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»Arbeitsstellen noch und nöcher«

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Von: Kerstin Schneider

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stefanschober_040322_4c_1 © Kerstin Schneider

Dem Vogelsberg gehen die Arbeitskräfte aus. Auf 943 Arbeit suchende Menschen kommen 1023 offene Stellen, eine Situation, wie sie seit Jahrzehnten nicht mehr da war. Arbeitgeber greifen zu immer offensichtlicheren Mitteln, um Kräfte anzuwerben. Das zeigen Schilder an Zäunen, Fabrikhallen oder Supermarktkassen. »Das sind fast schon verzweifelte Hilferufe«, heißt es bei der Agentur für Arbeit.

Der Bedarf an Fachkräften ist groß, im ländlichen Raum genauso wie in der Stadt, obwohl die Suche nach geeigneten Arbeitskräften in ländlichen Gebieten deutlich schwieriger ist. Das bestätigt Nadine Speier, Pressesprecherin bei der Agentur für Arbeit in Gießen, die auch für den Vogelsbergkreis zuständig ist. »Die Suche nach gut ausgebildeten Arbeitnehmern gestaltet sich dabei noch deutlich schwieriger als die Suche nach Hilfskräften.«

Der Bedarf an Fachkräften und an Hilfskräften hängt dabei maßgeblich auch vom Berufszweig ab. Im Bereich der Lagerwirtschaft, um ein Beispiel zu nennen, werden zwar mit der zunehmenden Technisierung und Automatisierung mehr Fachkräfte für Lagerlogistik gesucht, dennoch sind in diesem Bereich auch viele Helfer und Angelernte beschäftigt.

Im Bereich Elektrotechnik dagegen ist eine gute Ausbildung und/oder Qualifizierung aufgrund des hohen Anforderungsniveaus und Gefahrenaspekts meist unerlässlich.

»Selbstverständlich schalten viele Betriebe zur Personalsuche die Arbeitsagentur ein.« Dennoch gehen die Betriebe auch zunehmend andere Wege, um geeignetes Personal zu finden, weiß Speier zu berichten: Zeitungsanzeigen, Teilnahme an Messen und Speed-datings, Werbung im Betrieb, Mitarbeiter werben im Freundes- und Bekanntenkreis, Werbung auf Betriebsautos, Banner-Werbung an Betrieben, um nur einiges zu nennen.

Stefan Schober, Leiter der Geschäftsstelle Lauterbach der Agentur für Arbeit, weiß um die Nöte der hiesigen Arbeitgeber und Firmen. Der Fachkräftemangel sei derzeit »eines der größten Probleme, die wir haben«. Es gibt aus seiner Sicht »Stellen noch und nöcher«. Allerdings seien in den vergangenen Jahren auch viele auf der Suche nach vielversprechenden beruflichen Perspektiven ins Rhein-Main-Gebiet abgewandert, wo zudem höhere Verdienste lockten. Wer studiert hat, »der wird oft nicht hierbleiben«, so Schober. Zudem seien die Verhältnisse auf dem hiesigen Arbeitsmarkt in früheren Zeiten nicht so gut wie jetzt gewesen.

Was die Tatsache angeht, dass es rein zahlenmäßig für jeden Arbeitssuchenden eine Stelle gibt, »so ist das halt nur die zahlenmäßige Betrachtung«. Die Wirklichkeit sieht dann so aus, dass viele der Menschen und die Stellen nicht zusammenpassen, etwa weil es an den nötigen Qualifikationen fehlt. Oft gibt es Einschränkungen, wenn etwa Frauen oder wenige Männer sich um Kinder oder pflegebedürftige Angehörige kümmern müssen und somit nicht voll arbeiten können. Dazukommen Menschen mit geringen Qualifikationen oder ohne Schulabschluss und solche, die erhebliche gesundheitliche Einschränkungen haben.

Vielfach ist es heute zudem unattraktiv geworden, einen Handwerksberuf zu ergreifen, obwohl dort schon in der Ausbildung teilweise gute Verdienste erzielt werden, wie Arbeitsagenturmann Schober betont. Auch im Verkaufsbereich werden Unterschiede gemacht: »Schuhe und Mode gern, Fleischereifachverkauf nö.« Auch für die Bäckereien sei es zunehmend schwer, Personal zu bekommen. Oft gelte natürlich die Einschränkung, »dass diese Tätigkeiten nicht gerade hoch bezahlt sind«.

Leider müsse man immer wieder Arbeitgebern mitteilen, »dass wir nicht helfen können«, so Schober. Hier verweist er etwa auf die Möglichkeit der Beschäftigtenqualifizierung (siehe Kasten).

Und was die Arbeitssuchenden angeht, so ist es grundsätzlich nicht mehr einfach, zu sagen, »ich finde ja nichts«.

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Firmen gehen mittlerweile auch ungewöhnliche Wege, um Mitarbeiter zu finden, wie hier mit einem großen Transparent am Straßenrand in Mücke-Nieder-Ohmen. An vielen Firmengebäuden finden sich derzeit Schilder »Mitarbeiter gesucht.« © Kerstin Schneider

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