Aghanische Flüchtlinge

In ständiger Angst vor der Abschiebung

Wenn bei Yeshma Kapoor und Walter Bernbeck das Telefon klingelt, sind es meist afghanische Flüchtlinge, die vor Angst zittern.

Besonders gefährlich wäre das für Hindus wie Kapoor. Etwa 300 afghanische Flüchtlinge im Vogelsberger haben Angst, manche können kaum noch schlafen, weil sie fürchten, zügig in das asiatische Bürgerkriegsland zurückgeschickt zu werden. So ist es bereits Samir Narang ergangen, einem 24 Jahre alten Verwandten von Yeshma Kapoor, der aus Hamburg abgeschoben wurde. Er versteckt sich in einem Tempel der Hindu-Minderheit im Raum Kabul und traut sich nicht auf die Straße. Zu groß ist die Angst entführt oder getötet zu werden. Kapoor ist vor 22 Jahren nach Deutschland geflüchtet, hat einen deutschen Pass und arbeitet ehrenamtlich als Integrationslotsin für den Caritasverband. Doch auch sie zittert mit den von Abschiebung bedrohten Menschen mit. Und sie sucht verzweifelt nach einem Weg, Narang aus der lebensbedrohlichen Lage zu holen. Die Lage des Verwandten erinnert sie an die 1990er Jahre, als ihr Bruder eines Abends einkaufen gehen wollte und dabei von Unbekannten ermordet wurde - das war für ihre Familie das Signal zur Flucht.

Etwa die Hälfte der afghanischen Flüchtlinge hat nur eine Duldung, wie Walter Bernbeck von Pro Asyl erläutert. Das bedeutet, dass ihre Abschiebung nur aufgeschoben ist. Sie müssen jederzeit damit rechnen, in Abschiebehaft genommen zu werden. "Da werden dann fünf Straftäter und 35 unbescholtene Menschen in ein Flugzeug gepackt und nach Kabul geflogen," sagt der Pfarrer und Aktivist bei Pro Asyl. Bei afghanischen Flüchtlingen liegen inzwischen die Nerven blank, wie zahlreiche Telefonate von Geflüchteten zeigten.

Die Lage in dem Bürgerkriegsland wird immer unsicherer, sind Kapoor und Bernbeck überzeugt. Kapoor verweist darauf, dass erst kürzlich 90 Menschen in der Hauptstadt Kabul erschossen wurden. Bernbeck zeigt auf, dass weite Teile der ländlichen Gebiete immer noch voller Landminen sind. Eine Bewirtschaftung der Felder ist in vielen Teilen des Landes unmöglich. Dazu kommen die Probleme für Minderheiten wie Hazara, Hindu und Sikhs. Narang gehört der hinduistischen Minderheit an, auch deshalb traut er sich nicht auf die Straße. Er hat sich in einem Hindu-Tempel versteckt und wenn religiöse Fanatiker ihn finden, "bringen sie ihn um", ist sich Kapoor sicher.

Bernbeck hofft auf eine politische Bewegung, Hindus und Sikhs als verfolgte Minderheit zu betrachten. Dann könnten sie wie syrische Jeziden oder christliche Iraner Asyl in Deutschland erhalten. Aber auch für die anderen afghanischen Flüchtlinge müsse eine humanitäre Lösung gefunden werden. Es ist schlicht zu gefährlich in dem Bürgerkriegsland, sagt Bernbeck.

Er bedauert "den Kuhhandel", den Innenminister de Maiziere mit der afghanischen Regierung im Herbst geschlossen hat. Demnach zahlt Deutschland und dafür nimmt Afghanistan alle Menschen zurück, die nach Kabul geflogen werden. Darunter sind Landsleute, die 15 Jahren zuvor aus Afghanistan geflohen sind und keine Perspektive in dem Land haben. Wie Bernbeck erläutert, sind in den 1990er Jahren gerade Angehörige von Minderheiten und kritisch eingestellte Afghanen in den benachbarten Iran geflohen. Einige von ihnen sind nun nach Deutschland weitergewandert.

"Das waren die untersten Fußabtreter in der iranischen Gesellschaft," sagt Bernbeck. Wenn sie Glück hatten, konnten die Jungen in die Schule gehen, die Mädchen auf keinen Fall. Die Familienväter wurden als Tagelöhner ausgebeutet, viele Kinder starben an Armutskrankheiten. Sie hatten weder im Iran noch in Afghanistan eine Lebensgrundlage wegen des Bürgerkriegs. Beide Staaten waren froh, die Menschen los zu werden - bis de Maiziere Afghanistan zum sicheren Staat erklärte und die Behörden anwies, afghanische Flüchtlinge abzuschieben. Eine andere größere Gruppe der Flüchtlinge sind Angehörige von Minderheiten im Land.

Die aktuellen Abschiebungen betreffen in erster Linie alleinstehende Männer wie Samir Narang, auch wenn sie sich nichts zuschulden kommen ließen. Er lebte vier Jahre unbescholten in Deutschland, hatte deutsch gelernt und ein Praktikum absolviert. Nun wollte er eine Ausbildung beginnen als ihn die Polizei in das Flugzeug nach Kabul setzte, berichtete Kapoor.

Doch auch ganze Familien "zittern vor Angst", fügt Bernbeck an. So telefonierte er zuletzt mit einem verängstigten Familienvater, der mit Frau und zwei Kindern im Vogelsberg lebt und bei einer Logistikfirma arbeitet. Er bekommt immer nur eine Duldung für vier Wochen, das bedeutet zusätzlichen Aufwand für das Unternehmen, "das macht kein Arbeitgeber lange mit".

Bernbeck kritisiert, dass die Mitarbeiter der Behörden unter Druck von oben stehen, mehr Menschen abzuschieben. Das treffe dann auch Leute, die vor einem Krieg geflohen sind und sich in Deutschland integrieren wollen. Kapoor betont, "die Menschen haben Tag und Nacht Angst vor der Abschiebung, denn sie haben ihre Gründe, weshalb sie geflüchtet sind".

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare