Mit Vibration sechsmal schneller ins Erdreich

Alsfeld (rs). "Wenn Sie mal einen Bohrer brauchen..." – Das scherzhafte Angebot von Geschäftsführer Dr. Johannes Köcher lehnte Hessens Justizminister Jörg-Uwe Hahn am Mittwoch Nachmittag dankend ab, als er auf seiner Sommertour bei der ThyssenKrupp-Niederlassung GfT Tiefbautechnik Station machte.

Denn die speziellen Antriebe und ihre Bohrer, die von Alsfeld aus in die ganze Welt ausgeliefert werden, können bis zu 300 Millimeter Durchmesser haben, für den Hausgebrauch reichen die üblichen mit sechs oder acht Millimeter doch deutlich geringer dimensionierten Exemplare. Hessens stellvertretender Ministerpräsident Hahn (FDP) war mit einigen Vertretern der Vogelsberger Liberalen gekommen, um sich ein Bild von dem Unternehmen mit rund 80 Mitarbeitern und etwa 20 Millionen Euro Jahresumsatz zu machen.

Einen Weltmarktführer mit einigen seiner Produkte hatte Hahn in dem Gewerbegebiet zwischen Grünberger Straße und Autobahn nicht vermutet. Umso erstaunter zeigte er sich bei der einleitenden Bildpräsentation durch Geschäftsführer Köcher.

Ausgangsbasis der Produktpalette sind Überlegungen eines Ingenieurs Müller aus Marburg, Vortrieb beim Bohren oder Rammen nicht mit den Schlägen zu erreichen, die man gemeinhin von jeder kleinen Schlagbohrmaschine kennt, sondern, Vortrieb mit Vibration zu realisieren. Die Firma Müller hatte von Anfang an einen großen Teil ihrer Fertigung in Alsfeld, und in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts wurden alle Unternehmensteile in Alsfeld zusammengefasst.

Als sich nach einer wirtschaftlichen Flaute für das Unternehmen keine Nachfolge fand, übernahm ThyssenKrupp das Unternehmen, für das es seither schon Vertriebsaufgaben wahrgenommen hatte.

Erfolge mit Nischenprodukten

Das Vibrationsverfahren ist nach Angaben von Dr. Köcher rund sechsmal schneller als das herkömmliche Rammen bei Spundbohlen, zudem ist die Lärmbelästigung viel geringer. Das Produkt der Alsfelder Firma ist jeweils der Antrieb, der an die Hersteller der Trägermaschinen geliefert wird oder direkt an Kunden, die spezielle Wünsche haben. Dieses ist auch ein Schwerpunkt der Tiefbautechnik-Firma, Anlagen maßgeschneidert nach den Bedürfnissen der Käufer zu fertigen. Denn, so Dr. Köcher, im Hochlohnland Deutschland ließen sich Massenprodukte nicht zu marktgerechten Preisen herstellen. Andererseits könne man mit dem hochqualifizierten Personal fast konkurrenzlos Einzelanfertigungen realisieren, man habe sich auf Nischenprodukte verlegt.

Rund-um-Dienstleistung nimmt mehr und mehr Raum ein

Hinzu kommt immer mehr der Dienstleistungssektor, dass also die Komponenten gewartet werden, und dass die Ersatzteilvorsorge geleistet wird. Wie wichtig dies ist, machte Dr. Köcher an einem Beispiel bei einem Offshore-Projekt deutlich: Dabei wurden 160 Tonnen schwere Rohre als "Nägel" zur Sicherung von Plattformen in den Boden gerammt, der Arbeitstag auf See kostete den Kunden insgesamt zwischen 160 und 200 Millionen Euro. Da ist es nachvollziehbar, dass man unter allen Umständen einen Stillstand auf so einer Baustelle vermeiden will, nur weil ein Vibrationsantrieb nicht läuft. In diesem Sinne gewährleistet die Firma von Alsfeld auch eine 24-Stunden-Rundum-Versorgung. Von der Mitte Deutschlands aus kann man in wenigen Stunden an allen Stellen der Republik oder auch am Flughafen Frankfurt sein. Waren es einmal 80 Prozent Exportanteil, so sind es derzeit immerhin noch 65 Prozent. Mehr und mehr liefert die Alsfelder Firma auch an Projektierer auf dem Markt der erneuerbaren Energien.

So stehen Sonnenkollektoren in der Wüste nicht mehr auf Betonfundamenten, sondern auf Rohren, die sich mit der Vibrationstechnik fest im Sand verankern lassen. Ein weiteres Produktsegment ist die Folgenüberwachung, dass also Geräte eingesetzt werden, die Folgen von Vibration ausweisen können. Das Fachpersonal zieht sich die Firma zu großen Teilen selbst, der Anteil der Auszubildenden ist mit rund zehn Prozent recht hoch. Um das hohe Fachwissen zu halten und zu erweitern, besteht eine Zusammenarbeit mit dem Institut für Dynamik an der Kasseler Universität.

Die entscheidende Basis sei aber das eigene Personal, betonte Dr. Köcher, das durch jahrelange Erfahrung sicher agieren könne. Als wichtig bezeichnete der Geschäftsführer auch die "verlängerte Werkbank", die Firma Rößner, mit der sich mit der ThyssenKrupp-Niederlassung den Hof teilt. Aufträge seien da rasch und unkompliziert vergeben.

Generell bekomme man von deutschen Firmen Qualität, während die Blecharbeiten eines ungarischen Zulieferers regelmäßig nachbearbeitet werden müssten. Überhaupt findet die Hälfte des Einkaufes in der Region statt, was ein Volumen von rund 4,5 Millionen Euro bedeutet. Auf diese Weise würden wohl rund weitere 100 Arbeitsplätze an ThyssenKrupp hängen.

"Was hat die Firma auf ihrer Wunschliste?", fragte Hahn, und Geschäftsführer Köcher bedauerte, dass das Gewerbegebiet an der Grünberger Straße von der städtischen Politik insgesamt zu wenig wahrgenommen werde. Die Internetanbindung sei jetzt zwar besser, aber immer noch nicht optimal.

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