Ein Schauspieler und fiktiver Fernseh-Krimi-Kommissar will allgemeinverständlich in die Wirklichkeit des Verbrechens, Verbrechers und Strafvollzugs einführen? Gar so, dass es Leser fesselt? Fragen zur Erklärung eines Mordes oder zum Sinn von Haft und Resozialisierung stellen? Womöglich Ansätze plausibler Erklärungen und kriminalpolitischer Verbesserungen andeuten? Als Laie? Ja.

Steffen Schroeder – alias Polizeioberkommissar Tim Kowalski der ZDF-Serie »SOKO Leipzig« – gelingt es. Was sonst von uns Kriminalwissenschaftlern theoretisch vermittelt wird für Fachleute, macht der Autor für jedermann verständlich: anschaulich, nachvollziehbar anhand des konkreten menschlichen Schicksals eines wegen Mordes Inhaftierten. Der Fachmann sagt: »Chapeau«!

Seit vier Jahren sucht Schroeder etwa vierzehntäglich als ehrenamtlicher Vollzugshelfer einen Mann namens Micha – einen »Lebenslänglichen« in der Berliner Justizvollzugsanstalt Tegel – zu Gesprächen auf. Er begleitet ihn bei »Freigängen«. Er versucht, in Michas Gedankenwelt zu dringen. Nicht lehrerhaft, moralisierend, urteilend, sondern fragend, zuhörend, aufgeschlossen, geduldig, vertrauenserweckend, durchaus auch im Streit. Es wird ihm erleichtert dadurch, dass sich Gemeinsamkeiten in frühen Lebensereignissen finden, die Schroeder Fragen an sich selbst richten lassen: Hätte ich nicht ebenso scheitern können? Scheinbar beiläufig werden bei den Treffen geradezu systematisch Themen abgehandelt. Offenbar wird alles tagebuchartig festgehalten, als Grundlage für das spätere Buch.

Alltag mit Widersprüchen

So entsteht ein buntes Mosaik zu dem konkreten Mord, zu Straftaten anderer Gefangener, zu Ambivalenzen in den Persönlichkeiten. Vor allem wird der Gefängnisalltag mit seinen Widersprüchen zwischen Resozialisierungsarbeit und gegenläufigen subkulturellen Prozessen verlässlich dargestellt. Dazu gehören etwa der Knastjargon, die informelle Gefangenenhierarchie, Alltagsnormen der Gefangenen, nach denen beispielsweise Verrat und Kooperation mit Bediensteten schwer geahndet werden. Ebenso geht es um Umgehung offizieller Verbote und Ersatz für Versagungen. Dazu zählen reger Handel unter anderem mit Drogen, Knastwährung, Wucherzinsen, Schuldeneintreibung, Ersatzsexualität oder Tätowierungen, die oft spätere Reintegration behindern – also eine den Knast überdauernde neue Bezugswelt mit entsprechenden Abhängigkeiten.

In einem Interview umreißt der Autor seine Motive so: »In meiner Rolle als Fernsehkommissar geht es immer um Kriminalität – ein bisschen lebe ich also vom Verbrechen. Als Schauspieler, aber auch als Privatperson beschäftigt mich die Frage, wie ein Mensch zum Mörder werden kann… Ich möchte Micha… helfen, nach der Haft im Rahmen des Möglichen ein normales Leben aufzunehmen… Allein mit dem Wegsperren der Verbrecher ist es einfach nicht getan.«

Schroeder erlebt Schritte vorwärts, mitunter auch wieder rückwärts, wenn es ihm darum geht, mit Micha Fragen der Schuld und Einsicht in eigenes Versagen sowie aktive Bemühungen zur Mitgestaltung seiner Zukunft anzusprechen. Micha muss immer wieder seelisch aufgebaut werden nach Rückschlägen, ob nun nach dem Tod von Angehörigen, schlechten Erfahrungen mit Gutachtern, allerlei Ungerechtigkeiten oder Ablehnungen von Anträgen auf vorzeitige Entlassung zur Bewährung.

Emotional und reflektiert

Literarisch beeindrucken zwei Stilmittel: Als Geschichte in der Geschichte bringt ein emotional bewegendes Geschehen Spannung über weite Strecken: Der Tod eines ihm nahestehenden Mitgefangenen weckt bei Micha geradezu rührende Anstrengungen, dem Toten statt einer anonymen Bestattung eine würdige Beisetzung mit einem ganz persönlich gestalteten Grabstein zu ermöglichen. Er betreibt eine Spendenaktion unter den Gefangenen und treibt seinen Vollzugshelfer zu Klärungen bei Behörden, Bestattern und Steinmetzen. Er gibt nicht Ruhe, ehe alle Widerstände überwunden sind, alles gelingt und sogar irgendwelche noch unbekannten Angehörigen des Verstorbenen ermittelt und einbezogen sind. Zweite Besonderheit: Versteckt gewinnt der Leser Einblicke in den beruflichen Alltag des Autors.

Da immer die Sichtweisen beider Gesprächspartner authentisch reflektiert werden, ist es ein Buch über den Autor selbst und sein Gegenüber. Es kann allen zur Lektüre empfohlen werden, insbesondere aber dem Nachwuchs entsprechender Berufsgruppen.

Prof. Arthur Kreuzer

Steffen Schroeder: »Was alles in einem Menschen sein kann« – Begegnung mit einem Mörder. Rowohlt Berlin 2017, 300 S., 16,99 Euro

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