Messerangriff

Nach Messerstich in Alsfeld: Verdächtige stehen vor Gericht

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Nach einer Verfolgungsjagd durch die Alsfelder Innenstadt endet der Streit zwischen zwei Gruppen im Sommer 2018 mit einem Messerstich. Der Fall wird nun vor dem Gießener Landgericht verhandelt.

Auf der Anklagebank sitzen ein Mann und zwei Jugendliche. Es geht um gemeinschaftliche schwere Körperverletzung, einem wird zudem versuchter Totschlag vorgeworfen. Sie sollen bestraft werden. Aber die treibende Kraft des Geschehens vom 11. Juni 2018 in der Alsfelder Innenstadt sitzt unbehelligt dabei – im Zuschauerraum hinter Panzerglas: Es ist die Mutter der beiden jungen Männer, die zur Tatzeit 15 und 17 waren. Die Staatsanwältin beschreibt sie in ihrem Plädoyer als keifend, die immer wieder "Öl ins Feuer gegossen hat". Der Verteidiger ihres ältesten Sohnes ordnet sie als "hysterisch" und "Rädelsführerin" ein.

Das waren die Emotionen im Sommer des Vorjahres, nachdem vor einem Haus in der Altenburger Straße ein Fahrrad umgefallen oder umgetreten worden war – der Grund der Auseinandersetzung. Am Donnerstag sind es andere Gefühle in Saal 207 des Gießener Landgerichts: Viereinhalb Jahre Jugendstrafe für den älteren Sohn sind die Strafforderung der Anklage. Die Angeklagten haben nach den Plädoyers ein letztes Wort, im Fall der zur Tatzeit Minderjährigen auch deren Mutter. Sie verteidigt ihre Kinder, keiner habe den Stich gesehen. Sie bittet um eine zwei Chance für die Söhne und ihren Cousin, den ältesten Sohn solle ein Betreuer unterstützen. Im Rausgehen übermannt es sie dann. Sie umarmt ihren Ältesten, beide klammern sich aneinander, weinen. Der Vorsitzende gesteht einen Moment der Rührung zu, dann stehen zwei Justizwachtmeister auf. "Ich kann das verstehen", sagt der Vorsitzende, "aber wir müssen jetzt hier weiter machen."

25 Zentimeter langer Bauchschnitt

Seit dem 11. Dezember 2018 versucht die 1. Strafkammer aufzuklären, was an dem Sommerabend ab 22.30 Uhr in der Alsfelder Innenstadt passiert ist. Aus Sicht der Staatsanwältin kamen vier junge angetrunkene Eritreer von der Stadthalle her die Altenburger Straße hoch, wo ein Fahrrad auf dem Fußweg stand. Das Fahrrad fiel um oder wurde umgetreten, es war jedenfalls Anlass für die folgende Auseinandersetzung. Die Mutter und einer der Eritreer gerieten darüber verbal aneinander, es wurde sogar die Polizei deswegen angerufen.

Aber die Hausbewohner warteten nicht bis zu deren Eintreffen, sondern wollten die Bestrafung gleich selbst in die Hand nehmen. Dafür sorgten die beiden Söhne der Mutter und ihr Cousin. Diese sollen sich laut Staatsanwältin auf den einen Eritreer gestürzt und ihn mit Gürteln geschlagen haben. Der Angegriffene flüchtete, sei drei Begleiter kamen ihm nicht zu Hilfe. Über mehrere Straßenzüge hinweg ging die Jagd, es sein rund 650 Meter gewesen, erinnerte die Vertreterin der Anklage. Letztlich sei man wieder Richtung Stadthallenplatz gelaufen, wo dem Opfer grundlos mit einem beidseitig geschliffenen langen Messer in den Bauch gestochen worden sei.

Grundlos nannte das die Staatsanwältin, denn das Opfer habe sich über die ganze Zeit nur schützen wollen, sei nicht zu einem Gegenangriff übergegangen. Zeugen für das Zustechen gebe es nicht, die Tatwaffe habe die Polizei später in einem nahe gelegenen Gebüsch gefunden. Der Messergriff sei abgewischt gewesen, Fingerabdrücke nicht auszumachen. Allerdings seien das Blut des Opfers am Messer und DNA des älteren Bruders. Dessen Bekleidung habe auch das meiste Blut des Opfers aufgewiesen. Durch den heftig geführten Messerstich sei ein 25 Zentimeter langer lebensgefährlicher Bauchschnitt entstanden, Därme seien ausgetreten. Der Messerstecher habe den Tod des Opfers in Kauf genommen. Die Polizei hatte die Männer in Tatortnähe auf einer Bank sitzend festgenommen, dort hatten sie auch die Mutter und zwei Kleinkinder angetroffen.

Anwalt spricht von Hetzjagd

Von einer Hetzjagd, die durch nichts zu rechtfertigen ist, spricht der Anwalt der Nebenklage. Mehrere Hundert Meter sei das Opfer mit Gürtelschlägen durch die Straßen getrieben worden. Man sollte sich nicht von dem Gefühl leiten lassen, "wir müssen jemanden finden, der dafür verantwortlich ist", rät der Verteidiger des älteren Sohnes. Es gebe keine Zeugen, die Spurenlage sei unscharf. Zudem sei die Auseinandersetzung von beiden Seiten befeuert worden. Sein Mandant sei nur rausgegangen, weil er sich als Beschützer der Mutter gefühlt habe. Was bleibe sei die Körperverletzung durch Gürtelschläge, als Sanktion reichten Arbeitsstunden.

Die Verteidigerin des jüngeren Sohnes fordert für ihren Mandanten Freispruch, unter anderem weil das Opfer bei der Polizei ausgesagt habe, der Junge habe ihn nicht geschlagen. Freispruch forderte auch der Rechtsanwalt des Onkels der Jungen, denn Verletzungen durch Schläge seien beim Opfer nicht nachgewiesen worden.

"Ich wünsche, ich wäre an dem Tag nicht da gewesen, und hätte nicht das Geschrei meiner Mutter gehört. Ich wünsche mir eine zweite Chance", lautete das Schlusswort des Hauptangeklagten. Die Kammer wird ein Urteil in den nächsten Tagen verkünden.

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