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»Wir sind noch da«

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Auf Spuren des jüdischen Alsfeld, v. l.: Aegidius Kluth, Claudia Legatis, Joachim Legatis, Jeffrey Heller, Nancy Freund-Heller. © Red

Alsfeld (pm). Ihre Mutter Irmgard Steinberger, 1920 in Alsfeld geboren, ist 1933 mit ihrer Familie vor dem NS-Terror nach Israel geflüchtet. Nun besuchte Nancy Freund-Heller mit ihrem Mann Jeffrey Alsfeld, um diese Phase ihrer Familiengeschichte näher zu beleuchten. Irmgards Eltern Adolf und Rosi besaßen eine Fabrik für Berufskleidung in der Grünberger Straße und wohnten im Haus Alicestraße 14;

heute befindet sich dort ein Kinderbkleidungsgeschäft. Mit Stadtführerin Daniela Eichelberger und Claudia Legatis von der Gedenkstätte Speier besuchten die Freund-Hellers die ehemalige Stätte der Synagoge und auch das Wohnhaus der Großeltern. Großvater Adolf wirkte als Vorsteher der jüdischen Gemeinde Alsfelds. Dabei sprachen sie auch über die Beziehung der Mutter Nancys zum Alsfelder Schriftsteller Karl Brodhäcker. Dieser hatte der aufkeimenden Liebe zwischen der jungen Irmgard und ihm ein Denkmal gesetzt im Roman »Das Herz im Schnee«. Nancy hat die Korrespondenz Brodhäckers und ihrer Mutter aufgehoben und will sie zur Verfügung stellen. Einiges war neu für die Gäste, sodass die Sparkasse schon vor 1938 ein Auge auf das Gebäude neben der Synagoge in der Lutherstraße, das als Lehrerhaus genutzt worden war, geworfen hatte. Deshalb sorgte sie in der Pogromnacht 1938 dafür, dass es nicht zerstört wurde, um es zu kaufen - weit unter Wert. Als Adolf Steinberger 1933 gewarnt wurde, dass die Nazi-Schläger ihm einen »Besuch« abstatten, beschloss er, seine Familie in Sicherheit zu bringen.

In USA zu starke

Konkurrenz

Zunächst wollte er nach Luxemburg, doch seine Frau Rosi war das zu nahe. In den USA war die Konkurrenz in der Kleiderfabrikation sehr stark, und so entschied man sich, nach Israel zu gehen. Der Gang ins Exil war für Irmgard und ihre kleine Schwester Charlotte nicht einfach.

Die Gäste sahen das Gebäude der alten Synagoge in der Metzgergasse und spazierten durch die Untergasse, ein Zentrum jüdischen Lebens vor der Nazi-Zeit. In Angenrod sahen sie Haus Speier, eine Gedenkstätte für das Landjudentum. Dort informierten sich Nancy und Jeffrey über das Schicksal der Familie Speier und den Hintergrund für den hohen Anteil jüdischer Bevölkerung in Angenrod. Auch Angehörige der Steinbergers lebten dort.

Bewegend war für Jeffrey Freund der Birnbaum vor dem Haus, den eine Schülergruppe als Zeichen der Versöhnung gepflanzt hatte. Er erinnert daran, dass Leopold Speier vor seiner Verschleppung im September 1942 seinen alten Birnbaum mit der Axt gefällt hat, damit die Angenröder nicht auch noch seine Birnen essen.

Im Haus zeigten sich die Gäste begeistert von alldem, was an Geschichtlichem zusammengetragen worden ist, merkten aber an, dass es wichtig sei zu erfahren, dass Juden und Jüdinnen nicht mit dem Holocaust ausgelöscht wurden. »Wir sind noch da«, sagte Nancy Freund-Heller. Sie boten an, Kippot, Sabbat-Kerzen und Kultgegenstände beizusteuern. Sie freuten sich über ein hebräisches Gebetbuch im Schreibpult von Sally Wertheim, dem letzten Vorsteher der jüdischen Gemeinde.

Zum Abschluss wurde klar, dass es nicht der letzte Besuch jüdischer Nachfahren in Alsfeld sein wird. Es bleibt zu hoffen, dass sich ein reger Austausch etabliert.

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