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Bankräuber mit blauen Augen: Heiner Laux las in seiner Heimatstadt Alsfeld. (kl)

Alsfelder Bub als hilfsbereiter Bankräuber und Autor

Alsfeld (kl). Eigentlich kaum vorstellbar – aber wahr: Ein acht Jahre im Gefängnis sitzender Bankräuber schreibt ein Buch über seine 13 Banküberfälle. Und er geht mit diesem Buch auf Autorenlesung.

Heiner Laux gastiert dabei zum ersten Mal in Alsfeld, der Stadt, in der er als Sohn eines Offiziers beim Bundesgrenzschutz aufgewachsen ist, in der Reihe "Der Vulkan lässt lesen". Ironie der Geschichte: Ko-Sponsor der Autorenlesung ist eine Bank, die Sparkasse Oberhessen.

Es fällt sicherlich für den Außenstehenden schwer, das alles nachzuvollziehen. Aber es ist die Wahrheit. Und wer es nicht glaubt, der sollte das Buch "Hinter blauen Augen – Bekenntnisse eines aufrechten Bankräubers" lesen. Da schilderte der für sechs der 13 Banküberfälle verurteilte Bankräuber die Gründe und die Herangehensweise für seine Taten, die er mit einem romantischen Verhältnis zu seiner Lebensphilosophie und den damaligen Zeiten begründet.

So ungewöhnlich wie das Buch war der Beginn der Lesung. Vorgeschaltet war ein Interview. Anna Julia Schmidt (Nidda) konnte es kaum glauben: Ihr Gesprächspartner, der nette Heiner Laux soll Bankräuber gewesen sein? So fragte sie, wie ein Pazifist eine Bank mit einer Waffe überfallen kann. Laux: "Ich wollte schon immer ein weißer Indianer werden mit dem Streben nach Gerechtigkeit.

" Sie fragte auch nach der Beziehung zum Vater, Offizier beim Bundesgrenzschutz; dem Bruder, später Bankmanager. Laux: "Wir haben zu Hause nie eine gemeinsame Sprache gesprochen; mein Vater ist verstorben; zu meinem Bruder habe ich keine Kontakte."

Laux lebte sein Leben, je intensiver, desto besser. Das wurde im ersten Leseabschnitt deutlich. Er wohnte in einer Wohngemeinschaft in Gießen mit fünf Frauen. Vorübergehend nahm er einen jungen Iraner auf, der immer nur versprach, seine Miete zu zahlen und dann verschwand. Man saß auf Mietschulden von 7000 DM. "Ich hatte bis Montag Zeit, um die Schulden zu begleichen, sonst gehen die Lichter aus." Am Schwanenteich in Gießen fasste er den Entschluss, eine Bank zu überfallen.

Er beschloss, eine Filiale in Frankfurt-Bornheim anzugehen. Sie lag gegenüber der Wohnung von Ex-Freundin Elvira. Am Sonntag fuhr er per Bahn nach Frankfurt, um am Montagmorgen zuzuschlagen. Denn um 13.30 Uhr musste er die Schulden bei der Bank in Gießen begleichen. Eine Schreckschusspistole lieh er sich von einem Studenten. Elvira schlief, als er sich aufmachte, tanzend durch die Bars, um zu entspannen und fünf Stunden später die Bank zu überfallen.

Er schlenderte auf das Kreditinstitut zu, mit dem Gedanken: Gegen den Wind anpirschen, dann ruck zuck rein. Mit Motorradhelm maskiert und in der Hand die Pistole rief er: "Das ist ein Überfall! Sie haben 30 Sekunden Zeit, um auszuzahlen!" Innerlich musste Laux lachen, aber es funktionierte, schilderte er. Der Kassierer beeilte sich, die Plastiktüte zu füllen, die Bankangestellten und die einzige Kundin starrten ihn wie hypnotisiert an. Die Überraschung: Ein älterer Herr betrat den Raum und merkte nicht, dass er in einen Überfall geraten war. Er bat den Bankräuber: "Könne se mer sache, wo hier die Überweisungsformulare sinn? Isch finn se net in dem ganze Durschenanner". Laux half ihm, schnappte sich die gefüllte Geldtüte vom Kassierer. "Spontan warf ich ein Bündel 20-Mark-Scheine in Luft und verließ ruhigen Schrittes die Bank."

Er ging auf die andere Straßenseite warf Motorradhelm und Plastiktüte in den Mülleimer, öffnete die Haarpracht, zog den Parka aus. Bekleidet mit einem Norweger-Pulli packte er Parka, Beute und die Pistole unter den Arm. Auf der anderen Straßenseite trafen die ersten Polizeiwagen an der Bank ein. "Ich kaufte unweit beim Bäcker Brötchen, schlenderte an den Polizisten vorbei in das Haus zu Elvira." Etwas später, in der Wohnung der Ex-Freundin, war er "noch immer wie berauscht, aber ich empfand keinen Triumph. Denn: Ich hatte keinen Sieg errungen, sondern nur ein Geldproblem gelöst."

Mit dieser wahren Geschichte befasste sich gleich die Diskussion. Laux hatte sich als Bankräuber bewährt. Im Gegensatz zu illegalen Bankräubern, so Laux, gibt es die legalen Bankräuber, das sind die Banken selbst, die ihre Kunden ständig berauben, indem sie nicht richtig beraten und nur den eigenen Vorteil suchen. Auch bei Überfällen machen die Banken ihre Geschäfte. Die angeblich gestohlene Summe war immer höher als der echte Betrag.

Es ging weiter mit Banküberfällen von 1985 bis 1995. Laux lebte in Lissabon und kam gelegentlich nach Deutschland, um in Köln eine Bank zu überfallen. Abends flog er nach Lissabon zurück. Das lief problemlos über zehn Jahre. Dann verriet ihn der Liebhaber seiner Freundin für 20 000 DM. Man hat ihn fast 18 Monate observiert und dann zugegriffen. Die Auslieferungshaft in Lissabon dauerte über vier Monate, eine harte Zeit in einer Zelle mit bis zu 15 Häftlingen. Laux war froh, nach Deutschland ausgeliefert zu werden. Er wurde für sechs von 13 Banküberfällen verurteilt. Im Gefängnis hielt er sich mit Sport und Lesen fit, "sonst gehst du vor die Hunde". Und er half vielen Häftlingen beim Schreiben.

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