Ausgemergelte Frauen schleppten 50-Kilo-Granaten

Alsfeld (jol). Eine charmante alte Dame, die von der eisigen Kälte beim Morgenappell im dünnen Kleidchen berichtete, davon, dass sie mit einer ebenfalls auf 40 Kilogramm abgemagerten Kameradin 50-Kilo-Granaten verladen hat - eindringliche Bilder von Zwangsarbeit im Dritten Reich fand Eva Pusztai-Fahimi (83) bei einem Vortrag in Alsfeld für die Leidenszeit im Sprengstoffwerk Allendorf und im KZ Auschwitz.

Alsfeld (jol). Eine charmante alte Dame, die von der eisigen Kälte beim Morgenappell im dünnen Kleidchen berichtete, davon, dass sie mit einer ebenfalls auf 40 Kilogramm abgemagerten Kameradin 50-Kilo-Granaten verladen hat - eindringliche Bilder von Zwangsarbeit im Dritten Reich fand Eva Pusztai-Fahimi (83) bei einem Vortrag in Alsfeld für die Leidenszeit im Sprengstoffwerk Allendorf und im KZ Auschwitz. Als 18-Jährige gehörte sie zu einer Gruppe ungarischer Jüdinnen, die zu harter Arbeit mit giftigen Stoffen gezwungen wurden. Die Granaten wurden zum Teil über den Flugplatz Kirtorf an die Front gebracht. Ausgemergelt und mit Peitschenhieben vorwärts getrieben wurde kurz vor Kriegsende Andreas Frankl, der den Vortragsabend im Regionalmuseum mit einem Bericht seiner Leidenszeit abrundete.

Zur Begrüßung verwies Bodo Runte vom Geschichts- und Museumsverein auf die aktuelle Ausstellung zur Familie Wallach, die Gründer der modernen Brauerei in Alsfeld. Michael Riese vom Förderverein Jüdische Geschichte meinte, man könne über die Geschichte dicke Bücher lese, aber "das ist nichts gegen das, was man lernt, wenn man Menschen trifft, die das Glück hatten, diese Zeit zu überleben".

Glück hatte Eva Fahimi gleich mehrfach in den letzten Kriegsmonaten: Am 19. März 1944 besetzte die deutsche Wehrmacht Ungarn, bis 1. August hatten Eichmann und seiner Helfer alle Juden verhaftet und in Konzentrationslager abtransportiert - nur die Budapester Gemeinde blieb im Getto zurück. Dabei wurden die Besatzer von den ungarischen Behörden massiv unterstützt, so Eva Pusztai-Fahimi bitter. Binnen 51 Tagen wurden 430000 ungarische Juden "nach Auschwitz" transportiert. Die Gaskammern wurden durchgehend betrieben, um 340000 Menschen gleich nach der Ankunft zu ermorden. In Krematorien und Feuern verbrannte man die Toten. Die 18-jährige Eva schaffte es, zur Zwangsarbeit eingeteilt zu werden, um der Vernichtung zu entgehen.

Am 16. August 1944 kam sie mit der 1000-köpfigen Gruppe ungarischer Frauen nach Allendorf. Betriebsleiter Enderlein war enttäuscht, weil er 1000 kräftige Männer geordert hatte, nun aber 1000 ausgehungerte Frauen ankamen. Sie wurden im Lager Münchmühle untergebracht, hatten Strohsäcke und Decken zum Schlafen und Wasser zum Waschen, "ein Luxus für uns".

Aber die dünnen Kleidchen und leichten Mäntel sowie Holzschuhe ohne Strümpfe ließen den Winter 1944/45 zur Tortur werden. Sie magerten ab, die 1,75 Meter große Eva wog noch etwas über 40 Kilogramm. Die Arbeit im Sprengstoffwerk Allendorf war hart, Eva war "Ablegerin", mit einer anderen relativ kräftigen Frau trug sie 50-Kilo-Granaten vom Befüllen zum Verladen - 800 Stück in einer 12-Stunden-Schicht. Andere Frauen hantierten ohne Schutzausrüstung mit TNT und Salpeter, schon nach kurzer Zeit hießen sie wegen ihrer Hautfarbe "Zitronen".

Es waren Details, die den "Film im Kopf" der drei dutzend Besucher auslösten. Wenn sie von Flüchen und Peitschenhieben beim Wecken in aller Frühe berichtete, von den eiskalten Füßen beim Marsch in eisiger Kälte, von Rückenschmerzen, wenn sie und ihre Kollegin Granaten anhoben, die schwerer waren als die abgemagerten Frauen. Still war es, als sie von der 14-jährigen Mitgefangenen sprach, die sich für 16 ausgab, weil sie sonst sofort ermordet worden wäre. Diese Jüngste aus ihrer Gruppe ist bereits verstorben, sie war zeitlebens durch die Zwangsarbeit in der Jugend geschwächt. Voller Mitgefühl sprach sie von den sowjetischen Häftlingen, die Granaten in Bahnwaggons verluden und immer Sabotage übten, "auch wenn man sie dafür fast totgeschlagen hat".

Diese wurde nach der Befreiung in Arbeitslager für "Konterrevolutionäre" in Sibirien geschickt. Positiv erinnert sie sich an den hünenhaften Aufseher Peter, der Äpfel und Essen bei den Gefangenen fallen ließ, dabei aber herumbrüllte, um nicht ertappt zu werden - es war streng verboten, Häftlingen zu helfen.

Ergänzung eines Besuchers: Die Munition wurde per Bahn zum Feldflugplatz Kirtorf gebracht und an die Front geflogen.

Andreas Frankl überlebte 1944/45 einen Todesmarsch über hunderte Kilometer in Österreich. Viele Mitgefangene wurde dabei erschossen, manche von 16-jährigen deutschen Soldaten, die zur Bewachung eingeteilt waren.

Positiv findet Eva Pusztai-Fahimi übrigens die Aufarbeitung der Geschichte in Deutschland. In Ungarn stelle man sich der Vergangenheit viel zu wenig und tue nicht genug gegen Rechtsextremismus. Sie hofft, dass die Mitgliedschaft in der Europäischen Union etwas bewegt. Und sie hat sich sehr über mehrere Einladungen in das "andere Deutschland" durch das moderne Stadtallendorf gefreut.

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