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Die Balance finden… Vorsicht walten zu lassen, ohne panisch zu reagieren, ist das Gebot der Stunde. FOTO: PANTHERMEDIA

Auch Angst ist ansteckend

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Wir sollen die Balance halten. Weder panisch reagieren noch zu sorglos sein. Angst ist ein guter Schutzmechanismus, aber zu übermächtig darf sie nicht werden. Wie geht das in Zeiten von Corona? Der Psychologe Julian Rubel hat Ideen dazu.

VON CHRISTINE STEINES

Herr Prof. Rubel, wenn man in diesen Tagen vor leeren Supermarktregalen steht, beschleicht einen ein mulmiges Gefühl. Es kommen Ängste auf, man ist unsicher, ob man selbst richtig liegt mit seiner Einschätzung.

Prof. Julian Rubel: Ich denke, das geht jedem so. Wir alle werden derzeit mit etwas konfrontiert, was niemand von uns je zuvor erlebt hat. Das ist beängstigend. Das darf man sich ruhig eingestehen.

Aber was folgt aus diesem Unbehagen? Wer sich säckeweise Nudeln in den Keller stellt, hat vielleicht das Gefühl, aktiv etwas zu unternehmen, statt passiv die Katastrophe über sich hereinbrechen zu lassen.

Rubel: Das ist richtig. Aber statt sich diesem Aktionismus hinzugeben, kann man sich mit etwas zeitlichem Abstand zu Hause in Ruhe überlegen, dass diese Käufe keinen Sinn machen. Dazu hilft es, sich die Fakten noch einmal anzuschauen und danach vernünftig abzuwägen.

Besonnen zu sein, fällt in einem aufgeregten Umfeld besonders schwer.

Rubel: Ja, denn nicht nur Viren sind ansteckend, sondern Stimmungen überhaupt. Auch Angst ist infektiös. Wachsamkeit und Umsicht sind in einer Krise notwendig, man darf sich nur nicht von Panik überwältigen lassen.

Warum gelingt das manchen gut und anderen eher nicht? Liegt es an der Persönlichkeit?

Rubel: Der Umgang mit Ängsten ist sehr individuell. Eine Rolle spielt zum Beispiel, ob ich den Informationen, die ich bekomme, vertraue. Wenn ich das tue, gibt mir das Sicherheit. Hilfreich ist, sich seriöse Quellen zu suchen und sich von Gerüchten oder Verschwörungstheorien fernzuhalten. Gut in einer solchen Ausnahmesituation ist sicher der Dialog und der Austausch mit Nahestehenden.

Nicht jeder hat das Bedürfnis, alle Sondersendungen zu schauen und sich fortlaufend zu informieren…

Rubel: …das ist auch völlig in Ordnung. Wir sind unterschiedliche "Informationstypen". Das sollte jeder für sich entscheiden. Was für den einen eine stabilisierende Unterstützung ist, macht den anderen nervös und ängstlich.

Es kommt aber auch immer auf die eigene Lebenssituation an.

Rubel: Ja. Wie groß die Ängste sind, hängt natürlich auch immer von der eigenen Betroffenheit ab. Wer in seiner Familie Senioren oder Menschen mit Vorerkrankungen hat, geht sicher sensibler mit dem Thema um als jemand, der in seinem Umfeld eher mit jüngeren und scheinbar ungefährdeten Menschen zu tun hat.

Noch immer haben nicht alle verstanden, dass jeder von uns eine große Verantwortung trägt.

Rubel: Ja, leider. Deshalb ist es auch durchaus legitim, an die Solidarität gegenüber der Gemeinschaft zu appellieren. Das muss ja nicht konfrontativ sein, was wohl bei vielen auch schnell Widerstand erzeugen würde. Aber man kann jemandem natürlich schon erklären, warum man es selbst für wichtig erachtet, jetzt entsprechend vorsichtig zu sein. Mit gutem Vorbild voranzugehen ist da sicher sehr wichtig - durch das eigene Verhalten kommuniziert man auch anderen, welchen Umgang man sich persönlich mit der Situation wünscht.

Gibt es Strategien, die Angst in Schach zu halten?

Rubel: Wenn man nicht zu einer Risikogruppe gehört - und das ist ja zum Glück die Mehrheit - kann man sich fragen, was das Schlimmste ist, was passieren könnte. Selbst wenn man sich infiziert, ist das für einen persönlich nicht lebensbedrohlich, denn der Verlauf der Krankheit ist ja, soweit wir wissen, vergleichbar mit einer normalen Grippe. Dieser Gedanke kann entlastend wirken.

