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Pianist Timur Gasratov brilliert in der Reihe "Weltklassik" in Melchiorsgrund.

Bach und die Gassenhauer

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Schwalmtal (pm). Zum Zeitpunkt ihres Drucks - präziser ausgedrückt wurden Noten damals noch gestochen - versammelte Johann Sebastian Bach in den Goldberg-Variationen bereits 200 Jahre europäische Musikgeschichte und inspirierte in der Folge viele Generationen von Musikern - bis heute. Gleichzeitig stellt das Werk sozusagen den Höhepunkt barocker Variationskunst dar.

Der Aufbau folgt einer strengen Logik. Auf eine Aria folgen 30 Variationen derselben, die in unterschiedlichen Stilen und Farben der diversen Kompositionsschulen der damaligen Zeit auf die Ausgangsmelodie zurückführen. Der aus Odessa stammende Künstler des Abends, Timur Gasratov, hob bei seinem Auftritt in Melchiorsgrund eine Besonderheit der Variationen hervor. Variation Nr. 30, Quodlibet, bestand aus der scherzhaften Zusammenführung dreier unabhängiger Melodien zu einem gemeinsamen Tonsatz.

In diesem Fall verwandte Bach Melodien bekannter Gassenhauer seiner Zeit und bewies damit seinen Sinn für Humor. Timur Gasratov, der bereits mit zehn Jahren als Komponist und mit 14 Jahren als Pianist debütierte, zeigte, wie sehr er für diese Musik brennt. Selbst bei den schwierigsten Passagen mit engen Übergriffen schienen seine Finger einer eigenen anmutigen Choreografie zu folgen, die den Vortrag auch zu einem visuellen Erlebnis werden ließ. Nach über einstündigem konzentriertem Lauschen entließ der Künstler das begeisterte Publikum in eine Pause. Aber: Was sollte jetzt noch kommen? Timur Gasratov erläuterte, dass er mit Schumanns Fantasiestücken op. 12 quasi den Gegensatz zur programmatischen Musik Bachs anstimmt. Während Bach ein Thema oder ein Bild hatte, auf das er hin komponierte, schuf Robert Schumann seine Musik fast träumerisch aus sich heraus und gab ihr anschließend einen Namen. Der auch vom Künstler sehr intensiv erlebte erste Teil des Abends bewog den Pianisten zu einer spontanen Programmänderung. Hier zeigt sich, dass die Art und Weise, wie die Zuhörer "mitgehen" und die Konzentration halten, auch einen Einfluss auf die Intensität des Vortrags hat. Statt nur sechs der Fantasiestücke zu spielen, wie im Programm abgedruckt, vervollständigte er den Zyklus mit "Grillen" und "Ende vom Lied".

Die Zuhörer erlebten den gleichen virtuosen Stil, fühlten sich aber deutlich stärker berührt. Die beruhigende Abrundung fand Timur Gasratov dann bezeichnenderweise wiederum in der Zugabe, wo er zu Johann Sebastian Bach zurückkehrte. Wieder einmal ein bemerkenswerter Konzertabend mit intensivem Musikerleben und hautnahem Austausch mit international anerkannten Künstlern. Das nächste Konzert der Reihe findet am Sonntag, dem 13. Oktober, statt, wie immer um 17 Uhr. Infos und Reservierungen unter www.weltklassik.de.

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