Offene Türen im Stadtarchiv: 30 Jahre im Beinhaus

Alsfeld (pm). Am Samstag feiert das Stadtarchiv im Beinhaus (am Alsfelder Kirchplatz) sein 30-Jähriges - mit einem Tag der offenen Archiv-Pforte. Diese steht von 10-13 und 15-17 Uhr offen.

Viele Alsfelder kennen es überhaupt nicht, doch für Familienforscher und an historischen Themen Interessierte ist das Stadtarchiv ein Begriff. Und es sind nicht nur Besucher aus Alsfeld und Umgebung, die das Beinhaus am Kirchplatz aufsuchen. Die meisten Nutzer kommen von auswärts. Sie schicken ihre Anfragen überwiegend per E-Mail oder sie besuchen nach vorheriger Anmeldung das würdige Beinhaus persönlich. Selbst Gäste aus Übersee sind nicht selten. Dabei war es ein langer Weg, bis das Archiv in seiner heutigen Form am 12. August 1983 offiziell eröffnet werden konnte. Zwar war schon 1977 der Beschluss zur Restaurierung und zum Umbau gefasst worden, die Arbeiten des Umzugs des Archivgutes dauerten nn noch bis zum Herbst 1982. Die Baukosten betrugen 356 000 DM, von denen der Bund und das Land 75% übernahmen.

Der Ursprung liegt weitgehend im Dunkeln. Beim schon 1368 in einer Ablassschrift erwähnten Karner oder Beinhaus handelt es sich wohl um das heutige Gebäude am Kirchplatz. Die über der Tür noch erhaltene Jahreszahl 1510 betrifft vermutlich einen Um- oder Erweiterungsbau. Der Wasserausguss (piscina) rechts neben der Tür weist darauf hin, dass der obere Raum einen Altar besaß und somit für liturgische Zwecke bzw.

als Kapelle für Totenmessen genutzt wurde. Im Gewölbekeller wurden jahrhundertelang die Schädel und Gebeine, die man bei der Neuanlage von Gräbern auf dem Kirchplatz vorgefunden hatte, bis 1824 aufbewahrt.

Die Kapelle verlor nach der Reformation ihre Bedeutung und wurde zur Malzdarre für das alte Brauhaus, das am Platz des heutigen Schwälmer Brunnens gestanden hat. Danach diente das Gebäude eine Zeitlang dem 1849 gegründeten Turnverein als Übungsstätte, bis es die Stadt 1876 veräußerte. Nacheinander folgten mehrere Firmen als Eigentümer.

Mit dem Ende der 1970er Jahre begonnenen Umbau veränderte sich das Äußere des Gebäudes maßgeblich. Der alte einstöckige Aufbau mit Satteldach auf dem Steinunterbau wurde abgerissen. Der Gewölbekeller blieb unverändert.

Unter einem Archiv versteht man ganz allgemein eine geordnete Sammlung von Akten und Dokumenten. In einer Stadt entsprach ein solches Gebäude dem Rathaus, und so lagerten auch in Alsfeld nach Fertigstellung des neuen Rathauses 1516 die städtischen Akten in Schränken, die in der großen Ratsstube des mittleren Stockwerks standen. Später kam es zur Verlagerung von Archivalien in den Raum oberhalb der Sakristei der Walpurgiskirche, der so genannten Gerbkammer. Mit dem Umbau der Kirche 1833/34 war eine teilweise Rückverlagerung ins Rathaus verbunden.

"Eine große Unordnung"

In der Folge kümmerte sich wohl niemand um das städtische Archivgut. Bei Aufräumarbeiten Anfang 1879 – kurz nachdem der schon beschlossene Abriss des Rathauses verhindert worden war – fand man eine große Unordnung und Verschmutzung vor. Bürgermeister Werner Ramspeck erhielt sogar eine Ordnungsstrafe. Offensichtlich fehlte den Verantwortlichen das Bewusstsein für den Wert der Archivalien.

