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Dr. Winfried Kösters (Foto: kl)

Wir brauchen jedes Kind

Alsfeld (kl). Erst die Hälfte der Fachkräfte der Zukunft sind heute geboren, die Elite der Zukunft ist weiblich und "Flüchtlinge können die Chancen für unser Land sein" - das sind Aussagen von Dr. Winfried Kösters.

Beim jüngsten Unternehmertag in Alsfeld betonte der Publizist, dass eine solche bunte und ältere Gesellschaft auch Chancen für Alsfeld bietet. So warb er für eine neue Offenheit bis hin zu einem Generationenpakt. Die Auswirkungen des Wandels der Bevölkerungsstruktur seien drastisch, doch Politik und Wirtschaft seien kaum bereit, sich darauf einzustellen.

"Mit einem Weiter so und den Rezepten von gestern werden wir die Zukunft nicht gestalten können", sagte der Journalist und Publizist. Wenig Zukunftsperspektiven für junge Menschen sah Kösters in der Politik. So gehe die Rente mit 63 in eine völlig verkehrte Richtung. Er erinnerte daran, dass die Zahl der Geburten dramatisch von 1,357 Milionen im Jahre 1964 auf 682 000 im Jahr 2013 zurückgegangen sei. Dieser Rückgang müsse auch in Unternehmen organisiert werden. Zuwanderung lasse Möglichkeiten erkennen, die allerdings kaum genutzt würden. Flüchtlinge könnten die Zukunft mitgestalten, dabei brauche man eine neue Integrationskultur, um die Zukunft gemeinsam zu gestalten. Auch in Alsfeld könne die Zukunft nur durch weitere Menschen von außen gesichert werden.

Zum "Generationenpakt" sagte Kösters, dass bei steigender Lebenserwartung die kommunale Infrastruktur seniorengerecht gestaltet sein sollte. Jeder, der ein Haus baue, müsse sich zudem Gedanken darüber machen, wie er in diesem Haus mit 80, 90 oder gar 100 Jahren leben könne. Familien seien in doppelter Hinsicht gefragt, zum einen in der Vereinbarkeit von Beruf und Kindererziehung, aber auch später bei der Pflege. Das habe Folgen für die Gestaltung von Arbeitsplätzen, um beidem gerecht zu werden. Die Kernbotschaften Kösters: Wir brauchen jedes Kind, wir brauchen ein neues Bild von den Alten und wir brauchen die Potenziale der zugewanderten Menschen.

Dafür müsse man in Alsfeld vorsorgen: Wie wollen wir 2030 auf dem Hintergrund einer anderen Bevölkerungsstruktur leben und arbeiten? Wie stellen wir uns Miteinander der Generationen und Kulturen vor? Das betreffe die Infrastrukturplanung, Familienpolitik, Arbeitsmarkt, Wohnungsmarkt, Integration und Finanzen, so Dr. Kösters.

Beim Unternehmertag stellte Bürgermeister Stephan Paule die eigenen Bemühungen der Stadt für Wirtschaftsförderung vor. Die Verwaltung sei umgestaltet worden. Er warb darum, dass sich alle einbringen, die kreativ sind. Im vergangenen Jahr verzeichnete man die Schließung des Toom Markts, die Insolvenzen von AEM, Welle und der Brauerei. Positiv entwickelte sich die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten von 5920 (2004) auf 6522 (2013). Erfreulich sei die Entwicklung in den Gewerbegebieten. Im Dirsröder Feld wurde mit der inneren Erschließung begonnen, mittelständische Betriebe siedeln sich an. An der ehemaligen Ziegelei wird nach der Übernahme des Baugebietes durch die Stadt die Wohnbebauung fortgesetzt, die einstige Perle der Stadt, die Raabsche Villa werde nach Jahrzehnten wieder einer Nutzung zugeführt, denkmalgerecht saniert. Den Alsfeldern liegt dieses Projekt besonders am Herzen, sagte Paule und dankte dem Ehepaar Bohn als neuem Eigentümer für den Mut und den Einsatz. Auch das Haus Kirchplatz 10 in der Altstadt hat einen neuen Eigentümer gefunden und soll saniert werden. Die Wohnbebauung in Alsfeld, aber auch in den Stadtteilen, hat angezogen. Auf dem ehemaligen Sportplatz in der Rambach wurde Baurecht geschaffen.

Das Kerber-Gelände ist verkauft; der Investor ist – trotz gegenteiliger Vermutungen – dabei, sich Investoren zu suchen, um die Bebauung und Nutzung abzusichern. "Wir alle hoffen darauf, dass es gelingt, damit dieser Schandfleck verschwindet, so der Bürgermeister. Auch auf dem ehemaligen Gelände des Bundesgrenzschutz ist Bewegung. Firmen haben sich angesiedelt; Vorreiter war der Hessische Turnverband. Wirtschaftsförderung setze den ständigen Dialog mit der heimischen Industrie, Handwerk und Handel voraus; müsse aber auch immer bemüht sein, neue Ansiedlungen zu finden. Daher komme der Werbung und Akquise eine besondere Bedeutung bei, sagte Bürgermeister Paule. Die positive Vermarktung des Standortes Alsfeld werde von der neuen Stabsstelle Wirtschaftsförderung betrieben. Wirtschaftsförderer Uwe Eifert sei ständig bemüht, Alsfeld zu präsentieren.

Alsfeld sei dabei, wenn es um Imagekampagnen gehe, man sei dabei, wenn es um die Zertifizierung im Wettbewerb der IHK Frankfurt für einen ausgezeichneten Wohnort für Führungskräfte gehe, auch wenn man keine Metropole sei, und Alsfeld sei dabei wenn der Vogelsbergkreis die Breitbandversorgung lösen werde. Auch die barrierefreie Gestaltung des Bahnhofes in Alsfeld gehöre zum Maßnahmenkatalog. "Alsfeld ist am 11. Juli 2015 Ausrichter des Hessischen Familientages. Das ist ein kleiner Hessentag", sagte Bürgermeister Paule, die Vorbereitungen seien angelaufen.

Im weiteren Verlauf seiner Ausführungen stellte Paule dann auch den Masterplan für das Jahr 2022 vor. 800 Jahre Stadtrechte sollen genutzt werden, um insbesondere die historische Altstadt, einst Modellvorhaben des Europarates im Denkmalschutzjahr 1975, wieder auf Vordermann zu bringen. In diesem Sinne müsse einiges getan werden. Nicht nur in der kommunalen Infrastruktur der Altstadt müsse saniert und erneuert werden, auch bei den zahlreichen Fachwerkhäusern sei Handlungsbedarf geboten, stellte Bürgermeister Paule fest. "Wir wollen ein Förderprogramm auflegen. Dazu brauchen wir die Unterstützung des Landes Hessen." Für Februar 2015 kündigte Paule den Besuch einer Delegation aus dem hessischen Wirtschaftsministerium an, um sich mit dieser Zielsetzung zu befassen.

Der Unternehmertag wurde durch Auftritte des Saxophon-Quartett der Musikschule Alsfeld mit Uli Schimpf (Leitung) Luisa Roth, Anina Seim und Magdalena Damrath musikalisch umrahmt.

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