10. September 2018, 15:16 Uhr

Studie: Vier Millionen Pflegebedürftige bis 2035

Die Zahl der Pflegebedürftigen steigt und steigt. Zehntausende neue Pfleger werden gebraucht. Doch was ist der beste Weg, sie zu bekommen?
10. September 2018, 15:16 Uhr
Studie des IW: «Schon heute fehlen entsprechende Fachkräfte - und die Lücke wird stetig größer.» (Foto: Oliver Berg)

Angesichts einer stark steigenden Zahl von Pflegebedürftigen droht nach einer neuen Studie eine wachsende Pflegelücke in Deutschland. Bis zum Jahr 2035 seien voraussichtlich vier Millionen alte Menschen in Deutschland auf Pflege angewiesen.

Dies teilte das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Berlin mit. Die Zahl der Pflegefachkräfte müsse deutschlandweit bis 2035 um 44 Prozent auf rund eine halbe Million steigen. 2015 waren rund drei Millionen Menschen pflegebedürftig.

«Schon heute fehlen entsprechende Fachkräfte - und die Lücke wird stetig größer», mahnte das Institut. Derzeit kommen laut IW auf 100 bei der Bundesagentur für Arbeit (BA) gemeldete Stellen für Altenpfleger gerade einmal 22 arbeitslose Fachkräfte. Dabei werde nur etwa jede zweite offene Stelle bei der BA gemeldet.

Als Altenpfleger arbeiteten derzeit 244.000 Menschen, dazu 228.700 Altenpflegehelfer. Um einen Kollaps zu verhindern, müsse der Pflege-Beruf attraktiver werden, sagte die IW-Expertin Susanna Kochskämper.

Angesetzt werden sollte laut IW einerseits beim Geld. Altenpfleger verdienten mit 2621 Euro monatlich im Schnitt 19 Prozent weniger als Gesundheits- und Krankenpfleger, auch wenn die Löhne in den vergangenen Jahren gestiegen seien. Pflegehelfer müssten auch weitergebildet werden. Mit digitalen Mitteln könnten Pfleger zudem entlastet werden.

Die Reformen und Pläne der Bundesregierung reichen laut IW nicht. So sei von der Zusammenlegung der Ausbildungen der Alten-, Kranken- und Kinderkrankenpflege zu erwarten, dass viele in die besser vergütete Krankenpflege gehen. Am Entwurf zum Pflegepersonal-Stärkungsgesetz von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) bemängelte das IW, es bringe viel Bürokratie und solle zeitlich befristet gedeckelte Budgets bereitstellen.

Spahn betonte: «Wir werden mehrere zehntausend Pflegekräfte zusätzlich benötigen in den nächsten Jahren. Und die finden wir nur, wenn wir den Beruf attraktiver machen, besser bezahlen und auch Fachkräfte aus dem Ausland anwerben.» Die beschlossenen und auf den Weg gebrachten Schritte - auch die Abschaffung von Schulgeld für Pflegeschüler - sorgten dafür. Bessere Pflege koste aber auch, weshalb die Beiträge kommendes Jahr um 0,5 Prozentpunkte angehoben werden müssten.

Zuletzt hatten die Gewerkschaften Alarm geschlagen. Laut einer Erhebung von DGB und Verdi fühlen sich hunderttausende Pflegekräfte durch Überlastung, Dauerstress und geringe Bezahlung ausgezehrt. Verdi setzt im Einklang mit dem Koalitionsvertrag auf einen neuen Tarifvertrag für die Pflege.

Das IW forderte eine automatische Anpassung der Leistungen der Pflegeversicherung an die Entwicklung der Pflegepreise. Sonst müssten die Betroffenen immer höhere Eigenanteile für die Pflege zahlen. Die Pflege drohe zur «Politik nach Kassenlage» zu werde.

Laut einer weiteren neuen Umfrage sind aber auch die Angehörigen in hohem Maß zur Pflege bereit. 86 Prozent der Menschen in Deutschland geben eine grundsätzliche Bereitschaft an, nahe Angehörige mehrere Stunden in der Woche zu pflegen, wie Forsa im Auftrag der Techniker Krankenkasse (TK) ermittelt hat. Rund zwei Drittel von ihnen würden dafür im Beruf kürzer treten und Stunden reduzieren, zwei von zehn sogar eine längere Auszeit nehmen.

Mit 83 Prozent möchte die große Mehrheit in der eigenen Wohnung versorgt werden. Knapp die Hälfte der Befragten kann sich vorstellen, bei Angehörigen gepflegt zu werden. 37 Prozent würden auch in ein Pflegeheim gehen.

Auch TK-Vizechef Thomas Ballast plädierte für einen stärkeren Einsatz digitaler Technik zur Entlastung von Pflegenden. So könnten etwa Sturzsensoren dazu beitragen, dass Pflegebedürftige länger selbstständig daheim leben könnten. Die Politik solle Anreize für digitale Helfer setzen.

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