Datensicherheit

Das verrät ein verschrotteter Laptop - Alsfelder Schüler rekonstruieren Leben des Vorbesitzers

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Seiner IT-Klasse einen alten Laptop vom Flohmarkt mitzubringen, war ein Experiment. Doch die Schüler der Alsfelder Max-Eyth-Schule konnten sich damit tief in das Leben des Vorbesitzers hacken.

Alles beginnt auf einem Flohmarkt in Gießen: Lehrer Johannes Breidt stöbert an einem Stand mit alten Rechnern und findet ein Uralt-Laptop. Was in der Anfangszeit der flachen Rechner vor fast 30 Jahren einen vierstelligen Preis hatte, wechselt für einen Euro den Besitzer. Das Teil ist wertlos – jedenfalls als Computer.

Aber dem Pädagogen des beruflichen Gymnasiums mit Schwerpunkt Datenverarbeitungstechnik an der Alsfelder Max-Eyth-Schule geht es um etwas ganz anderes. Kann man dem alten Rechner noch Daten entlocken? Haben die letzten Nutzer persönliche Daten vor dem Abgeben gelöscht? Oder kann man aus den Daten Rückschlüsse auf die Nutzer ziehen?

Damit wollte ich den Schülern das Thema Datensicherheit möglichst realistisch näherbringen

Lehrer Johannes Breidt

Mit diesen Fragen begeben sich Lehrer und Schüler im Unterricht auf einen Weg, den beispielsweise Kriminelle einschlagen. "Damit wollte ich den Schülern das Thema Datenschutz und Datensicherheit in Verbindung mit Computern möglichst realistisch näherbringen", begründet Breidt den ungewöhnlichen Unterricht.

MS-DOS aus dem Jahr 1986 läuft

Die erste Hürde war, den Laptop, der etwa 1990 in Betrieb genommen worden war, mit Strom zu versorgen. Vom Flohmarkt kam er ohne und im Internet war auf Anhieb kein passendes Netzteil zu finden. Die Lösung verblüffend einfach. Die Schüler entfernten den Akku des Laptops und verbanden die frei gewordenen Anschlüsse mit einer passenden Stromquelle.

Mit Spannung wurde dann der Einschaltschieber gedrückt. Was keiner glaubte, geschah, der Laptop startete einwandfrei, es meldete sich ein MS-DOS, das etwa 1986 auf den Markt gekommen war. Zwar gab es damals keine grafischen Symbole, auf die man mit der Maus hätte klicken können, doch ein unscheinbarer Prompt (Eingabeaufforderung ), C:\> auf einem schwarzen Bildschirm wartete auf Befehle, mit denen man die Festplatte untersuchen und Programme starten kann.

Die Befehle, die die Schüler heute nicht mehr verwenden, aber lernen sollen, weil sie auch bei aktuellen Betriebssystemen noch funktionieren, waren schnell im Internet gefunden. Die Untersuchung begann. Schon aus Ordnernamen wie Studium, Diss, Vikar, Habi, Uni, Schule und den jeweiligen Erstelldaten wurde der berufliche Weg des ehemaligen Eigentümers klar.

Sämtliche Schriftstücke rekonstruiert

Er hatte wohl Theologie studiert, seine Doktorarbeit geschrieben, als Vikar gearbeitet, seinen Professorentitel erworben und an einer Universität und in einer Schule gearbeitet. Beim Uralt-Laptop wandten sich die Schüler der Max-Eyth-Schule den veröffentlichten Dokumenten in den Ordnern "Dissertation" und "Habilitation" zu. Schnell fanden sie den Namen des Eigentümers und die Liste seiner Veröffentlichungen. Damit war es sehr leicht, im Netz den ehemaligen Eigentümer zu finden, der heute als Professor für Theologie an einer Hochschule lehrt.

Lehrer Johannes Breidt rief bei ihm an und erfuhr die Geschichte des Laptops: Wie er ihn in den USA für fast 1000 Dollar gekauft hatte und wie er den veralteten Laptop bei einem Umzug in Gießen zur weiteren Verwendung auf die Straße stellte, damit ihn noch jemand sinnvoll nutzen kann. Zu seinem Glück war der Laptop in wohlwollende Hände geraten. Breidt bot an, mit seinen Schülern die Daten zu sichern, sie dem Professor zuzuschicken und dann alle Daten sicher zu löschen. Der alte Laptop kann dann mit dem "Segen" des ehemaligen Eigentümers in der Max-Eyth-Schule bleiben.

Wichtig: Festplatten sicher löschen

Im neu benannten Schwerpunkt "Praktische Informatik" lernen die Schüler vieles, was in den Bereichen Hard- und Software in der IT wichtig ist. Natürlich auch die Grundlagen von Betriebssystemen und Datensicherheit mit Hilfe des uralten Laptops vom Flohmarkt.

An diesem Beispiel wurde den Schülern sehr deutlich, wie wichtig es ist, alte Festplatten sicher zu löschen, wenn man sie weggibt. Dafür gibt es kostenlose Programme wie DBAN, aber es finden sich auch Videos im Netz, auf denen alte Festplatten ausgebaut und dann mit einem Hammer sicher "gelöscht" werden.

Info

Identitätsdiebstahl leicht gemacht

Mit einem Praxistest hat Lehrer Johannes Breidt seinen Schülern vor Augen geführt, dass man auf alten Rechnern viele sensible Daten finden kann: Kundennummern, Kontonummer, persönliche Daten, genug um sich bei Unternehmen als Kunde ausgeben zu können und zum Beispiel Waren zu bestellen und an falsche Adressen liefern zu lassen. Diese als Identitätsdiebstahl bezeichneten Straftaten fallen Kriminellen umso leichter, je mehr Informationen sie über ihr Opfer haben.

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