31. Mai 2017, 20:16 Uhr

Eine Stadt in Angst

31. Mai 2017, 20:16 Uhr
Eine riesige Rauchwolke steht in Kabul nach der Explosion nahe der deutschen Botschaft über der Stadt. (Foto: dpa)

Die Bürger von Kabul haben in diesem Jahr schon viel Grausames durchlitten. Terroristen, die sieben Stunden in einem Krankenhaus um sich schossen und Handgranaten in Patientenbetten warfen – mindestens 49 Tote. Ein Angriff auf einen NATO-Konvoi inmitten des dichtesten Verkehrs – mindestens acht Tote. Ein Selbstmordattentäter vor einem Gericht – mindestens 22 Tote. Aber die Lastwagenbombe, die gestern Morgen mitten im Diplomaten- und Regierungsviertel der Hauptstadt explodiert ist, die übertrifft die anderen Attentate noch.

Ein ganzer Tanklaster gefüllt mit Sprengstoff. Eine Explosion, die Dutzende von Autos voller Zivilisten in Flammen aufgehen und ausbrennen lässt, die Passanten zerfetzt und in den umliegenden Büros den Menschen die Splitter von Fensterscheiben ins Fleisch treibt. Ein Knall, der in der ganzen Stadt widerhallt und in den Menschen Angst aufflackern lässt: Wo sind mein Bruder, mein Vater, meine Mutter? Es ist, als hätten die Attentäter sich das blutigste denkbare Szenario ausgedacht – und es in die Tat umgesetzt.

Keine Neubewertung

Mindestens 80 Menschen sind nun tot, vermutlich mehr. Rund 460 Menschen sind verletzt. Vor den Krankenhäusern bilden sich lange Schlangen verzweifelter Menschen, die ihre Angehörigen suchen. Wo die Attentäter mit ihrer fahrbaren Bombe hinwollten, ist noch unklar. Sie ist sehr nahe der deutsche Botschaft explodiert, aber bisher sagt niemand, die Deutschen seien das Ziel gewesen. In unmittelbarer Nähe gab es Ziele zuhauf: der Präsidentenpalast, Ministerien, das NATO-Hauptquartier, viele weitere Botschaften, aber auch große Supermärkte und die Büros von Mega-Unternehmen wie die der Telekommunikationsfirma Roshan.

Vielleicht ist die Bombe genau da in die Luft gegangen, wo sie in die Luft gehen sollte: an einer belebten Straße zwischen hohen Sprengschutzmauern, die die Druckwelle der Explosion kaum entweichen ließen, und wo jeden Morgen Tausende auf dem Weg zur Arbeit entlang müssen. So hätten die oder der Attentäter – die sich zu ihrer Tat zunächst nicht bekannten – eine große Bandbreite von Afghanen erwischt, die für die allen Islamisten verhasste Regierung arbeiten und für die Ausländer, die von ihnen als »Besatzer« wahrgenommen werden. Haben Angst gesät in zentralen Schaltstellen der Regierung und unter jenen, die versuchen, sie zu unterstützen. Die Vorstellung, dass die Attentäter mit so viel Sprengstoff in das politische Zentrum des Landes fahren konnten, ist lähmend, und es wird dazu beitragen, dass die Afghanen ihre zerstrittene, ineffektive Regierung mit noch mehr Bitterkeit betrachten.

Gegen die Ansicht von Innenminister Thomas de Maizière (CDU), dass Kabul weitgehend sicher ist für abzuschiebende Migranten, scheint der Anschlag allerdings nicht viel auszurichten. Dies hat er fast jedes Mal wiederholt, wenn wieder abgelehnte Asylbewerber nach Kabul geflogen wurden. Und selbst jetzt, wo das Hauptgebäude der deutschen Botschaft verwüstet und von der Wucht der ungeheuren Explosion so nackt hinterlassen wurde wie ein Rohbau, scheint er einer Neubewertung der Lage auszuweichen.

Am Donnerstagmorgen sollte ein weiterer Abschiebeflug mit abgelehnten Asylbewerbern landen. Der wird jetzt verschoben. Nicht, weil in Kabul seit Jahresanfang in nunmehr acht großen Anschlägen Hunderte Zivilisten getötet oder verletzt wurden, sondern weil die Botschaft nach dem Anschlag Wichtigeres zu tun hat.

Kabul ist keine sichere Stadt. Im vergangenen Jahr schon sind so viele Zivilisten dort gestorben wie seit dem Bürgerkrieg in den 90er Jahren nicht mehr. Kabul war eine nervöse Stadt in den vergangenen Monaten. Seit Mittwoch ist es eine Stadt in Angst.

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