03. September 2018, 17:35 Uhr

200 Jahre Geschichte - ein Raub der Flammen

Das Nationalmuseum von Brasilien brennt fast vollständig aus. Innerhalb weniger Stunden löst sich das historische Gedächtnis des südamerikanischen Riesens in Rauch auf. 20 Millionen Ausstellungstücke sind womöglich für immer verloren.
03. September 2018, 17:35 Uhr
Die Flammen griffen auf fast alle Teile des historischen Gebäudes über. (Foto: Leo Correa/AP)

Hohe Flammen schlagen aus dem Dachstuhl des São-Cristóvão-Palastes in Rio de Janeiro, alle Fenster des historischen Gebäudes sind im Stadtpark Quinta da Boa Vista hell erleuchtet, gespenstisch heben sich die Silhouetten der Statuen am Gesims vor der Feuersbrunst ab.

Ein Großbrand hat weite Teile des brasilianischen Nationalmuseums in Rio zerstört. 200 Jahre Geschichte werden innerhalb weniger Stunden ein Raub der Flammen. «Wir wissen noch nicht, wie viel Material zerstört worden ist», sagte Museumsdirektor Alexander Kellner in einer ersten Stellungnahme. «Brasilien trauert. Das Feuer betrifft jeden, nicht nur die Institution.»

Das Feuer war am Sonntagabend gegen 19.30 Uhr ausgebrochen, als das Museum bereits geschlossen war. Rasch griffen die Flammen auf fast alle Teile des Gebäudes über. Verletzte gab es nach Angaben der Museumsverwaltung nicht. Die Brandursache war zunächst unklar. Möglicherweise habe ein Ballon oder ein Kurzschluss den Brand ausgelöst, berichtete die Zeitung «Folha de São Paulo».

Das Museum galt mit seiner geologischen, botanischen, paläontologischen und archäologischen Sammlung als eines der wichtigsten Ausstellungshäuser Südamerikas. Neben Exponaten aus der Region verfügte es auch über ägyptische Mumien, griechische Statuen und etruskische Artefakte. Eines der bekanntesten Ausstellungsstücke ist ein Skelett, das «Luzia» genannt wurde. Das Fossil eines der ältesten in Amerika gefundenen Homo sapiens ist 12.500 bis 13.000 Jahre alt.

Zudem befand sich in dem Nationalmuseum die Sammlung des deutschen Mineralogen Abraham Gottlob Werner, auf die auch Napoleon Bonaparte ein Auge geworfen hatte. Erst kürzlich waren im Fundus handschriftliche Briefe der brasilianischen Kaiserin Leopoldine aufgetaucht - bislang gänzlich unerforscht.

«Das ist eine Tragödie für die Kultur in Brasilien», sagte der Direktor des Historischen Museums, Paulo Knauss, dem Sender GloboNews. «200 Jahre Arbeit, Forschung und Wissen sind verloren gegangen», schrieb der brasilianische Präsident Michel Temer auf Twitter. «Es ist ein trauriger Tag für alle Brasilianer.»

Das Ausmaß der Schäden war noch unklar. Allerdings hieß es in den örtlichen Medien, dass ein großer Teil der nach Museumsangaben mehr als 20 Millionen Exponate zerstört oder beschädigt sein könnte. Mehrere Experten gingen aufgrund der dramatischen Fernsehbilder sogar davon aus, dass alle Ausstellungsstücke vernichtet sein könnten.

«Es ist alles zerstört», sagte der renommierte Museumsexperte Marco Aurelio Caldas nach einem Rundgang durch die Ruine. Die einzigen Stücke, die den Brand einigermaßen unbeschadet überstanden haben könnten, sind laut einem Bericht der «Folha de São Paulo» die Meteoriten. Zu der Sammlung gehört auch Bendegó, der mit fünf Tonnen schwerste Meteorit Brasiliens.

Kritik am Zustand des Gebäudes gab es schon länger: In einem Fernseh-Interview sprach Kulturminister Sergio Sá Leitao von «Jahren der Nachlässigkeit» bei der Instandhaltung des Museums. Direktor Kellner hatte das älteste Museum Brasiliens im Februar übernommen und seitdem an einem umfassenden Sanierungskonzept gearbeitet. Besonders bitter: Mit einer Finanzspritze der brasilianischen Entwicklungsbank BNDES über 21,7 Millionen Reais (rund 4 Millionen Euro) wollte er zunächst den Brandschutz verbessern.

Auch der Geschäftsführer des Deutschen Museumsbundes, David Vuillaume, sagte, ihm sei bereits bei einer Fachtagung in Rio de Janeiro im Dezember 2016 von schweren Bau- und Sicherheitsmängeln in dem Haus berichtet worden.

Das Museum, 1818 vom portugiesischen König João VI. gegründet, feierte im Juni dieses Jahres sein 200-jähriges Bestehen. 200 000 Besucher kamen zuletzt pro Jahr. Direktor Kellner wollte die Zahl der Besucher in den kommenden Jahren bis auf eine Million anheben. «Ich möchte, dass die Brasilianer nicht nach London, New York oder Wien fliegen müssen, um eine bedeutende naturkundliche Ausstellung zu sehen, wenn wir doch eigentlich alles hier haben», sagte er zuletzt. Dieser Traum ist nun in Rauch aufgegangen.

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