Polen als Schnittstelle zwischen "Ost" und "West"

Warschau/Alsfeld (pm). Eiseskälte bis 24 Grad unter Null, Alkoholverbot in der Öffentlichkeit und die USA-Begeisterung der Polen - davon berichtet Dinah Riese in ihrem jüngsten Brief aus Warschau.

Warschau/Alsfeld (pm). Eiseskälte bis 24 Grad unter Null, Alkoholverbot in der Öffentlichkeit und die USA-Begeisterung der Polen - davon berichtet Dinah Riese in ihrem jüngsten Brief aus Warschau. Die Alsfelderin arbeitet in einem Sozialen Jahr mit "Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste" ASF mit Überlebenden des Holocaust und in der Jüdischen Gemeinde der polnischen Haupstadt. Ihr Bericht: Und ein neues Jahr in Warschau hat begonnen - nach dem erstaunlich warmen Dezember ist in Polens Hauptstadt der Winter angekommen. So kenne ich inzwischen dieses eisig nadelstechende Gefühl von minus 24°C auf der Haut. Silvester wird in Warschau nicht unbedingt anders gefeiert, als man es aus Deutschland gewöhnt ist - viele Leute, viel Musik, viel Krach, jede Menge Feuerwerk, Weihnachts-Glitzersterne am Kulturpalast.

Der große Unterschied: In Polen ist es eigentlich verboten, in der Öffentlichkeit Alkohol zu trinken. Zwar hält sich an Silvester niemand daran und Konsequenzen hat es an diesem Abend eher nicht. Doch wenn man zu einer Veranstaltung wie dem großen Konzert mit Feuerwerk und Countdown und allem drum und dran am Plac Konstitucji in der Innenstadt will, muss man seinen Alkohol an der Absperrung zurücklassen - oder eben davor austrinken.

Genau dort waren wir an Silvester, mit etwa 120 000 anderen Leuten. Wir hatten viel Besuch, ein paar von den anderen Polenfreiwilligen von ASF und meine Vorgängerin waren da. So war es für ein paar Tage sehr voll in unserer Wohnung - acht Leute auf 48 Quadratmetern sind schon nicht zu verachten.

Warschau ist eine interessante Stadt: Irgendwo in der Mitte zwischen West- und Osteuropa. Aber das gilt wohl für ganz Polen. Nicht nur geographisch, auch kulturell und politisch. Das habe ich bei meinem European Voluntary Service-Seminar Ende letzten Jahres feststellen können. Bei diesem Seminaren waren EVS-Freiwillige aus vielen Ländern, die einen Freiwilligendienst in Polen leisten. So habe ich dort Leute aus Deutschland, Frankreich, Italien oder Österreich getroffen, aber auch aus Albanien, Belarus, Georgien, Ukraine, Türkei oder Rumänien.

Sehr sehr interessant dabei war die unterschiedliche Sichtweise auf Polen. Für mich aus Deutschland ist Polen zwar nicht der "Wilde Osten", vor allem Warschau unterscheidet sich im Alltag kaum von deutschen Großstädten, aber ganz wie zuhause ist es eben doch nicht. Osteuropäische Küche, die slawische Sprache, der kalte Winter und viele kleine Feinheiten lassen einen doch merken, dass man weiter im Osten ist als in Alsfeld. Doch für Freiwillige aus Georgien oder Belarus ist Polen "der Westen".

Die Polen sind generell sehr "westorientiert" und nicht begeistert, wenn man von ihrem Land als "Osteuropa" spricht. Es wird sich viel an amerikanischer Kultur orientiert, sowohl was große Einkaufmalls angeht als auch in wirtschaftlichen Fragen. In Umfragen über die Beliebtheit anderer Nationen steht Amerika an erster Stelle, Russland sehr weit hinten - was aufgrund der russischen Politik nicht zu verwundern ist; viele Polen haben verständlicherweise Angst vor "den Russen".

Es war ein sehr spannendes Gefühl, Polen als den "Mittelpunkt", die Schnittstelle zwischen "West" und "Ost" wahrzunehmen und sich mit den anderen Freiwilligen über ganz alltägliche und in verschiedenen Ländern doch so verschiedene Dinge auszutauschen.

Bei den Ländervorstellungen war dann allerhand Interessantes dabei - vom Singen ukrainischer Lieder und einer Aufzählung lustiger österreichischer Wörter (wohl vor allem für die Deutschen lustig) über das Tanzen georgischer Volkstänze bis zum Nachspielen des tschechischen Osterfestes, bei dem die Jungs den Mädchen singend mit einem Stock auf den Hintern hauen. Singen sie gut, bekommen sie ein Ei geschenkt, singen sie schlecht, werden sie hingegen mit Wasser überschüttet. Und natürlich wurden viele Handynummern und Emailadressen getauscht, so dass man sich in den polnischen Städten besuchen kann - und nach dem Freiwilligendienst in den Heimatländern: Georgien, ich komme!

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