Antisemitismus 1945 nicht untergegangen

Alsfeld (ml). "Was in deutschem Namen geschah, legt uns eine Verpflichtung auf", sagte Bürgermeister Ralf A. Becker bei der Gedenkstunde zur Pogromnacht am Sonntag Abend in Alsfeld.

Alsfeld (ml). "Was in deutschem Namen geschah, legt uns eine Verpflichtung auf", sagte Bürgermeister Ralf A. Becker bei der Gedenkstunde zur Pogromnacht am Sonntag Abend in Alsfeld. An der Gedenktafel für die ehemalige Synagoge versammelten sich zahlreiche Bürger, um der Opfer des 9. November 1938 und der darauf einsetzen Judenverfolgung zu gedenken. Am Sontag waren auch viele Jugendliche gekommen, die einen Teil zur Gedenkstunde beitrugen. Eingangs begrüßte zunächst Michael Riese vom Förderverein Jüdische Geschichte. Es sei den Veranstaltern ein großes Anliegen, dass viele Jugendliche an der Gedenkstunde teilnehmen, gerade weil die Ereignisse 70 Jahre zurückliegen, so Riese.

"Wir erinnern heute an eine der dunkelsten Stunden der deutschen Geschichte", leitete Bürgermeister Becker seine Ausführungen ein. Man sei zusammengekommen, um sich der Vergangenheit zu stellen und den daraus erfolgenden Verpflichtungen für die Gegenwart. Was in jener Nacht zum 10. November 1938 geschehen sei, sei ein deutlich sichtbares Zeichen für den Rassenwahn sowie die Brutalität der Nazis gewesen. Die Verfolgung habe Menschen getroffen, die jahrzehntelang unbescholten gelebt und sich Verdienste um die kulturelle, wirtschaftliche und politische Entwicklung der Stadt erworben hätten.

In seiner Rede erinnerte Becker nicht nur an die schrecklichen Ereignisse jener Novembernacht, die "der erste Schritt auf dem Weg zum Holocaust waren". Er spannte auch den Bogen zur Gegenwart. "Der Antisemitismus ist nicht mit dem Dritten Reich untergegangen", so der Bürgermeister. Neue rechte Parteien und Bewegungen seien entstanden, die allesamt den Holocaust leugnen oder relativieren würden. Diesen Antisemitismus gebe es nicht nur in Deutschland, er sei in vielen Ländern anzutreffen, aber dennoch obliege Deutschland eine besondere Rolle, betonte Becker und zitierte Ignaz Bubis. "Die Deutschen haben den Antisemitismus nicht erfunden, aber Auschwitz ist eine deutsche Erfindung". Niemand spreche heute Lebende schuldig, aber so wie der Mauerfall am 9. November 1989 zur Geschichte Deutschlands gehöre, so gehöre auch das Pogrom vom 9. November 1938 dazu. Gedenken bedeute, Vergangenheit wieder sicht- und greifbar zu machen und das Leid, den Schmerz und das Grauen zu verdeutlichen. Sich mit Geschichte beschäftigen heiße, Fragen zu stellen. Fragen nach damals, aber auch Fragen nach dem, was heute relevant sei. Nur so könne man die Gedenkkultur erhalten, betonte der Bürgermeister.

Die Beschäftigung mit der NS-Zeit mache deutlich, wie schnell Menschenrechte und Demokratie gefährdet sein können. "Die Grundlagen unserer Zivilisation können nur gewahrt werden, wenn es immer Menschen gibt, die sie achten und für sie eintreten", so Becker abschließend. Umrahmt wurde seine Rede von Gedichten, die von Schülern der Geschwister-Scholl-Schull vorgetragen wurden.

Auch Pfarrer Peter Remy ließ die Ereignisse des 9. November 1938 Revue passieren. Rund 400 Synagogen wurden nach seinen Angaben in Deutschland verbrannt, 7000 Geschäfte geplündert und 26 000 Männer inhaftiert. Mehr als 200 Menschen seien - meist öffentlich - gelyncht worden. Auch in Alsfeld sei in den Abendstunden die Synagoge in Flammen aufgegangen, später sei ein Raubzug durch die Stadt gefolgt. Die jüdischen Männer seien in einem Keller in der Hersfelder Straße eingesperrt worden. Dies sei als "Schutzhaft" bezeichnet worden. Das klinge genauso zynisch wie die spätere Bezeichnung für das Pogrom "Kristallnacht", so als sei nur Glas zu Bruch gegangen. 70 Jahre später stehe man am Denkmal nicht als Richter sondern als Nachgeborene, die wissen würden, wie dünn der Boden der Zivilisation sei, so Remy.

"Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch", meinte er weiter und erinnerte an die zentrale Gedenkstätte in Israel. Deren Name "Yad Vaschem" bedeute soviel wie "ein Denkmal und ein Name". Jeder Täter und jedes Opfer habe einen Namen getragen. "Namen können nicht ausgelöscht werden". Kein Name weder von Tätern noch Opfern werde von Gott vergessen.

Im Anschluss verlasen die Jugendlichen der Konfirmandengruppe die 49 Namen der Alsfelder Opfer, die sie auch auf Steine geschrieben hatten, welche anschließend nach jüdischem Brauch an der Gedenktafel niedergelegt wurden. Den Abschluss der Gedenkveranstaltung bildeten dann Abgeordnete des Kinder- und Jugendparlaments, die mit einem "Spaziergang durch die Zeit" erneut eine Brücke zur Gegenwart bauten. Entlang einer markierten Linie von der Gedenktafel zum Regionalmuseum wurden Kerzen niedergestellt und an vier Infotafeln wurde nicht nur an die ersten Opfer des NS-Regimes in Alsfeld und Lauterbach erinnert, sondern auch an rechtsextreme Übergriffe in der Region zwischen 1994 und 2008, zu denen die Jugendlichen einiges erläuterten. Man wolle damit nicht die Gräueltaten des Holocaust schmälern, sondern auf die Gegenwart und den heutigen Rechtsextremismus aufmerksam machen, hieß es von den Veranstaltern.

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