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Der Homberger Imker Walter Pohl setzt sich für das Anlegen von Blühstreifen ein. (jol)

Artenschwund

Schwarzer Apollo im Vogelsberg ausgestorben

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Blühstreifen und artenreiche Bergmähwiesen - im Vogelsbergkreis wird viel unternommen, um die Artenvielfalt im Pflanzen- und Tierreich zu erhalten. Gleichwohl: Die Artenvielfalt geht zurück.

Was nützen Vogelschutzgebiete, wenn die Vögel dort keine Nahrung mehr finden? Und Naturschutzgebiete, die so vereinzelt liegen, dass kein Austausch zwischen den jeweiligen tierischen Bewohnern mehr stattfindet? "Es ist ein globales Massenaussterben von erdgeschichtlichem Ausmaß im Gange", sagte Dr. Andreas Segerer. Und: "Diesmal ist der Mensch der Auslöser, darüber besteht Konsens unter den Wissenschaftlern." Der Insektenforscher und Schmetterlingsexperte arbeitet für die zoologische Staatssammlung München und ist Präsident der Entomologischen Gesellschaft. Er referierte bei der dritten Biodiversitätskonferenz des Vogelsbergkreises, die im Saal des Posthotel Johannesberg stattfand.

Das Interesse an der Konferenz war groß. Gudrun Huber von der Unteren Naturschutzbehörde erläuterte: "Es ist wichtig, dass wir Mitstreiter im Kampf gegen das Artensterben finden. Wir können es uns nicht erlauben, noch zehn Jahre so weiter zu machen." Mit Verweis auf das bereitgelegte Obst ergänzte sie: "Diese Äpfel und Heidelbeeren, genauso wie Birnen oder Erdbeeren, werden von Insekten bestäubt, fast gar nicht durch Wind. Etwa drei Viertel unserer Kulturpflanzen brauchen die Bestäubung - allein das sollte uns zu denken geben."

Vergleich mit Hängematte

Weltweit sind 41 Prozent aller Arten rückläufig, ein Drittel ist vom Aussterben bedroht, damit fallen jährlich 2,5 Prozent der Biomasse weg. Diese Fakten präsentierte der Referent und veranschaulichte die Vernetzung der Lebewesen mit dem Bild einer Hängematte: "Eine verschwundene Art bedeutet einen gelösten Knoten. Fallen weitere Arten und damit Knoten weg, trägt die Hängematte zwar noch eine Zeit lang - aber irgendwann eben nicht mehr." Ein Milliardenheer von Kleintieren sei auf Insektennahrung angewiesen, "Insekten sind im Hauptberuf Opfer". Durch ihren Rückgang aber seien in Bayern schon 50 Prozent der Feldvögel verschwunden, eine alarmierende Zahl.

Dr. Andreas Segerer hatte einen Schwarzen Apollo aus der Staatssammlung München im Gepäck, der ursprünglich im Vogelsberg heimisch war. Mittlerweile gilt der bis zu sechs Zentimeter große Schmetterling in der Region als ausgestorben. Vorkommen sind noch in der Rhön nachgewiesen. Auf dem Hoherodskopf kann man ihn im Künanzhaus in einer Vitrine als Ausstellungsstück bewundern. In Bayern seien von einst rund 3300 Schmetterlingsarten bis zum Jahr 1992 zunächst 109 Arten, bis 2003 dann schon 228 Arten und bis heute schließlich 365 Arten verschwunden, sagte der Referent. "Schmetterlinge sind eine Art Fieberthermometer", berichtet Segerer, "wenn sie verschwinden, dann geht es auch vielen anderen Arten schlecht." Der Klimawandel sei eine große Bedrohung, "aber leider nicht die größte: Der schnell zunehmende Artenschwund und die Nährstoffbelastung der Böden durch Überdüngung stehen weltweit an der Spitze der Bedrohungen."

Verantwortlich sind Politiker

Eine bunt blühende und artenreiche Wiese sei früher ein- bis zweimal gemäht worden und nährstoffarm geblieben. Heutige Bewirtschaftung verlange Düngung, damit die Wiese mehr als zweimal im Jahr gemäht werden könne - sie werde fett, grün und arm an Arten. Doch der Referent will den Schwarzen Peter nicht den Landwirten zuschieben, sondern sieht die Verantwortung bei der Politik. Die handelt seiner Meinung nach seit Jahrzehnten wider besseres Wissen und fördert eine derartige Bewirtschaftung und Industrialisierung in der Landwirtschaft. "Ich sage nicht die Bauern sind schuld, aber ich rede von der industriellen Landwirtschaft", erklärte Dr. Segerer, "alleine schon deshalb, weil in Deutschland mehr als die Hälfte der Fläche landwirtschaftlich genutzt wird." Deshalb sei dort auch am ehesten Einfluss zu nehmen.

Bunte Privatgärten helfen

Aber auch in Privatgärten, die etwa drei Prozent der Landesfläche ausmachen, lohnt es sich Insekten zu fördern und auf eine Verbesserung des Nahrungsangebotes und des Lebensraumes hinzuwirken: Ob Blühstreifen entlang von Äckern, Wiesen und Wegen, heimische Blühgewächse im eigenen Garten und eine Wiese, die nicht gedüngt und auf Golfrasenniveau getrimmt wird. Dr. Puthz und Professor Zwick aus Schlitz hatten zur Veranschaulichung der Schönheit und Vielfalt mehrere Schaukästen mitgebracht.

In der letzten Zeit sind viele Kommunen in diesem Sinne aktiv geworden. Unter anderem wurden Blühstreifen in der Gemeinde Mücke angeregt, es wurde das Saatgut zur Verfügung gestellt. In Homberg legte der Bauhof Blühwiesen auf öffentlichen Flächen in Zusammenarbeit mit Imkern an, und ein weiteres gutes Beispiel sieht man entlang der Straße zwischen Ilsdorf und Groß-Eichen, die von Blühstreifen gesäumt ist.

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