Man muss unterscheiden zwischen der Angst, die ein gesunder Mensch angesichts dieser Bedrohung empfindet, und zwischen den Symptomen, die jemand entwickelt, der an einer Angst- oder Zwangsstörung leidet.

Rubel: Natürlich. Wer etwa an einer Angst- oder Zwangsstörung leidet, ist aufgrund dieser Angst massiv in seinem alltäglichen Funktionieren eingeschränkt und erlebt einen hohen Leidensdruck. Die Angst, die die meisten Menschen aktuell erleben, ist der mit der Situation verbundenen Ungewissheit geschuldet, und ist eine völlig normale Reaktion. Wichtig ist, dass man sich von dieser nicht-pathologischen Angst auch wieder distanzieren kann und diese den Alltag nicht dominiert.

Die meisten von uns können echte und vermeintliche Bedrohungen ganz gut unterscheiden?

Rubel: Ja. Wir wissen im Grunde alle, dass ein Niesen nicht der Anfang vom Ende ist.

Angeblich gibt es jetzt schon viele Leute, die sich unentwegt die Hände waschen und wund gescheuerte Haut haben. Wird eine an sich richtige Maßnahme in einer Krise schnell zwanghaft?

Rubel: Wer unter einer solchen Zwangsstörung leidet, meint, dieses Ritual ständig vollziehen zu müssen, um sich und andere zu schützen. Ich denke, dass dies nur eine kleine Gruppe von Menschen betrifft.

Eine neue Erfahrung ist nicht nur die Infektionsgefahr, sondern auch die Abschottung ist für uns soziale Wesen schwierig.

Rubel: Auf jeden Fall. Hilfreich kann es da sein, den Fokus auf das zu richten, was noch geht, und nicht auf das, was derzeit nicht möglich ist.

Sie betrachten den Rückzug ins Private auch als eine Chance?

Rubel: Durchaus. Wir sollten kreativ aus der Not eine Tugend machen. Wir können zum Beispiel die vielen Angebote nutzen, die es online gibt. Hinsichtlich Unterhaltung und Musik, aber auch, was Kurse zur Weiterbildung und für uns noch ungewohnte Formen der Kommunikation angeht.

Wie oft haben wir uns alle sehnlichst gewünscht, mehr Zeit zu haben…

Rubel: Genau. Und diese Zeit eröffnet uns viele Möglichkeiten. Natürlich ist es gerade für Familien schwierig, alle bei Laune zu halten, aber ich sehe es tatsächlich auch als Chance, das Miteinander neu und anders zu entdecken.

Inklusive Streit. Vermutlich fliegen auch mal die Fetzen.

Rubel: Das gehört sicher auch dazu. Es macht nicht nur Spaß, das ist klar.

Auch Kinder nehmen die Ausnahmesituation wahr. Wie erklärt man ihnen Gefahr, ohne Ängste zu verstärken?

Rubel: Das kommt sicher auf das Alter an. Zunächst sollte man behutsam nachfragen, was sie schon wissen. Dann ist es wichtig, offen und ehrlich zu sein, ohne die Kinder zu überfordern. Zum Beispiel kann man ganz kleinen Kindern sagen: "Die Kindertagesstätte ist krank, die muss jetzt gesund werden, dann kannst du wieder dorthin gehen." Man muss bedenken, dass es schon für die Kleinen eine große Zäsur bedeutet, wenn sich ihr Alltag komplett ändert, wenn sie ihre Freunde nicht mehr sehen können. Das sollte man auffangen, indem man den Kindern viel Zuwendung und Aufmerksamkeit schenkt. Bei älteren Kindern muss man sicher darauf achten, dass sie keine Vorurteile übernehmen und vermeintlich "Schuldige" stigmatisieren - zum Beispiel Menschen asiatischer Herkunft. Wie immer ist die eigene Haltung entscheidend.

Welchen Tipp geben Sie uns für die kommenden Wochen?

Rubel: Wir sollten versuchen, trotz der notwendigen Einschränkungen Dinge zu tun, die wir richtig gerne und mit Freude machen: Joggen, Yogaübungen, musizieren, lesen, singen, was auch immer. Wie gesagt: Wir dürfen unsere Kreativität neu entdecken.

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