Bluttat in Getränkemarkt: Ist der Täter voll schuldfähig?

Gießen/Alsfeld (sha). Er halte die Erinnerungslücken des Angeklagten für "nicht sehr wahrscheinlich", sagte Psychiater Dr. Rainer Gliemann, als er am Dienstag der 5. Großen Strafkammer des Landgerichts sein Gutachten vorstellte.

Der 29 Jahre alte Mann muss sich wegen Mordes verantworten. Er hatte bereits zugegeben, bei einem Überfall eine 34-jährige Kassiererin am 15. März dieses Jahres in einem Alsfelder Getränkemarkt erstochen zu haben (die AZ berichtete).

Der Angeklagte scheine vielmehr mit diesen Gedächtnislücken "ein Stück zu agieren, weil er sich nicht äußern will, wenn es ans Eingemachte geht", führte der Mediziner aus. Vor Gericht hatte der mutmaßliche Mörder bei Fragen zu Details des Tathergangs immer wieder behauptet, einen "Blackout" gehabt zu haben und sich deshalb nicht an das konkrete Tatgeschehen erinnern zu können.

Tatsächlich präsentiere sich der gelernte Bäckergeselle vor Gericht schlecht, erläuterte Gliemann. Er habe den Mann in seinen Gesprächen zur Exploration offener und sympathischer erlebt. Außerdem habe der 29-Jährige, der 1995 aus der ehemaligen Sowjetunion mit seiner Familie nach Deutschland gekommen war, ihm gegenüber auch von Reue wegen der Tat gesprochen.

Eine Schuldunfähigkeit des Angeklagten könne er ausschließen, sagte Arzt. Bei dem Mann lägen weder Hinweise für eine Psychose oder eine Persönlichkeitsstörung vor. Allerdings leide der 29-Jährige unter einer Polytoxikomanie. Er sei abhängig von Heroin, Amphetamin und Alkohol. Diese Sucht habe auch dazu geführt, dass der zuletzt in Alsfeld lebende Mann zu Jahresbeginn seine Arbeit verloren habe, berichtete der Mediziner. Vor diesem Hintergrund könne er nicht ausschließen, dass die Schuldfähigkeit des Angeklagten eingeschränkt gewesen sein könnte. Denn der Mann habe auch am Tattag Drogen konsumiert.

"Selbstschutz" des Täters

Dennoch gebe es mehrere Aspekte, die dafür sprechen könnten, dass der gelernte Bäckergeselle seine Taten rational kalkuliert habe. Mehrere Zeugen hatten nämlich berichtet, dass der Angeklagte am Tattag noch mehrfach einen anderen Getränkemarkt und später eine Tankstelle aufgesucht habe. Bei der Tankstelle hatte er jedoch nichts gekauft, was dem Tankwart "merkwürdig" erschien. Dies sei unter Umständen als ein Ausbaldowern möglicher Tatorte zu werten, gab Gliemann zu bedenken. Darüberhinaus habe der Mann seine blutverschmierte Kleidung in einer Plastiktüte versteckt, die er nach der Tat im Kleiderschrank eines Freundes deponiert hatte.

Zudem habe keiner der Zeugen den Angeklagten torkelnd oder lallend beschrieben, so dass zur Tatzeit nicht von einer "erheblichen" Intoxikation gesprochen werden könne, ergänzte der Psychiater.

Zuvor hatten auch als Zeugen gehörte Polizeibeamte ausgesagt, sie hätten den Eindruck, dass der 29-Jährige "genau weiß, was passiert ist, aber aus Selbstschutz die fragliche Zeit ausblendet". In den Vernehmungen habe er sich an mehrere Details erinnert. Zum Beispiel, dass die Kassiererin ihn gekratzt habe, als sie ihm das Tuch vom Gesicht riss. Dass er dann "Panik bekommen" habe, weil er fürchtete, sie könnte ihn erkennen und deshalb zugestochen habe. Weiterhin habe er geschildert, dass er das Tatmesser "logischerweise" weggeworfen habe, – vermutlich in ein Gewässer.

Der Prozess soll am morgigen Donnerstag fortgesetzt werden. Für diesen Tag werden auch die Plädoyers erwartet.

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