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Ohne Kükentötung: Ein Jahr mit Brüderhähnen im Vogelsbergkreis

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Von: Rebecca Fulle

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Für Christoph Alex vom Bio-Hof Alex in Freiensteinau hat das Kükentötungs-Verbot »massive finanzielle Auswirkungen«. Er meint, dass mit dem Verbot Probleme geschaffen wurden, die vorher nicht existierten. © pv

Die Meinungen über die Sinnhaftigkeit des Verbots gehen weiterhin stark auseinander. Wie ist die Bilanz der Betriebe, welchen finanziellen Unterschied macht das Verbot und wie geht es weiter?

Der 1. Januar 2022 war der Stichtag: Das Kükentötungsverbot ist in Kraft getreten. »Für uns und unseren Betrieb hat das massive finanzielle Auswirkungen«, erzählt Christoph Alex nun, ein Jahr später. Er ist Biolandwirt und betreibt den Bio-Hof Alex im Vogelsberger Ort Freiensteinau. Auch die Energie- und Futterpreise sind für ihn zuletzt deutlich angestiegen.

Z uvor wurden in Deutschland jährlich etwa 45 Millionen männliche Küken sofort nach dem Schlüpfen getötet, meist durch CO2-Vergasung. Da die Hähne langsamer zunehmen und auch keine Einnahmequelle wie das Eierlegen haben, gelten sie nicht als rentabel.

Keine Kükentötung in Deutschland: 2024 soll Gesetz verschärft werden

Mit einer Erkennung im Ei, der In-OVO-Geschlechtsbestimmung, kann derzeit der Brutprozess unterbrochen werden, um das Schlüpfen von Hähnen zu verhindern. Die Methoden geschehen rund um den 9. Tag (ein Ei braucht 21 Tage zum ausbrüten). Die Gesetzgebung soll zum 1. Januar 2024 noch einmal verschärft werden, denn dann muss die Geschlechtsbestimmung spätestens bis zum 6. Bruttag erfolgen. Die Ursache dafür ist, dass nach jetzigem Forschungsstand der Embryo bis dahin noch nicht schmerzempfindlich ist. Alternativ können junge Hähne (Bruderhähne) nach dem Schlüpfen auch aufgezogen werden. Im letzten Jahr seien fast 80 Prozent der männlichen Küken als Bruderhähne aufgezogen und etwa 20 Prozent durch In-OVO-Geschlechtsbestimmung aussortiert worden, berichtet eine Pressesprecherin des Hessischen Umweltministeriums.

Die Öko-Verbandsbetriebe Demeter, Naturland, Bioland und Biokreis haben sich zu einer Bruderhahn-Aufzucht verpflichtet, erzählt Michael Däuber, Fachberater Geflügel von Bioland. »Sie bleiben in der Wertschätzungskette drin«, betont er. Aber auch für alle anderen Betriebe, auch die konventionellen, gilt das Kükentötungsverbot. »Bei der konventionellen Haltung ist aber die Früherkennung möglich - oder Küken aus dem Ausland zu kaufen.«

Für Bio-Landwirt Alex kommt als Mitglied im Verband nur die Bruderhahnaufzucht in Frage. »Wir können die Bruderhähne entweder mit bei uns einstallen, oder wir zahlen einen Obulus von 7,25 Euro pro Hahn.« Dann werde der Hahn bei einem Bruderhahn-Hof aufgezogen und dort später geschlachtet. Alex hat auf seinem Hof zwei Hühnermobile mit jeweils 215 Legehennen. Zahlt er den Preis für die externe Aufzucht jedes Hahns, ist er bei einer Summe von 1500 Euro oben drauf. »Damit haben wir nur mehr Aufwand und Kosten«, kritisiert er.

Fachberater von Bioland über Bruderhahn: »Ist ein ethisches Produkt«

Eine Alternative ist die Initiative »Mein Bruderhahn«, die die Junghähne in Deutschland tiergerecht aufziehen. »Dafür bestellt man die Hennen bei deren Partner-Züchtern und gibt die Hähne kostenfrei bei denen ab«, erklärt Alex. Die Fertigprodukte aus den später geschlachteten Hähnen könne er wiederum dann wieder in seinem Hofladen verkaufen. Das System hat für den 42-Jährigen aber einen Haken: »Das geht auf dem Land einfach schwierig weg, die Leute kaufen so etwas selten. Der Einkaufspreis ist nicht gering - und dann möchte ich ja auch noch selbst ein wenig Gewinn machen.«

Auch Däuber von Bioland beobachtet, dass die Produkte schwierig zu verkaufen sind. »Aktuell ist die Gewinnmarge sehr gering.« Denn bei den Futterkosten und auch den Schlachtungskosten müsse ein gewisser Preis angesetzt werden. »Der Bruderhahn ist ein ethisches Produkt. In meinen Augen hat er nicht den Wert, den er hätte haben können - wenn der Bruderhahn dem Käufer so wichtig wäre, wie es uns gespiegelt wird.«

Der zusätzliche Kostenaufwand des Hahns sorge dafür, dass gerade Legehennen-Betriebe ihre Kosten auf das Ei umlegen müssten. »Der Bruderhahn kann sich finanziell nicht selbst tragen«, sagt Däuber. Die Kosten umlegen kommt für Alex nicht infrage. »Ich kann nicht einfach sagen, dass mein Ei jetzt 60 anstatt 50 Cent kostet. Ich müsste es eigentlich machen, aber ich weiß nicht, was dann passiert - gerade hier auf dem Land.«

»Für mich war die beste Lösung so, wie es früher war«, sagt Alex. »Wir haben uns Probleme geschaffen, die vorher nicht da waren.« Eine andere Tierhaltungsform sei schnell gefordert, aber der Verbraucher greife dann doch eher zum billigen als zum teuren Projekt, kritisiert Bio-Landwirt Alex. Auch Michael Däuber, der die Aufzucht der Bruderhähne unterstützt, spricht von den Preisen und wünscht sich mehr Resonanz: »Wir brauchen Verbraucher, die den Aufwand und den Nachhaltigkeitsgedanken wertschätzen.«

INFO: Zweinutzungshuhn

Eine weitere Alternative, um sowohl Hennen als auch Hähne aufziehen zu können, ist das Zweinutzungshuhn mit speziellen Rassen. Dabei ist die Henne kein Hochleistungshuhn. Es legt daher ein wenig weniger Eier. Bei dieser Rasse entwickelt der Hahn einen schöneren Körper, der von der Fleisch-Qualität besser sein soll.

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