1. Gießener Allgemeine
  2. Vogelsbergkreis
  3. Alsfeld

Aus Traum von größerer Brust wurde Albtraum

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Alsfeld (ks). Es war der Traum von der größeren Brust oder der strafferen Bauchdecke, der viele Frauen (und einige Männer) aus dem In- und Ausland erst nach Lauterbach und dann nach Alsfeld zog - für einige endete er als Albtraum.

Alsfeld (ks). Es war der Traum von der größeren Brust oder der strafferen Bauchdecke, der viele Frauen (und einige Männer) aus dem In- und Ausland erst nach Lauterbach und dann nach Alsfeld zog - für einige endete er als Albtraum. Vor dem Alsfelder Amtsgericht wurde gestern gegen den ehemaligen Betreiber des OP-Zentrums in Alsfeld und gegen zwei Ärzte verhandelt, die dort operiert hatten. Der Staatsanwalt hatte ihnen körperliche Misshandlung vorgeworfen, zudem sollte die vor Operationen vorgeschriebene Aufklärungspflicht verletzt worden sein. Im Sommer 2006 hatten Beamte von Finanzverwaltung, Steuerfahndung und Zoll die angemieteten Geschäftsräume an der Hessenhalle durchsucht, Akten und Bargeld beschlagnahmt - das war’s dann mit der Schönheit fürs schmale Budget. Parallel hatten Betroffene Anzeige erstattet, die nach OPs unter Problemen wie Infektionen und Wundheilungsstörungen litten. Nach einer juristischen Beratung wurde der Geschäftsmann zu 14 Monaten auf Bewährung und einer Geldbuße von 2500 Euro verurteilt. Die seinerzeit beschlagnahmten 2500 Euro werden einbehalten. Die Verfahren gegen die beiden Ärzte wurden eingestellt, sie erklärten sich bereit, jeweils 10 000 Euro Geldbuße zu zahlen, die an gemeinnützige Einrichtungen gehen.

Dem Betreiber des OP-Zentrums hielt der Staatsanwalt auch vor, er habe eine Bauchdecke zugenäht, eine Wunddrainage gelegt sowie bei einer Fettabsaugung mit der Nadel »in der Bauchdecke herumgestochert,« der Patient kam anschließend ins Alsfelder Kreiskrankenhaus zur Notoperation. Patienten hatten ferner berichtet, sie seien von ihnen unbekannten Ärzten operiert worden, einige hätten kein Deutsch gesprochen.

Der Angeklagte räumte ein, er habe auch ausländische Ärzte beschäftigt (»in Tschechien oder der Slowakei gibt es hervorragende Operateure«), in den Aufklärungsgeprächen sei zudem immer ein Übersetzer dabei gewesen. Eine längere Diskussion entstand darüber, ob der Betreiber des OP-Zentrums Handgriffe vornehmen durfte, die der Laie sonst Ärzten oder anderem medizinischem Fachpersonal zurechnet. So hatte er Hautnähte erstellt und punktiert - er habe nicht gewusst, dass er das nicht dürfe.

Die anwesenden Ärzte sagten allerdings, es sei im Krankenhausalltag durchaus üblich, dass solche Tätigkeiten nicht von Ärzten gemacht werden. »Es gibt auch Zivildienstleistende, die in Wunden herumstochern,« will der 48-jährige Medizingeräteberater aus Niedersachsen erfahren haben. Er betonte, die meisten Patienten des OP-Zentrums seien sehr zufrieden gewesen, das hätten die Einträge in Internetforen gezeigt. Er fühle sich deshalb »ungerecht behandelt.« Auf die Frage, warum die Operationen relativ preisgünstig waren, sagte der Angeklagte, er habe die verwendeten hochwertigen Implantate günstig einkaufen können, weil er sich auf einen Anbieter beschränkt habe.

Dass die OPs vornehmlich an Wochenende stattfanden, sei Wunsch der Patienten gewesen, »die das an der Arbeit natürlich nicht an die große Gocke hängen wollten«. Deshalb seien auch ausländische Ärzte eingesetzt worden, weil inländische nicht immer an den Wochenenden verfügbar waren, »sondern die sich in ihrem sozialen Umfeld auch mal rechtfertigen mussten.« Bei der Richterin drängte sich so zwischenzeitlich der Eindruck auf, Nachsorge und vorherige Beratung hätten die Ärzte dem Leiter des OP-Zentrum überlassen. Zudem war wohl bei einigen Patienten fälschlicherweise der Eindruck entstanden, der Geschäftsmann, der das Medizinstudium nach sechs Semestern abbrach, weil er durch eine Prüfung gerasselt war, sei Arzt.

