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Das Virus der Verachtung

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Alsfeld/Mücke(pm). Pfarrer Peter Remy traf sich am späten Montagnachmittag in Alsfeld mit Bürgermeister Stephan Paule zum Gedenken an die Pogromnacht vom 9. November 1938. Die Feier fand angesichts der Corona-Pandemie in diesem kleinen Rahmen statt.

Am Gedenkstein auf dem Platz hinter der Mauer äußerte Remy folgende Gedanken: "Ein Virus geht um die Welt in dieser Zeit. Es ist unsichtbar, es ist ansteckend, es macht krank, es kann uns und viele andere das Leben kosten. Man kann es sich einfangen und merkt es nicht einmal. Ich meine nicht das Coronavirus. Ich meine das Virus der Verachtung und Verrohung, der Intoleranz und des Hasses, ich meine den Krieg der Worte und Parolen, das schleichende Gift der Feindseligkeit, das die Köpfe und die Herzen von Menschen verseucht, all das irrationale Treiben in dieser vermeintlich so aufgeklärten Zeit."

Dieses Virus sei "die Grunderkrankung aller extremistischen Ideologien". Von diesem Virus sei die deutsche Bevölkerung schon in den Jahren vor 1933 befallen worden, und aus dem schleichenden und wachsenden Befall "wurde eine Pandemie, die Pandemie des Nationalsozialismus, die Pandemie des Faschismus".

Remy mahnte anschließend: "Lassen wir uns nicht anstecken von diesem Virus, das auch heute wieder umgeht. Stehen wir mit allem, was wir tun und sagen, gegen die Verachtung und Verrohung, gegen Intoleranz und Hass, gegen den Krieg der Worte und Parolen und das schleichende Gift der Feindseligkeit, das die Köpfe und die Herzen von Menschen verseucht."

Namen der Juden aus Nieder-Ohmen

Auch in Nieder-Ohmen fand auf dem jüdischen Friedhof eine kleine Andacht statt. Anwesend waren von offizieller Seite Pfarrer Nils Schellhaas, Bürgermeister Andreas Sommer und Irmgard Gückel.

Sommer verlas zwei Einträge aus dem Tagebuch von Anne Frank. Die Familie emigrierte 1934 nach Holland. Die jüdische Familie wohnte in einem Versteck in einem umgebauten Hinterhaus an der Prinsengracht 263 in Amsterdam.

Dort lebte die vierköpfige Familie auf engstem Raum und bald schon gesellten sich weitere Flüchtlinge zu ihnen. Trotz allem versuchten sie, einen halbwegs normalen Alltag zu wahren. Anne, die jüngste Tochter, hielt ihre Erlebnisse im Tagebuch fest. Der letzte Tagebucheintrag ist vom 1. August 1944 und Anne schreibt über ihre gute und ihre schlechten Seiten. Sie wünscht sich, so zu werden, wie sie gerne sein möchte und wie sie wäre, wenn es keine anderen Menschen auf der Welt geben würde.

Drei Tage später stürmten Gestapo und Polizei das Versteck in Amsterdam. Anne wurde in das KZ Bergen-Belsen deportiert. Otto Frank war von den acht Bewohnern der einzige Überlebende, der zwei Jahre später die Veröffentlichung von Annes Tagebuch veranlasste. Stellvertretend für die sechs Millionen jüdischen Menschen, die im Holocaust starben, wurden sechs Kerzen entzündet. Es wurde gebetet für alle, die aufgrund ihres Judentums starben. Konfirmanden verlasen dann alle Namen der Juden aus Nieder-Ohmen mit ihrer ehemaligen Wohnadresse.

Pfarrer Schellhaas sprach vom pulsierenden Leben, das die jüdischen Bürger einst mitgestaltet hatten. Erschreckend sei damals gewesen, "dass die Täter mitten aus der Gesellschaft kamen".

Gemeinsam mit Ortsvorsteher Jörg Matthias legte Bürgermeister Andreas Sommer dann den Kranz nieder.

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