

Der Zweite Weltkrieg kam vor 75 Jahren unübersehbar, vor allem aber unüberhörbar, nach Ehringshausen. Am 25. März 1945 gegen 12 Uhr beschossen alliierte Tiefflieger einen Zug am Bahnhof und jagten zwei mit Sprengstoff beladene Waggons in die Luft. "In Sekunden war der Bahnhof wie weggefegt und ein Riesenloch war da", erinnert sich Gisela Müller geb. Seifert.

Als Siebenjährige erlebte sie die letzten Kriegstage in der nahen Gaststätte "Ecksteins" mit. Sie und ihre Mutter konnten sich damals in den Keller des Fachwerkhauses retten und überlebten die Explosion ebenso wie Bahnhofsvorsteher Hoffmann und ihr zehnjähriger Cousin Karl Buseck.

Die Explosion der Sprengstoffwaggons muss gewaltig gewesen sein. In einem Zeitungsbericht von 1954 wird sie als "ohrenbetäubend" beschrieben. Eine hohe Staubwolke habe sich ins Dorf gewälzt, Ziegel fielen von Dächern herab. In dem Bericht heißt es, die alliierten Jäger hätten zwei Waggons mit Dynamit auf dem Bahnhof wohl mit Leuchtspurmunition aus den Bordwaffen getroffen.

Roland Albert vom Gemeindearchiv Gemünden hat herausgefunden, dass die Druckwelle sogar einige Kirchenfenster in Nieder-Gemünden zum Zersplittern brachte. Gleisteile seien zudem bis in das Nachbardorf Rülfenrod geschleudert worden. Das Dorf Ehringshausen habe hingegen recht wenig abbekommen, weil es niedriger liegt und die Druckwelle über die Ortslage hinwegging.

Übrigens marschierten drei Tage später US-Truppen in das Dorf ein - der Krieg war vorbei. Deutsche Einheiten hatten zuvor bereits Waffen und Fahrzeuge im Wald zwischen Ehringshausen und Ober-Gleen auf der Flucht zurück-gelassen. Die Munitionsreste holt der Kampfmittelräumdienst noch bis in die heutigen Tage aus dem Wald.

Karl Buseck hat eine besondere Erinnerung an Ehringshausen. Er hat zu Weihnachten 1944 ein Holzmodell des Ehringshäuser Bahnhofs als Geschenk erhalten. Gebastelt hat es ein Rentner, der in einem Gastzimmer wohnte.

An den älteren Herrn erinnert sich auch Gisela Müller sehr gut. Er hatte den Keller des Hauses Eckstein mit Holzstützen verstärkt. Das mag der siebenjährigen Gisela und ihrer Mutter Frieda das Leben gerettet haben. Das Gebäude überstand die Detonation, nur die Fenster gingen zu Bruch.

Der damals zehnjährige Karl Buseck hatte sich in einem Wasserdurchlass in Bahnhofsnähe versteckt und so die Explosion überstanden. Frieda Seifert hat in den Kriegstagen die Gaststätte im Haus Ecksteins geführt. Ihr Mann war Soldat und kam erst 1949 zu seiner Familie zurück.

Verkleidete Spione

Gisela Müller erinnert sich immer noch an eine besondere Begebenheit aus den Tagen vor dem gravierenden Luftangriff. Zwei Tage zuvor waren drei Rotkreuzschwestern auf einen Kaffee in der Gaststätte eingekehrt und hätten dauernd zum Bahnhof geschaut. Das Dienstmädchen der Seiferts, Irma, servierte die Getränke und sagte dann der Mutter, die vermeintlichen Frauen seien verkleidete Männer. Sie hätten Perücken auf und "behaarte Finger".

Als die Mutter kurz darauf in den Gastraum ging, war das Trio verschwunden, das Geld lag auf dem Tisch. Gisela Müller vermutet, dass es sich um Spione handelte, die den Bahnhof auskundschafteten.

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