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Im April diesen Jahres durchsuchten Polizisten den Hof der Eltern des Angeklagten, wo er noch über einige Räume verfügt. Dort fanden sich riesige Mengen an Waffen und Feuerwerksmunition. Archivfoto: pwr

Prozess

Von Hells Angels bedroht? Prozess gegen fanatischen Waffensammler in Gießen

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Der 49-Jährige hatte den Hof seiner Eltern nahe Alsfeld so mit Waffen und Feuerwerkskörpern vollgestopft, dass Polizisten bei der Durchsuchung die Augen übergingen. Jetzt steht er vor Gericht.

Gießen/Alsfeld - Der komplett unauffällig wirkende Angeklagte wurde am Montag aus der Haft vorgeführt. Er wurde im März diesen Jahres in München festgenommen. Dort wohnten seine Verlobte und eine Bekannte von ihr. Der wollte er etwas von dem Kokain verkaufen, dass er von einem "Bosnier aus dem Hells-Angels-Milieu" hatte. Die Bekannte der Freundin ("eine alte Hippiebraut") hatte auf Abnehmer für den Stoff in Münchner "High Society-Kreisen" verwiesen. Mit seiner Verlobten hatte es vorher einigen Stress gegeben und mit deren Exfreund, auf den er sehr eifersüchtig war.

Als die Situation in München-Ismaning auch wegen des Drogenkonsums aller Beteiligten eskalierte, rief seine Verlobte die Polizei. Wenig später folgte die Durchsuchungsaktion auf dem Gehöft in Schwabenrod. Dort fanden sich neben Haschisch und Amphetaminen so viele Waffen, dass die Staatsanwältin über zwanzig Minuten brauchte, um alles aufzuzählen. Im Arsenal befanden sich neben einigen erlaubnispflichtigen auch sehr viele historische Waffen, darunter etliche von der Wehrmacht, dazu Säbel, Dolche, Bajonette, Übungshandgranaten, Wurfsterne sowie TNT-Sprengstoff und Feuerwerkskörper. Der Angeklagte, der angab, früher bei der Bundeswehr Fallschirmjäger gewesen zu sein, schob die Schuld für die fatale Entwicklung auf seinen Drogenkonsum, der in den vergangenen Jahren wohl immer mehr ausgeufert war. Deshalb habe er auch seine Stelle als Sicherheitsbeauftragter verloren.

Prozess in Gießen: Kokain von "Hells Angel" aus Bosnien?

Schon vorher hatte das Gehalt nicht gereicht, um die Sucht zu finanzieren. Der Vater von zwei Kindern fuhr ein Auto und hatte vor etlichen Jahren sein kostspieliges Hobby angefangen, das Sammeln der alten Waffen. Das sei bei ihm ein rein geschichtliches Interesse, auch an der Vergangenheit der Väter und Großväter, "die ja angeblich alle Nazis waren."

Teilweise habe er sich dank der Aufputschmittel bis zu 16 Stunden am Tag mit dem Restaurieren der alten Waffen befasst, er sei ein fanatischer Sammler, bedrohe aber niemanden. Er sei selbst geschockt, dass bei ihm so viel scharfe Munition lag. Einige Waffen habe (wie etwa einen sogenannter "Totschläger) habe er gebraucht, weil er Angst vor der "russischen Mafia" hatte, erzählte er.

Zeit für sinnliche Erlebnisse blieb jedenfalls auch noch: Die Polizisten fanden bei der Durchsuchung jede Menge Viagrapillen, die er oft zusammen mit Amphetamintabletten einwarf. Er sei sexsüchtig, meinte der Angeklagte.

Prozess in Gießen: Hakenkreuz-Wurfstern und Viagra

Die Polizisten hatten bei der Durchsuchung auch einen Wurfstern in Hakenkreuzform gefunden. Der Angeklagte wies jede Nähe zu rechten Gruppen von sich, er habe früher in Kirtorf gewohnt und sei von dortigen Rechten bedroht worden. Der Wurfstern habe sich in einer Sammlung befunden, die er vor 15 Jahren in Nordhessen kaufte. Die Feuerwerkskörper habe er für Feiern gehortete und um den Kindern seiner Lebensgefährtin eine Freude zu machen. Vor der Fahrt nach München sei er sehr schlecht drauf gewesen, er sei gegen seinen Willen in die Psychiatrie gekommen, er sei fixiert worden und habe seine Medikamente nicht bekommen.

An das Kokain sei er über den "Hells Angel" aus Bosnien gelangt, der sei groß im Geschäft und habe im früheren Jugoslawienkrieg "etliche Menschen umgebracht." Der Mann sei plötzlich bei ihm aufgetaucht und habe gesagt, es gebe Gold (Kokain). Das könne er weiterverkaufen, den wertvollen Stoff bunkerte der Angeklagte dann über dem Schweinestall auf dem heimischen Hof, auch im alten Wurstkessel waren Drogen versteckt.

Der Umgang mit den Drogenhändlern sei für ihn wie ein "Spiel mit den großen Jungs" gewesen, sagte er. Vorher habe er den Stoff meist nur für den Eigengebrauch besessen. Die Lieferanten hätten ihm dann angeboten, dass es reicht, wenn er den Stoff auf dem heimischen Hof bunkert: "Die suchten auch nach Hallen, wo Laster aus Holland vorfahren können." Eigentlich habe er aussteigen und sich mit einem Antiquitätenhandel selbstständig machen wollen. Nun sei alles eine große Katastrophe, auch die Schande, die er über seine Eltern gebracht habe. Polizisten berichteten von der Durchsuchung der Räume, wo alles durcheinander lag, Drogen, Tabletten, Waffen, Kleidung, ein heilloses Durcheinander. Das galt auch für ebenfalls durchsuchte Wohnung des Angeklagten in der Alsfelder Kernstadt. Das Verfahren wird fortgesetzt.

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