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Mehr Arbeit, weniger Geld

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Von: Joachim Legatis

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Sie leisten viele Überstunden – ohne dieses zusätzliche Engagement von Pflegekräften in Altenheim und Krankenhaus würde das System zusammenbrechen. Jetzt wollen sie sich wehren.

Ingo Schwalm ist seit 35 Jahren in der Pflege tätig, der Fachkrankenpfleger für die Psychiatrie führt in vielen Alten- und Pflegeeinrichtungen fachpflegerische Visiten durch. »Ich bewundere die Altenpflegerinnen, die unter schwierigen Rahmenbedingungen noch so gute Arbeit leisten,« sagt er im Gespräch. Aber die Arbeitsbedingungen in Altenheimen, Krankenhäusern und Behinderteneinrichtungen seien so drückend, dass dringend bessere Arbeitsbedingungen geschaffen werden müssen. Dafür hat Schwalm die Unterstützung der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft ver.di und der SPD Alsfeld für eine Kundgebung erhalten. Am Samstag, dem 27. Mai, tritt man in Alsfeld für Mindestpersonalbemessung, bessere Entlohnung, verbesserte Arbeitsbedingungen Sicherheit für Pflegebedürftige und Wertschätzung ein.

Pflegekräfte erkranken

»Die Demonstration ist dringend notwendig«, sagt Ingo Schwalm. Und er ergänzt: »Die Situation hat sich zugespitzt in den letzten zwölf Jahren«. Er komme als Fachkrankenpfleger mittlerweile in vielen Pflegeheimen herum. Viele Pflegerinnen und Pfleger seien überlastet, »ich muss von Berufs wegen jeden Monat einen Kollegen in psychotherapeutische Behandlung vermitteln«, bedauert Schwalm weil die Belastung für die Kräfte zu groß wurde. Insgesamt hat sich nach seinen Angaben bundesweit der Anteil durch Krankheitstage wegen psychischen Erkrankungen in den letzten Jahren sogar verdoppelt.

Das liegt für Kerstin Röhrhoff von der Gewerkschaft ver.di Osthessen im System der Arbeit. Immer wieder müssten Pflegekräfte aus der Freizeit geholt werden oder Überstunden machen, sonst würde die Versorgung der pflegebedürftigen Menschen nicht funktionieren. In Krankenhäusern und Pflegeheimen herrscht Mangel an qualifizierten Kräften. So soll in einem Altenheim ein bestimmter Anteil an ausgebildeten Fachpflegekräften da sein. Wenn aber die Einrichtung nachweist, dass sie examiniertes Pflegepersonal gesucht und nicht gefunden hat, kann das Regierungspräsidium eine Ausnahmegenehmigung erteilen.

»Ohne die müsste die Hälfte der Heime zumachen,« schätzt Schwalm. Röhrhoff ergänzt, dass Hilfskräfte sich im Rahmen des ihnen Möglichen für die Bewohner einsetzen, ihnen aber die nötigen und wichtigen Grundkenntnisse für Pflege und Krankenbeobachtung fehlen. Außerdem sei es für sie ohne Ausbildung nicht einfach, mit alten und teilweise verwirrten Bewohnern umzugehen.

Schlechte Bezahlung

Gerade der Blick in Seniorenheime zeigt, wie wichtig eine dreijährige Pflegeausbildung ist, meint Schwalm. So müssen beispielsweise gerötete Hautstellen darauf geprüft werden, ob sie auf Wundliegen hindeuten und es muss klar sein, wie man jemanden aufrichtet, der unter starken Schmerzen leidet. Medizinische Grundkenntnisse seien wichtig. Er hat beobachtet, dass in Krankenhäusern und Pflegeheimen immer mehr Hilfskräfte beschäftigt werden, weil Fachpfleger fehlen.

Ein Grund für die geringe Attraktivität von Pflegeberufen ist für Schwalm und Röhrhoff die schlechte Bezahlung. Hilfskräfte würden oft nur den Mindestlohn erhalten, das sind in Vollzeit rund 1700 Euro, aber viele arbeiteten Teilzeit. Auf den Monat umgerechnet bekommen Fachkräfte im Krankenhaus laut Tarif 2635 bis 3295 Euro, »aber nur wenige Häuser zahlen Tariflohn,« sagt Röhrhoff. In der Altenpflege kommen Fachkräfte auf 2000 bis 2200 Euro, schätzt Schwalm, »und der Trend geht eher nach unten«.

Überlastung des Personals

Eine Folge ist Überlastung des Personals. So seien beispielsweise in Altenheimen mit 120 Betten in der Nachtschicht nur eine examinierte Kraft und eine Hilfskraft tätig. »Viele Menschen sterben allein, es hat keiner Zeit für sie – das ist ein Unding,« empört sich Schwalm. Auch im Krankenhaus fehlen Kräfte, sagt Röhrhoff, die Personalbemessung müsse dringend verbessert werden. »Es muss mehr Geld ins System.« Dabei geht es auch um Sicherheit der Patienten, denn mit wenig Personal leidet unter anderem die Hygiene in Heimen und Kliniken.

Was Schwalm und Röhrhoff Kopfzerbrechen bereitet, ist die Schwierigkeit für Beschäftigte, Druck für bessere Bedingungen zu machen. Denn nur wenige der 1,2 Millionen Pflegekräfte sind in einer Gewerkschaft organisiert und ohne gemeinsamen Druck werde es nicht besser. Deshalb will man mit der Kundgebung die eigenen Forderungen öffentlich machen, weitere Aktionen bis zur Bundestagswahl sollen folgen.

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