Von Billigstrom, leuchtenden Parks und "Navis"

Alsfeld (ml). Für einen äußerst unterhaltsamen Abend sorgte am Donnerstag Autor Wladimir Kaminer. Im Rahmen der Reihe "Der Vulkan lässt lesen" gastierte der in Berlin lebende Schriftsteller im Marktcafé. Vor über 150 Zuschauern las Kaminer mehrere Kurzgeschichten, darunter einige bisher unveröffentlichte. Darin befasst er sich mit unterschiedlichen Themen des Lebens, mal gesellschaftlich, mal religiös oder historisch, aber immer mit jeder Menge Humor.

Alsfeld (ml). Für einen äußerst unterhaltsamen Abend sorgte am Donnerstag Autor Wladimir Kaminer. Im Rahmen der Reihe "Der Vulkan lässt lesen" gastierte der in Berlin lebende Schriftsteller im Marktcafé. Vor über 150 Zuschauern las Kaminer mehrere Kurzgeschichten, darunter einige bisher unveröffentlichte. Darin befasst er sich mit unterschiedlichen Themen des Lebens, mal gesellschaftlich, mal religiös oder historisch, aber immer mit jeder Menge Humor. Eingangs begrüßte Sina-Kim Diehlmann von der OVAG die Zuschauer. Die Resonanz spreche für die hohe Qualität der Lesereihe, beide Alsfelder Veranstaltungen in dieser Woche waren ausverkauft.

Wladimir Kaminer, 1967 in Moskau geboren, absolvierte zunächst eine Ausbildung zum Toningenieur, ehe er Dramaturgie in Moskau studierte. 1990 kam er nach Berlin und erhielt kurz darauf die deutsche Staatsbürgerschaft. Bekannt wurde er durch seinen Erzählband "Russendisko". Seine Kurzgeschichten erzählen vom Leben in Deutschland, den Eigenheiten der Menschen und seiner Heimat Russland. In seinem aktuellen Buch "Meine kaukasische Schwiegermutter" befasst er sich mit der Familie seiner Frau, die im Nordkaukasus lebt.

Kaminer meinte, er sei das erste Mal in Alsfeld und es freue ihn, dass zu seinem Auftritt "gleich die ganze Stadt erschienen ist." Aus seinem neuen Buch erzählte er, dass die Bewohner des kaukasischen Dorfes die Stromleitung der Eisenbahn angezapft haben. Das Unternehmen wisse zwar davon, unternehme aber aus Prinzip nichts. Typische Unterschiede zwischen Russen und Deutschen waren Gegenstand einer anderen Kurzgeschichte. Während die Deutschen ordnungsliebend seien, gehe es in Russland eher anarchisch zu. Die viel zitierte "russische Seele" sei nur ein anderes Wort für Anarchie. Dennoch seien beide Völker "aus dem gleichen Teig gebacken", so Kaminer. Der Grund dafür sei das historisch bedingte Misstrauen gegenüber Nachbarn. "Russen schreiben grundsätzlich nicht ihren Namen auf den Briefkasten, damit der Nachbar sie nicht denunzieren kann". Genausowenig fragten Russen nach dem Weg, "lieber gehen sie verloren". Deutsche würden dagegen leichter vertrauen, was Politiker, Frauen und Versicherungsvertreter sehr zu schätzen wüssten. Deutsche vertrauten auch eher einem Navigationsgerät als einem Straßenschild. Diese "Navis" seien die moderne Version des Rattenfängers von Hameln. Auch hier sei es nur eine Frage der Zeit, bis man in der Weser landet, so Kaminer.

Darüber hinaus las er Episoden, in denen es um einen Schulfreund seines Sohnes, Religion und die Essgewohnheiten seiner Tochter ging. Überhaupt gebe es in Russland ganz besondere Essgewohnheiten. Dort gelte nämlich der Grundsatz "Einen Biber gegessen, einen Baum gerettet".

Großen Raum in seinen Erzählungen nimmt das Thema Religion ein. Er sei in einem atheistischen Staat aufgewachsen, wo man sonntags in die Disco statt in die Kirche ging. In Russland habe jeder in seiner persönlichen Hölle gelebt, "er glaubte aber, er sei im Paradies". Darüber hinaus erzählte er den begeisterten Zuschauern einiges aus seinem Leben, aus seinem Wohnviertel in Berlin und dem Mauerpark, wo außer Hunden ausführen alles verboten sei. Nachdem Phosphor ins Hundefutter gemischt wurde, leuchte der Park nachts heller als Las Vegas. Kaminer berichtete von einem TV-Auftritt, wo er sich zwischen einem zwei Meter großen Transvestiten, Gehirnforschern und anderen merkwürdigen Gestalten eher deplatziert gefühlt habe. Rund 75 Minuten lang berichtete er auf kurzweilige Weise aus seinem Leben und von seiner Arbeit, ehe er am Ende noch Bücher signierte.

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