Marian Mattner
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Marian Mattner

Der Azubi-Flüsterer

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Fachkräftemangel ist seit Jahren ein Thema. Als wirksames Mittel wird immer wieder die Berufsausbildung genannt. Marian Mattner setzt da an, wo es schwierig wird. Er redet mit Auszubildenden und ihren Chefs und hat schon viele Ausbildungsverhältnisse "gerettet". Wie das geht, darüber spricht er im Interview.

Sie sind der Projektmanager und Ausbildungs- begleiter. Was genau ist QuABB?

Die "Qualifizierte Ausbildungsbegleitung in Betrieb und Berufsschule" (QuABB) ist ein Programm der Landes- regierung, das an mehr als hundert hessischen Berufsschulen läuft. Seit 2016 gibt es QuABB im Vogelsbergkreis. Zielgruppe sind alle Auszubildenden, die im Kreis wohnen, ihren Ausbildungsplatz haben oder zur Berufsschule gehen, sowie Ausbildungsbetriebe. Die Beratung ist für Auszubildende und Betriebe kostenlos, und ich unterliege der Schweigepflicht.

Wo sind Sie mit diesem Angebot aktiv?

Ich biete an beiden Berufsschulen (Vogelsbergschule Lauterbach und Max-Eyth-Schule Alsfeld) im Wechsel Sprechstunden für Auszubildende, Lehrkräfte und Ausbildungsbetriebe. Beratungs- gespräche können auch im Ausbildungsbetrieb oder in der Vogelsberg Consult GmbH geführt werden, da bin ich flexibel.

Wie viele Auszubildende beraten Sie?

Seit 2016 habe ich 90 Auszubildende beraten. Bei knapp einem Drittel der jungen Leute hatte bereits eine Kündigung stattgefunden oder stand kurz bevor. In den allermeisten Fällen konnte man mit den Auszubildenden und den Betrieben eine Lösung finden.

Können sich auch Unternehmen an Sie wenden, oder muss die Anfrage stets von Auszubildenden kommen?

Ausbildungsbetriebe und Unternehmen können sich gerne direkt an mich wenden, wenn sie Probleme mit ihren Auszubildenden haben. Ich finde es gerade wichtig, auch die Sicht der Ausbilder oder Vorgesetzten in den Betrieben auf bestimmte Ausbildungssituationen kennenzulernen.

Sie kooperieren mit Schulen und Unternehmen. Haben Sie noch weitere Kooperationspartner an Bord?

Neben den Berufsschulen und Betrieben arbeiten wir mit einer Vielzahl von Partnern zusammen. Dazu gehören die Kammern, Ämter und Behörden, Agentur für Arbeit, Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe, Suchtberatungsstellen und viele mehr.

Gibt es Umstände, auf die Sie in Ihren Beratungen immer wieder stoßen, also Probleme, die gehäuft auftauchen?

Der Übergang von der Schule in den Beruf fällt manchem Auszubildenden schwerer als anderen. Gerade in den ersten Wochen und Monaten der Ausbildung, also meist im Rahmen der Probezeit, entscheiden sich viele grundlegende Dinge. Hier entstehen Unsicherheiten auf beiden Seiten, ob man wirklich zusammenpasst. Grundlegend kann man die Probleme in drei Bereiche unterteilen: private Probleme der Auszubildenden, schulische und betriebliche Schwierigkeiten. In den ersten Bereich fallen Sachen wie Probleme im Elternhaus oder Freundeskreis, aber auch das Arbeits- und Sozialverhalten in Berufsschule und Betrieb. Schulische Probleme bedeuten in der Regel, dass in manchen Fächern Nachhilfebedarf besteht, damit die Noten für die Zwischen- beziehungsweise Abschlussprüfung zufriedenstellend sind, aber auch Unterstützung in Bezug auf die Vermittlung der Fachtheorie. Betriebliche Differenzen stellen den dritten Bereich dar; dabei geht es oft um die Rolle im Betrieb, Konflikte mit Vorgesetzten oder Kollegen, Arbeitsverhalten und Motivation.

Welche Alternativen haben Sie für Auszubildende, wie helfen Sie konkret?

Anders als früher gibt es heute für nahezu jede Problemlage professionelle Beratungspersonen an den Schulen beziehungsweise im Umfeld. Das reicht vom Schulpfarrer über die Ernährungsberatung, Suchtberatung und Nachhilfe bis zu meinem Angebot. Kommt ein Auszubildender mit einem speziellen Problem auf mich zu, kann ich ihm direkt über Beratungsgespräche weiterhelfen - oder ich verweise ihn an die entsprechenden Fachleute weiter.

Wie sieht so eine Beratung aus - können Sie einen Fall schildern?

Ein Kfz-Betrieb rief mich an und schilderte, dass man mit einem Auszubildenden sehr unzufrieden sei. Als Gründe wurden häufige Unpünktlichkeit, mangelnde Motivation und lange Krankheitsphasen genannt. Eine betriebsbedingte Kündigung war angedacht. Ich erhielt den Auftrag, mich mit dem Auszubildenden zu einem Gespräch zu treffen. Im Gespräch arbeiteten wir die vom Betrieb genannten Punkte Schritt für Schritt durch. Der Auszubildende benannte aus seiner Sicht Gründe, die zu der Situation geführt hätten, und zeigte sich motiviert, seine Ausbildung wieder in den Griff zu bekommen. Einige Wochen später teilte er mir mit, dass sich das Arbeitsklima deutlich gebessert habe und eine Kündigung vom Tisch sei.

Idealerweise werden Ausbildungsverhältnisse durch Ihr Engagement stabilisiert und ihr Fortbestand gesichert. In wie vielen Fällen gelingt das tatsächlich?

In den meisten Fällen gelingt es, bestehende Ausbildungsverhältnisse zu erhalten. Für den Vogelsbergkreis lässt sich für den bisherigen Zeitraum eine Erfolgsquote von 86 Prozent verzeichnen. 75 Prozent der Auszubildenden setzten ihre Ausbildung nach einer QuABB-Beratung anschließend fort, neun Prozent hatten ihre Ausbildung innerhalb des Beratungszeitraums bereits erfolgreich abgeschlossen. Wenn man bedenkt, dass ein vorzeitiger Ausbildungsabbruch den Betrieb je nach Branche zwischen 7000 und 8000 Euro kostet, dazu viel Zeit und Personal investiert wurde, würde ich alle bestehenden Möglichkeiten ausschöpfen.

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