20-Jähriger wollte Angreifer entwaffnen – Stich in Hand

Alsfeld (aaz/jol). Knapp an einer Gefängnisstrafe vorbeigeschrammt ist ein 26-Jähriger, der im Vorjahr bei einer Schlägerei auf dem Marktplatz ein 30 Zentimeter langes Küchenmesser mit sich führte - aber nicht einsetzte.

Alsfeld (aaz/jol). Das hätte übel ausgehen können, zumindest deutlich schlimmer als mit einem Schnitt im Mittelfinger. Mit einem großen Küchenmesser in der Hand war ein 26jähriger Alsfelder an einem Julimorgen des vergangenen Jahres gegen 4 Uhr früh auf eine Gruppe junger Männer losgegangen, die sich auf dem Marktplatz betranken. Es kam wie es kommen musste, einer der jungen Männer fühlte sich provoziert, wollte dem vermeintlichen Angreifer das Messer entreißen und riss sich dabei die Hand auf. Beim Prozess am Amtsgericht Alsfeld am Donnerstag kam der sehr geknickt wirkende Täter mit einer Geldauflage von 300 Euro und Einstellung der Verfahrens davon. Sein Glück: Der 20-Jährige, der verletzt worden ist, war offenbar deutlich aggressiver als der 26-Jährige. Wiederholt ist er wohl auf den nun Angeklagten losgegangen und hatte ihn mit mehreren Schlägen ins Gesicht verletzt, während der Ältere lieber seine Ruhe wollte. Der 20-Jährige rangelte sich sogar mit den zu seinem Schutz hinzu kommenden Polizeibeamten, wie die Verhandlung ergab.

Bemerkenswert waren die fairen Aussagen der Freunde des damals Verletzten – so meinten sie übereinstimmend, ihr Freund sei der deutlich Aggressivere an jenem Julimorgen gewesen. Dazu mag beigetragen haben, dass sich fast alle Beteiligten kannten, "Kumpel eben", wie ein Zeuge sagte.

Mit der Einstellung des Verfahrens kam der 26-Jährige ausgesprochen gut weg - bei gefährlicher Körperverletzung ist eine Mindeststrafe von sechs Monaten Haft vorgeschrieben, darunter darf die Richterin nicht gehen. Und die Staatsanwältin hätte bei einem Angriff mit einem rund 30 Zentimeter langen Messer sicher nicht auf die Mindeststrafe plädiert, wie sie am Ende unumwunden zugab.

In allen Details konnte das Geschehen an diesem Morgen des 16. Juli 2011 nicht geklärt werden, weil die meisten Beteiligten Alkoholwerte zwischen 1,3 und 2 Promille aufwiesen. Auslöser war wohl ein Zwischenfall einige Stunden zuvor im Rockkeller am Marktplatz. Dort hatte der 26-Jährige etwas getrunken, beim Hinausgehen verpassten ihm zwei Gäste einen Schlag mit einem Weizenbierglas gegen den Kopf. Beim Abwehren verletzte sich der 26-Jährige an der Hand.

Er ließ die Wunde versorgen und sich später von seiner Freundin wieder zum Marktplatz bringen. Nach eigenen Aussagen wollte er seine Rechnung im Rockkeller begleichen. Er hatte dabei aber von zu Hause das stattliche Küchenmesser mitgenommen, zum eigenen Schutz, wie er nun vor Gericht sagte. Gegen 4 Uhr früh stieg er am Marktplatz aus dem Auto seiner Freundin aus und sah einige junge Männer sitzen. "Ich dachte zuerst, einer von denen hat mich vorher angegriffen", deshalb ging er zu der Gruppe und pöbelte sie an. Schnell habe er aber gemerkt, dass keiner der Angreifer dabei war.

Dann decken sich die Aussage des 26-Jährigen und der Mitglieder der Gruppe weitgehend: Der 26-Jährige kam auf die Gruppe zu, ein 20 Jahre alter Schüler fühlte sich provoziert, so dass er dem Angeklagten entgegenging. Als sie sich gegenüber standen, kam das Messer ins Spiel. Die Zeugen bestätigten, dass der Angeklagte die Klinge nur an seiner Körperseite hielt. Der 20-Jährige wollte ihn mit einem Griff in die Messerklinge entwaffnete und schnitt sich dabei die Handinnenfläche auf. Augenblicklich kam es zwischen den beiden alkoholisierten Männern zu einer Schlägerei. Ein Kumpel des Verletzten meinte, der erste Schlag sei eindeutig von dem 20-Jährigen gekommen.

Nachdem der Angeklagte mit seiner 19jährigen Freundin kurzzeitig im Rockkeller war, flammte der Streit wieder auf. Dabei zerstörte der Geschädigte die Autoscheibe am Fahrzeug der Freundin und trat in die Beifahrertür.

Ein Polizist bestätigte, dass es auch nach dem Hinzukommen der Beamten noch einiges Durcheinander auf dem Marktplatz gab. Der 20-Jährige sei sehr aggressiv gewesen und habe sich eine Rangelei mit seinem Kollegen geliefert.

Der 26-Jährige hat sich nach der Schlägerei in therapeutische Behandlung wegen seiner Aggressionen begeben und möchte die ambulante Therapie gern fortführen. Das machte es der Staatsanwältin leichter, auf Einstellung des Verfahrens zu plädieren. Das vor allem deshalb, weil er nicht mit dem Messer auf den Anderen losgegangen ist, sondern es passiv mitführte. Er habe aber das Messer offen in der Hand gehalten und damit den 20-Jährigen provoziert. Dieser habe sich verletzt, "weil er den Helden markieren wollte". Die Richterin entschied in diesem Sinne. Auch sie sah eine deutliche Mitbeteiligung des Verletzten. Der 26-Jährige bedankte sich herzlich und sichtlich erleichtert – und meinte "kein Alkohol mehr".

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare