"Unhaltbare Zustände"

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Vogelsbergkreis (pm). Für einiges Aufsehen hat vor einem Jahr der Fall des sogenannten "Baumklopfers" bei Schwalmtal gesorgt. Im Zuge des Genehmigungsverfahrens für Windkraftanlagen fing eine Wildkamera den Gutachter bei der Arbeit im Wald ein. Der Mann war dabei zu sehen, wie er mit einem Stock gegen einen Baum klopfte. Der Umweltverband Naturschutzinitiative (NI) sah in der Aktion den Versuch, Vögel zu vertreiben, um den Bau der Windkraftanlagen zu erleichtern. Daraufhin wurde Anzeige wegen des Verdachtes auf Verstoß gegen das Bundedsnaturschutzgesetz gestellt. Es folgten Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft. Der betreffende Baum wurde untersucht und dabei eine Drohne eingesetzt. Am Ende kam die Staatsanwaltschaft Gießen zu dem Schluss, es gebe keinen hinreichenden Verdacht gegen den Beschuldigten. Das Verfahren wurde eingestellt. Dieses Ergebnis ruft bei der Naturschutzinitiative harsche Kritik hervor. Sprecher Harry Neumann: "Die Entscheidung, das Verfahren einzustellen, können wir nicht nachvollziehen. Der Gutachter hat sich eindeutig entgegen der fachlichen Standards verhalten und das Berufsethos nicht eingehalten." Dass er sich selbst der Polizei gestellt habe, zeige, "dass er offenbar selbst von der Rechtswidrigkeit seines Handelns überzeugt war. Er hat verbotswidrig eine Störung des Brutgeschäftes bis hin zur Horstaufgabe billigend in Kauf genommen, zumal der Baum eindeutig als Horstbaum gekennzeichnet war."

Vogelsterben im Schutzgebiet

Ebenfalls in Kauf genommen habe der Gutachter "eine mögliche Ergebnisverfälschung der Artenschutzuntersuchungen innerhalb eines kritischen Abstandes zu einer Windenergieplanung. Den einzigen Grund können wir nur im Versuch sehen, windkraftsensible und planungsrelevante Vogelsarten zu stören und zu vergrämen."

Zu hinterfragen sei auch, was bei der Drohnenbefliegung bei geschlossenen Baumkronen im Sommer erkennbar gewesen sein soll. Bei einem geschlossenen Kronendach sei es auch mit Drohnen nicht möglich, gesicherte Hinweise auf das Brutgeschäft wie Federn, Eierschalen oder Kot festzustellen.

Die Hauptsorge gelte der "starken Zunahme von Umweltstraftaten im Zusammenhang mit der Planung und dem Betrieb von Windkraftanlagen". So vergehe kaum eine Woche, wo die Naturschutzinitiative nicht über Vergrämungen und sogar Horstfällungen und Abschüsse von geschützten Arten informiert werde. Im Zuge der Windkraftprojekte komme es in den meisten Fällen zu einer "deutlichen Populationsstörung und zum Rückgang der Zahl brütender Tiere". So sei die Anzahl der Rotmilan-Schlagopfer allein im Vogelsberg mit 25 bis 29 Tieren (laut staatlicher Vogelschutzwarte Brandenburg als bundesweiter Meldestelle) die "höchste Quote in ganz Deutschland". Neumann: "Und das in einem europäischen Vogelschutzgebiet." Seit der "Industrialisierung des Vogelsberges durch Windenergieanlagen" sei die Zahl der Schwarzstorchpaare von 14 Revierpaaren auf vier Brutpaare zurückgegangen. Die hesssiche Landesregierung verschließe "die Augen vor diesen unhaltbaren Zuständen".

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