Erst mit dem nur kurze Zeit als 2. Pfarrer in Alsfeld tätigen Dr. Eduard Edwin Becker kam ein Wandel. Von 1905 bis 1909 ordnete und verzeichnete er nach dem für Bürgermeistereien geltenden Registraturplan alle Akten, Urkunden und Dokumente. Was Becker vorfand, beschrieb er: "Im oberen Rathausstockwerk lagen zwei mächtige Haufen Akten und Urkunden neben den Kohlevorräten. Ein weiterer Teil befand sich in einem Sack, die Rechnungen standen zum größten Teil ziemlich geordnet in den schönen alten Schränken. In der Registratur befanden sich neben den laufenden Akten zahlreiche alte Sachen.

Aber auch auf dem Boden unter den Schränken lagen wertvolle Urkunden, mitten zwischen Zwetschenkernen, Gänse- und Schweineknochen, wohl den Überresten der fröhlichen Schöffenmahlzeiten, wie sie unsere Vorfahren so gerne begingen …"

1910 übergab Becker dann einen geordneten Bestand an die Stadt. Seither gilt er als der Begründer des Stadtarchivs, das zunächst im Weinhaus untergebracht war. Nach einem Brand 1912 erfolgte eine Umlagerung ins Hochzeitshaus; 20 Jahre später geht ein Teil zurück ins Weinhaus. Mit der Neueinrichtung im Beinhaus, um die sich der ehemalige langjährige Stadtarchivar Dr. Herbert Jäkel verdient gemacht hat, erhielt 1983 das Archiv der Stadt endlich eine angemessene Bleibe.

Für Schwerpunktthemen werden typische Beispiele in Form von Urkunden, Handschriften, Büchern, Festschriften, Zeitschriften, Zeichnungen, Karten und Bildern ausgestellt. Die Familienforschung bildet einen solchen Schwerpunktbereich. Oft kann hier das Archiv über Quellen wie Bürgerlisten, An- und Abmelderegistern, Ehe- und Kaufverträgen, der Einwohnermeldekartei und nicht zuletzt der umfangreichen Auswandererkartei helfen. Gerade letztere veranlasste vor einigen Monaten den aus Ottawa/Kanada angereisten Rechtsanwalt und Notar Ronald L.

Doering zu dem Ausruf: Oh my God, I never thought to find such fantastic documents, als ihm Original-Handschriften seines 1835 ausgewanderten Vorfahren David Döring aus Alsfeld vorgelegt werden konnten.

Immer wieder suchen auch Nachkommen früherer jüdischer Mitbürger Informationen über ihre Familien. So haben sich in den letzten Jahren Kontakte nach USA, Kanada, Mexiko, England, Israel und Australien entwickelt. Ein anderes Hauptthema – neben Zünften/Handwerk/Firmengeschichte, Vereinsgeschichte und Archivalien der 16 Stadtteile – betrifft die Alsfelder Stadtgeschichte, vielfältig repräsentiert durch Urkunden, Publikationen und sonstige Dokumente. So manche private Recherche, aber auch Studien- und Magisterarbeiten konnten von dem vorhandenen Material profitieren.

Dem Interessenten aus Süddeutschland jedoch, der kürzlich dem "sehr geehrten Herrn Oberbürgermeister" schrieb, das Stadtarchiv möge ihm doch bitte alle Bildbände, Fachwerkbücher und sonstige Publikationen über Alsfeld schicken, musste mitgeteilt werden, dass derartige Wünsche nur vom Buchhandel erfüllt werden können.

Seit Jahren erlaubt die finanzielle Situation der Stadt nur noch eine ehrenamtliche Archiv-Führung. Die wöchentliche Öffnungszeit von drei Stunden donnerstags reicht deswegen kaum aus, dem Anspruch Sammeln-Bewahren-Forschen-Vermitteln gerecht zu werden. Allein die Beantwortung der schriftlichen Anfragen geht oft über das Zeitlimit hinaus, und spontane Fragestellungen wie "Wann wurde der Alsfelder Marktplatz zuletzt neu gepflastert?" oder "Was hat der 1. Hessentag 1961 in Alsfeld gekostet?" erfordern schon mal etwas Suchaufwand. Während einer solchen Beschäftigung passierte es einmal, dass zufällig am Kirchplatz vorbeikommende Touristen neugierig den Kopf durch die Archivtür steckten und freundlich feststellten: "Sie haben aber einen schönen Arbeitsplatz". Dr. Norbert Hansen

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