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Blutdrucksenker? Heute aus

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Von: Rebecca Fulle

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Es braucht eine langfristige Strategieänderung, sagt die Homberger Apothekeninhaberin Birte Behle. So wie andere Berufskollegen fürchtet sie für die Zukunft weitere Medikamentenengpässe. © Kerstin Schneider

Seit Mitte Dezember sind die Medikamente in den Apotheken knapp. Wie sieht es in Apotheken im Schlitz, Homberg und Mücke aus und gibt es einen Ausweg aus der Situation?

Ist das Medikament wieder verfügbar? Nein. Und jetzt? Nein. - Mit dieser Situation werden derzeit Apotheken in ganz Deutschland konfrontiert. »Wir scannen die Verfügbarkeiten stündlich zwei bis drei Mal«, erzählt Annette Vaupel-Naumann. Sie ist Inhaberin der Ohm-Apotheke in Nieder-Ohmen.

De r Engpass an Medikamenten dauert an - es fehlen Fiebersäfte, Schmerzmittel, Antibiotika, Krebsmedikamente oder auch Mittel gegen Bluthochdruck. Nach derzeitigem Stand gibt es in Deutschland insgesamt 357 Medikamente, bei denen ein Lieferengpass gemeldet wurde, heißt es auf der Plattform PharmNet.Bund.

Verfügbare Medikamente nicht mehr selbstverständlich

Dr. Christian Gerninghaus, Inhaber der Sonnen-Apotheke in Schlitz sowie zwei weiteren Apotheken in Homberg und Wartenberg sagt, dass verfügbare Medikamente nicht mehr selbstverständlich seien. »Die Bevölkerung macht sich keinen Eindruck davon, wie wir Apotheker täglich kämpfen, um alles zu beschaffen«, fasst er zusammen.

Birte Behle, Inhaberin der Felsenapotheke in Homberg, sagt: »Wir können nicht einfach etwas bestellen und sichergehen, dass die Ware am nächsten Tag kommt.« Mal dauere es eine Woche, mal einen Monat - mal komme es gar nicht. »Wir haben auch nicht die Zeit, bei jedem Medikament nachzufragen, wann der Liefertermin ist.«

Die drei Inhaber können aktuell die Kunden in ihren Apotheken versorgen. Häufig ist aber ein größerer Aufwand nötig, da nur eine andere Wirkstärke vorhanden ist und die Dosis somit angepasst werden muss. »Ich weiß auf lange Sicht nicht, wo wir Arzneimittel herbekommen sollen«, sagt Gerninghaus.

Hohe Abhängigkeit von asiatischen Ländern

Für Engpass gibt es verschiedene Gründe. Eine Ursache ist die Abhängigkeit von China und anderen asiatischen Ländern. Deutsche Hersteller stellen schon lange keine Wirkstoffe mehr her, sondern beschaffen sie weltweit. »Früher war Deutschland die Apotheke der Welt, heute ist die Welt die Apotheke für Deutschland«, fasst es Annette Vaupel-Naumann zusammen. Das Problem sei aber selbstgemacht, »da die Krankenkassen die Preise kaputt gespart haben«, sagt Gerninghaus. Denn finanziell gesehen würden Medikamente zu Preisen verkauft, zu denen sie zumindest hier nicht mehr produziert werden könnten. »Wir unterliegen einem Diktat der Krankenkassen, die ihr Monopol ausnutzen«, kritisiert Gerninghaus.

Einerseits seien Lieferketten unterbrochen, aber es gebe auch weitere Schwierigkeiten wie fehlende Umkartons oder Personalmangel, ergänzt Birte Behle. Die Erkältungswelle im Winter hat außerdem eine hohe Nachfrage ausgelöst.

Behle, Gerninghaus und Vaupel-Naumann blicken sorgenvoll in die Zukunft. Gerninghaus und Vaupel-Naumann sind seit knapp 40 Jahren in der Branche tätig, Behle seit über zehn Jahren. So schlimm sei es noch nie gewesen, ist ihre einheitliche Aussage. Aber gibt es einen Ausweg?

Fokus auf Grundversorgungsgedanke

»Es ist wichtig, die Preise anzupassen und die Produktion zurück nach Deutschland oder Europa zu holen«, stellt Gerninghaus klar. Birte Behle ist wichtig, ein besseres Bild davon zu bekommen, wo die Probleme liegen: »Alles ist so globalisiert, dass man gar nicht mehr weiß, wo jetzt was fehlt«, kritisiert die Inhaberin der Homberger Felsenapotheke. Allerdings sei das nicht mal schnell gemacht, sondern brauche eine »langfristige Strategieänderung«, sagt Vaupel-Naumann. Sie fordert, dass das Gesundheitswesen weg vom »reinen Profitdenken« komme und sich auf den »Grundversorgungsgedanken« fokussieren solle.

Die Inhaber der drei Vogelsberger Apotheken rechnen damit, dass die Knappheit der Medikamenten noch länger anhalten wird. »Das wird Jahre dauern, bis sich das entspannt«, schätzt Behle die Situation ein.

Und Medikamente selbst herstellen zur Überbrückung? »Darüber haben wir auch schon nachgedacht. Vom Können her ist es definitiv möglich«, sagt Vaupel-Naumann. »Aber da werden uns riesige Steine in den Weg gelegt«, fährt die Inhaberin der Ohm-Apotheke fort. Denn einerseits sei der Markt leer, andererseits sei die Herstellung sowohl aufwendig als auch teuer. »Für ein paar Zäpfchen zum Beispiel ist dann jemand für eine Stunde beschäftigt. Und das wird leider auch nicht entsprechend honoriert.«

INFO: Gibt es kurzfristige Lösungen?

Vielleicht finden sich im eigenen Haushalt noch alte, abgelaufene Medikamente. Die Stiftung Warentest rät allerdings davon ab, diese noch zu nehmen, da die Hersteller dann nicht mehr haften. Auch kann es sein, dass die Medikamente nicht mehr oder nur verringert wirken. Bei Erwachsenenmedikamenten für Kinder ist es wichtig, dass richtig dosiert wird. Denn Medikamente können nicht nur stärker, sondern auch grundsätzlich anders wirken als bei Erwachsenen, heißt es auf der Webseite der Stiftung Warentest. Wichtig ist auch, dass nicht immer Medikamente nötig sind. Gerade Fieber gilt als eine wichtige Abwehrreaktion des Körpers. Besonders bei niedrigem Fieber muss dieses daher nicht unbedingt sofort gesenkt werden.

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