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Die Gedenktafel.

Jüdische Vogelsberger

Plakette für ermordeten Großonkel in Kestrich

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Nachkommen von jüdischen Vogelsbergern in der Heimat ihrer Vorfahren: In Kestrich war eine Gruppe aus Südafrika zu Gast, Großnichten von Sally Bacharach, der 1942 ermordet wurde.

Besuch aus Johannesburg in Südafrika bekam dieser Tage Ernst-Uwe Offhaus. Der Vorsitzende des Vereins Historisches Feldatal führte einmal mehr Nachfahren von jüdischen Vogelsbergern durch die Alte Synagoge Kestrich. Er zeigte das frühere Wohnhaus der Familie Bacharach und fuhr mit zum Grab der Ur-Großvaters. Zuvor waren die Nachfahren Siegmund Bacharachs in Polen und in Romrod unterwegs gewesen.

Lindsey Clare Krawitz und Carol Elaine Rabin kamen nicht mit leeren Händen nach Kestrich. Sie hatten eine Gedenkplakette für die eAlte Synagoge dabei, die an ihren Großonkel Sally Bacharach erinnert. Er war im September 1942 mit dem Ehepaar Kapenberg von der Polizei verschleppt worden und in das Konzentrationslager Theresienstadt gebracht. Er wurde im KZ Auschwitz oder Vernichtungslager Treblinka ermordet.

Lindsay und Carol waren mit Ehemann, Kindern und einem Enkel gekommen und zeigten sich beeindruckt von der restaurierten alten Synagoge. Genau studierten sie die kleine Ausstellung mit Fundstücken des 2005 restaurierten Fachwerkgebäudes.

In den nach dem Zweiten Weltkrieg eingezogenen Zwischenböden des ehemaligen Gotteshauses fanden die Bauarbeiter Reste des Kristallleuchters und Fragmente von Gebetbüchern. Die Gäste aus Südafrika freuten sich, dass der Verein die alte Synagoge als einen Ort der Erinnerung und der Kultur bewahrt. Gerhard Zinßer vom Verein Gedenkstätte Speier Angenrod erläuterte die Erinnerungsarbeit zu jüdischen Vogelsbergern durch die Vereine.

Lindsey und Carol sind geborene Bacharachs, ihr Großvater war Siegmund Bacharach, der mit seiner Familie 1936 nach Südafrika flüchten konnte. Sein Bruder Sally blieb damals in Kestrich zurück, um den schwerkranken Vater zu pflegen. Dieser starb einige Wochen später. Sein Grab ist das letzte, das auf dem jüdischen Friedhof belegt wurde, wie Offhaus erläuterte.

Carol E. Rabin erzählte, der Großvater Siegmund war ein stolzer Deutscher gewesen. Er hatte im Ersten Weltkrieg als Soldat in einer berittenen Einheit gedient. Der Viehhändler und seine Familie starteten in Johannesburg bei Null. "Sie hatten nichts und er arbeitete als Metzger, um den Lebensunterhalt zu verdienen", sagt Carol Rabin. Sein Sohn Helmut wurde Elektriker.

Besuch auch in Romrod

Seine Frau Marianne Margot war ebenfalls eine Überlebende des Holocaust, sie war mit einem Kindertransport nach England geflüchtet, die Eltern wurden getötet. Ihre Mutter wurde Krankenschwester, wie Carol Rabin weiter erzählt.

Die Reise nach Europa unternahmen Elaine Rabin, Ehemann Harvey, Tochter Sarah Blumberg mit Ehemann Raphael und Enkel Jona sowie Lindsay Krawitz mit Tochter Jacqui. Die Schwestern freuen sich über den Nachwuchs, was ihnen nach dem Leid in der Familie sehr wichtig ist.

Eine Visite der Gedenkstätte im ehemaligen KZ Auschwitz habe sie sehr traurig über die Grausamkeit von Menschen gemacht, sagt Lindsey Krawitz. Sie sieht aber auch das Gute: "Wir und unsere Kinder leben, Hitler hat uns als Juden nicht vernichten können". Erste Station beim Besuch von Lindsay Krawitz und Carol Rabin mit ihren Angehörigen im Vogelsberg war Romrod. Dort trafen sie Horst Blaschko vom Heimatverein und Bürgermeisterin Dr. Birgit Richtberg und besichtigten die Alte Synagoge.

Blaschko erläuterte, dass in Romrod nach 1933 noch die Familien Fischer, Lorsch und Stern gelebt haben. Ihre Existenz war geprägt durch Überfälle und Einschüchterungen. So starb Berta Fischer im Jahre 1936 nach einem Überfall örtlicher Nazis auf das Haus der Familie in der Alsfelder Straße. Schon vorher wurden Mitglieder der jüdischen Gemeinde gezwungen, wichtige Gegenstände aus der Synagoge öffentlich zu verbrennen.

Es war diese Drangsal, vor der die Familien flüchteten. So auch die Eltern der Mutter von Elaine Rabin und Lindsey Krawitz, Klara und Adolf Stern, die mit Tochter Margot nach Karlsruhe zogen. Margot Stern konnte nach dem Novemberpogrom 1938 mit einem Kindertransport nach England entkommen. Ihre Eltern deportierten die Nationalsozialisten im Jahre 1940 mit etwa 6500 Juden nach Südfrankreich. Sie wurden 1942 im Vernichtungslager Auschwitz ermordet.

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