Das habe er nie behauptet, so der Angeklagte, das Tragen eines grünen Kittels sei wegen der Hyginevorschriften Pflicht gewesen. In Vorab-Informationsgesprächen habe er immer erklärt, dass die gewünschten Eingriffe eigentlich überflüssig sind und »ich habe auch eher geringe Risiken hoch angesetzt.«

Eine Zeugin hatte sich 2006 die Brust vergrößern lassen und im Nachhinein Schmerzen gehabt, zudem war ein Implantat verrutscht. Sie sei vor der OP immer nur telefonisch beraten worden. »Warum haben Sie als Krankenschwester nicht genauer nachgehakt, wollten Sie nicht wissen, wer Sie operiert?«. Sie habe sich einfach nur gefreut (»wie Weihnachten«), dass sich ihr lang gehegter Traum endlich erfüllen sollte, auf den sie so lange gespart hatte. Bitter: für die nun notwendigen Korrekturen an den missglückten Brüsten hat sie kein Geld mehr. Sie habe sich damals in guten Händen gefühlt, die Risiken seien ihr bewusst gewesen. Im nachhinein verstehe sie nicht, »wie ich so blauäugig sein konnte«. Sie habe nun eine einjährige Therapie hinter sich, die Beziehung zu ihrem Lebensgefährten sei gestört, meinte die Frau unter Tränen.

Erst zur OP war sie nach Alsfeld gereist, dann hatte der Betreiber von ihr Fotos gemacht und das sogenannte »Schnittmuster« mit einem Stift auf den Körper gezeichnet, bevor sie operiert wurde. Nach einer Hotelübernachtung in Alsfeld kam sie noch einmal zur Nachsorge, erst da habe sie den Namen des Operateurs erfahren.

Der zuständige Arzt bestritt das, er habe immer pflichtgemäß aufgeklärt, vielleicht habe die Patientin dies verdrängt oder vergessen. Nach acht Wochen mit Beschwerden hatte ihr der Betreiber des OP-Zentrums zugesagt, sie könne kostenlos noch einmal operiert werden - dazu kam es nicht, das Zentrum war inzwischen stillgelegt. Die angeklagten Ärzte betonten mehrfach, sie seien ihrer Pflicht zu den Aufklärungsgesprächen selbstverständlich und ausreichend nachgekommen. Der jüngere der beiden Ärzte, ein 49-jähriger Chirurg, der in Süddeutschland arbeitet, sagte, manchmal habe er sich schon gewundert. So erinnerte er sich an ein Gespräch mit »Patientin« und deren Lebensgefährten, in dem auf aus seiner Sicht viel zu große Implantate gedrängt worden sei.

Der andere Arzt, ein 65-Jähriger aus dem Westfälischen, betonte seine langjährige Erfahrung als Schönheitschirurg, zudem kläre er ausführlich auf: »Und wenn eine Frau sagt, mein Partner will das, dann sage ich gleich ‘Auf Wiedersehen’« Schließlich könne er mit dem Messer »nicht die Seele heilen.« Seine ehemalige Patientin ist inzwischen von seiner Haftpflichtversicherung mit 30 000 Euro entschädigt worden.

Beendet wurde das Verfahren mit einer Vereinbarung. Danach wurde der ehemalige Betreiber des Zentrums zu 14 Monaten auf Bewährung verurteilt und einer Geldbuße von 2500 Euro. Die damals bei der Durchsuchung beschlagnahmten 2500 Euro werden einbehalten und gehen ebenfalls an gemeinnützige Einrichtungen. Die Verfahren gegen die Ärzte wurden eingestellt, beide waren bereit, jeweils eine Geldbuße von 10 000 Euro zu zahlen. Die Richterin stellte ausdrücklich klar, es sei nicht darum gegangen, ob die OPs schiefgingen, das bleibt laufenden oder noch anzustrengenden »Kunstfehler«-Prozessen vorbehalten. Diesmal sei es nur um die vermeintliche Aufklärungspflichtverletzung gegangen.

Auch interessant

Kommentare