Sabine N. hat durch ihre Nierenerkrankung beide Beine verloren, aber nicht den Lebensmut. Sie engagiert sich unter anderem für andere Betroffene. FOTO: EVA
+
Sabine N. hat durch ihre Nierenerkrankung beide Beine verloren, aber nicht den Lebensmut. Sie engagiert sich unter anderem für andere Betroffene. FOTO: EVA

Nie aufgeben ist ihre Devise

  • vonHannelore Diegel
    schließen

Es gibt sie, die Alltagsheldinnen und -helden. Sabine N. ist eine von ihnen. Durch zahlreiche gesundheitliche Schicksalsschläge ist sie seit zwei Jahren nach der Amputation beider Beine vollkommen auf den Rollstuhl und auf fremde Hilfe angewiesen.

Sicher hat sie der eine oder andere schon mit ihrem Elektrorollstuhl durch Homberg fahren sehen oder ist ihr beim Einkaufen begegnet. Vor einem Jahr hatte sie gerade die zweite Spenderniere bekommen und erneut waren Probleme aufgetreten. Nun, wieder mit dem Elektrorollstuhl und nach dem Verlust beider Beine, erzählte sie, wie es ihr inzwischen ergangen ist und welch schwerer Weg hinter ihr liegt. Auf die Frage, wie sie es verkraftet hat, beide Beine zu verlieren, antwortete sie: "Wieso, mir geht’s doch gut. Es gibt Menschen, die haben viel Schlimmeres als ich."

Kennengelernt hatte die Autorin Sabine schon Anfang der 1980er Jahre in einer Schule in Grünberg, wo sie Schülerin war. Auch nach der Schulentlassung kam sie immer wieder zu Besuchen in die Schule und erzählte auch von ihrer Erkrankung.

Im Anschluss an die Schule hat Sabine N. eine Ausbildung im Seniorenheim der AWO in Londorf absolviert. Durch einen Sportunfall (Sabine war Hobbyfußballerin beim SV Lehnheim) wurde per Zufall festgestellt, dass ihre Nieren nur noch zu fünf Prozent arbeiten. Nach einer vierjährigen Phase als "Präpatientin" mit spezieller Diät kam Sabine N. 1988 erstmals an die Dialyse in der Uni Gießen. "In dieser Zeit habe ich aber noch bis 1991 weiter beim SV Lehnheim Fußball gespielt", betont sie.

Da sie wegen der Erkrankung ihre Arbeit im Seniorenheim nicht mehr wahrnehmen konnte, vermittelte ihr das Arbeitsamt eine Vorbereitung auf eine kaufmännische Ausbildung im Allgäu. 1991 erhielt sie in Frankfurt im Rahmen einer Transplantation ihre erste Spenderniere. Anschließend schloss sie sowohl die Vorbereitung zur kaufmännischen Ausbildung und bis 1994 auch die kaufmännische Ausbildung ab. "Die Ausbildung wollte ich eigentlich nicht machen, aber das Arbeitsamt ließ mir damals keine andere Wahl." Beruflich war sie bis 1992 im Bereich Alten-, Kranken- und Familienpflege tätig, bis 2002 erneut Probleme mit der Niere auftraten und es zur ersten Abstoßung des Spenderorganes kam. "Damals musste ich zur Unterdrückung des körpereigenen Abwehrsystems im Rahmen einer Immunsuppression 21 Tabletten am Tag einnehmen."

Als 2004 die zweite Abstoßung der Niere erfolgte, musste sie wieder an die Dialyse, dieses Mal nach Alsfeld. Im Zeitraum von zehn Jahren hat sie alle Dialyseverfahren durchgemacht, bis hin zur Bauchfelldialyse, die sie drei Jahre lang zu Hause selbst durchführte. Im August 2015 dann die Transplantation der zweiten Spenderniere in der Uniklinik Gießen.

"Das erste Jahr ging alles gut", sagt sie. Dann habe sie eine schlimme Gürtelrose bekommen und Anfang 2016 habe sie nicht mehr laufen können. "Ich stand einmal am Gemüsestand und konnte nicht mehr vor- und rückwärts."

Erst nach Besuchen bei Ärzten der verschiedensten Fachrichtungen wurde die Diagnose "totaler Kalziummangel in beiden Beinen" gestellt, ausgelöst durch das Nebenschilddrüsenhormon Parathromon (PTH). Es folgte eine Schilddrüsen-Total-OP mit langem Krankenhausaufenthalt.

"Danach haben sie mich über einen Venenkatheter mit Kalzium vollgepumpt", sagt Sabine N., bis im Januar 2017 erhebliche Komplikationen auftauchten, "das war schon die Vorstufe zur Beinamputation". Im Laufe eines Jahres, das sie im Wechsel zu Hause und im Krankenhaus verbrachte, wurden verschiedene Therapien angewandt, bis die Entfernung der zweiten Spenderniere plus Amputation der Beine ins Auge gefasst wurde. Ein Professor aus Weimar war der Meinung, dass die Amputation der Beine die Rettung für die Niere sein könnte.

Im Mai 2018 wurden Sabine N. beide Beine oberhalb der Knie amputiert, "und wider Erwarten funktionierte zu meinem großen Glück die Niere wieder". Obwohl sie seit 2002 offiziell in Rente ist, arbeitete Sabine so lange es irgendwie ging, von 2010 bis 2016 sogar weiter als Betreuerin in der häuslichen Krankenpflege.

Seit 2018 wohnt Sabine N. in der Schottener Wohn- und Pflegeeinrichtung in Homberg. Sie arbeitet als Beisitzerin im Vorstand der "Selbsthilfegruppe Dialyseverein Mittelhessen" und führt hauptsächlich telefonische Patientenberatungen en durch.

Sabine N. hat sich, soweit möglich ist, Selbstständigkeit und ihren Optimismus erhalten. Sie macht mit ihrem Elektrorollstuhl Ausflüge oder bereitet sich in der Gemeinschaftsküche ihr Lieblingsessen zu, Tomate mit Mozzarella. "So ist das Leben. Wenn’s einfach wäre, wäre es ja langweilig."

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare