07. November 2017, 19:28 Uhr

Zurück in die verlorene Heimat Düster, traurig, langsam »Jüdischer Nobelpreis« für Natalie Portman PEN erinnert an inhaftierte Autoren Ausstellung zeigt Ästhetik des Betons Römerstraße von Aachen nach Maastricht entdeckt Schaubühne sagt Gastspiel in Türke

Sein Hamlet ist Legende: Kaum ein anderer Schauspieler gibt seinen Figuren so viel Furor und Tiefe wie Lars Eidinger. Doch Musik ist ihm genauso wichtig wie die Schauspielerei, sagt er.
07. November 2017, 19:28 Uhr
Die Filmemacherinnen Katharina Rohrer (l.) und Gil Levanon. (Foto: dpa)

Die Idee für den Film kam Katharina Rohrer und Gil Levanon, als sie beim Spaziergang am Tel Aviver Strand einen Schäferhund sahen. »Ich habe Gil gefragt: ›Was macht denn ein deutscher Schäferhund am Strand in Israel?‹«, erzählt die österreichische Regisseurin Rohrer. Das Ereignis löste Gespräche mit der Israelin Levanon aus, die schließlich in den gemeinsamen Dokumentarfilm »Back to the Fatherland« (Zurück ins Vaterland) mündeten. Er erzählt von jungen Israelis, die nach Deutschland oder Österreich ziehen – die verlorene Heimat ihrer Großeltern. Eine Heimat, in der Juden verfolgt und ermordet wurden.

Der Film, mit dem sie sich bei der Berlinale im Februar beworben haben, erzählt auch die Geschichte der israelischen Co-Regisseurin Gil Levanon, die nach Berlin ziehen will. Als sie ihrem Großvater Jochanan Tenzer von ihren Plänen erzählt, versteinert sein Gesicht. »Auf keinen Fall!«, sagt er. »Ich glaube nicht an Deutschland«, sagt der in Laufersweiler (Rheinland-Pfalz) aufgewachsene 97-Jährige, der 1937 als Jugendlicher ins damalige Palästina auswanderte. Seine Familie blieb zurück und wurde von den Nazis ermordet. »Sie waren schlecht, und sie blieben schlecht, und sie werden schlecht bleiben«, lautet sein Urteil über die Deutschen.

Seine Enkelin hatte eine so entschiedene Reaktion nicht erwartet. »Es wird jetzt sehr schwer sein, es zu tun, in dem Wissen, dass er so dagegen ist«, sagt sie im Film. »Ich habe das Gefühl, ihm wirklich wehzutun oder ihn zu verraten.« Auch ihre Schwester lebt seit einigen Jahren in Berlin.

Die Österreicherin Rohrer wollte mit dem Film auch ihre eigene Familiengeschichte aufarbeiten. Ihr Großvater war überzeugter Nazi, diente als Kommandant in einer Bergeinheit. 1944 wurde er in Jugoslawien getötet. »Man spürt schon die Schuld der Generation, obwohl man nichts dafür kann«, sagt Rohrer. In einer stark symbolbeladenen Szene des Films holt sie die Nazi-Uniform ihres Großvaters vorsichtig aus einer Truhe auf dem Dachboden. Gil Levanon hat sie vor 15 Jahren kennengelernt, als beide in New York studierten. Heute sind sie eng befreundet und arbeiten zusammen.

Insgesamt werden drei Paare von Enkeln und Großeltern vorgestellt. Der Künstler Dan Peled lebt seit einigen Jahren in Berlin. Er sagt, er habe sich in Israel und in seiner Familie nicht heimisch gefühlt und wolle auch nie zurück nach Israel, wegen der Besatzung der Palästinensergebiete. »Ich habe mein Zuhause gefunden«, sagt er über Berlin. »Ich fahre nur zurück, um meine Oma zu besuchen.« Die Oma ist die über 90-jährige Lea Ron Peled, die aus Wien stammt. Auch sie hatte Schwierigkeiten mit dem Umzug des Enkels nach Deutschland. »Ich habe nichts gesagt, aber ich war nicht begeistert. Warum ausgerechnet Deutschland?«

Der Israeli Guy Schachar lebt mit seiner Freundin in Österreich – sein in Wien geborener Großvater ist Holocaust-Überlebender, wurde als Jugendlicher mit Mutter und Bruder nach Theresienstadt verschleppt. Uri Ben Rehav sagt trotzdem, er freue sich, dass Guy in Österreich lebe. »Es ist sehr traurig, aber das ist die Wahrheit. Hier im Land (Israel) ist die Lage sehr schlecht.« Er besucht Guy in Wien und stellt sich dort seiner persönlichen Geschichte. »Ich habe sehr schöne Erinnerungen an Österreich, bis der Homo sapiens aus Braunau gekommen ist«, sagt Uri.

Bei Gil Levanon sind es paradoxerweise gerade die Erinnerungen an das Haus ihrer Großeltern in Haifa, die bei ihr Heimatgefühle auslösen, wenn sie in Berlin ist. »Opa und Oma haben immer Deutsch gesprochen, und das hat sich so weich angehört – es sind gute Erinnerungen«, sagt sie.

Lars Eidinger dreht mal wieder auf Hochtouren. Derzeit ist der 41-jährige Ausnahmeschauspieler in der viel gelobten neuen TV-Serie »Babylon Berlin« beim Abo-Anbieter Sky zu sehen. In den Kinos läuft das umstrittene russische Historiendrama »Mathilde«, in dem der Star der Berliner Schaubühne den »Skandalzaren« Nikolaus spielt.

Und am Freitag erscheint die Neuauflage seiner 1998 veröffentlichten Platte »I’ll Break Ya Legg« – ergänzt um fünf bisher unbekannte Tracks. »Viele sagen, die Musik ist so traurig und düster und langsam«, sagt Eidinger im Gespräch. »Aber so sieht’s halt in mir aus. So wie die Musik klingt, so klingt’s in mir.«

Kaum zu glauben, wenn er im Hof des früheren Krematoriums Berlin-Wedding die Geschichte seines Albums erzählt – gut gelaunt und selbstironisch, in lila Hoody und löchrigen Turnschuhen. Das hier angesiedelte unabhängige Label !K7 hatte ihm angeboten, die einstige Computerproduktion aus dem Keller seiner Eltern noch mal nach eigenem Gusto herauszubringen.

Das Cover des melancholischen Instrumental-Hip-Hop schmückt jetzt ein Foto von Star-Fotograf Juergen Teller. Es zeigt Eidinger als lebensmüde Ophelia auf dem Gang ins Wasser, über dem zarten Brautkleid seine freiliegende Hinterkopfglatze. »Dieser morbide Charme gefällt mir«, sagt er. »Ich teile ja auch den romantischen Gedanken, dass es schön ist, traurig zu sein.«

Für Eidinger funktionieren Musik und Schauspielerei nach dem gleichen Prinzip, wie er sagt. Schon immer war der Absolvent der Schauspielschule Ernst Busch deshalb auch musikalisch aktiv. Er schuf die Musik für Theaterinszenierungen wie Ibsens »Nora« oder O’Neills »Trauer muss Elektra tragen«, legt als DJ bei Festivals weltweit auf und veranstaltet seit 2002 in »seiner« Schaubühne regelmäßig die Kultparty »Autistic Disco«. Dort feiert er heute auch die Premiere seines Albums.

Ausverkaufte Vorstellungen

»Meister des Maßlosen« – so hat ein Kritiker den gebürtigen Berliner einmal genannt. Er brennt an allen Enden gleichzeitig. Seit 1990 Ensemblemitglied des renommierten Theaters am Lehniner Platz, steht er allein in dieser Spielzeit in sechs Produktionen auf dem Programm. Sein grandioser Hamlet, seit zehn Jahren international gefeiert, ist immer noch ständig ausverkauft. Auch vor der Kamera sorgt er in so unterschiedlichen Genres wie Maren Ades Beziehungsdrama »Alle Anderen« und TV-Krimis wie dem »Tatort« immer wieder für Furore.

Dabei hat Eidinger, verheiratet mit einer Opernsängerin und Vater einer Tochter, ein diebisches Vergnügen, dem etablierten Kunstbetrieb regelmäßig auch kleine Nadelstiche zu versetzen. Mal tritt er mit Haarspange und schwarz lackierten Fingernägeln auf, mal zeigt er bei einer Berlinale-Fete als DJ seinen Allerwertesten.

»Im Grunde geht’s auf der Bühne genauso wie beim Auflegen darum, Intensität zu erfahren, das Leben zu spüren«, sagt er. »Und das ist das, was mich am meisten fasziniert – das Gefühl, im Moment anzukommen.«

Hollywood-Star Natalie Portman (36) ist mit dem Genesis-Preis 2018 ausgezeichnet worden. Die in Israel geborene Schauspielerin und Regisseurin habe mit ihrer »charismatischen Bildschirmpräsenz die Herzen von Millionen berührt«, hieß es gestern in einer Mitteilung der Genesis-Stiftung. Die Oscar-Preisträgerin und Mutter zweier Kinder sei sozial engagiert und verkörpere die wichtigsten Werte des jüdischen Volkes. Die Auszeichnung ist mit einem Preisgeld von einer Million Dollar (862 000 Euro) verbunden und wird auch »jüdischer Nobelpreis« genannt.

Der Schriftstellerverband PEN hat anlässlich des Tages des inhaftierten Schriftstellers am 15. November auf die Schicksale von fünf Autoren in Gefangenschaft aufmerksam gemacht. Diese stünden beispielhaft für die Repressionen, denen Schriftsteller weltweit täglich ausgesetzt seien, teilte PEN Deutschland in Darmstadt am Dienstag mit.

Es handelt sich um die Autoren Zehra Dogan (Türkei), Ramón Esono Ebalé (Äquatorialguinea), Cesario Alejandro Félix Padilla Figueroa (Honduras), Nguyen Ngoc Nhu Quynh (Vietnam) und Razan Zaitouneh (Syrien). Ihre Schicksale sollten besonders ins Licht der Öffentlichkeit gerückt werden. Mit dem Tag des inhaftierten Schriftstellers wird auf das Schicksal von zu Unrecht verfolgten Schriftstellern, Journalisten und Verlegern hingewiesen.

Monumental, grau, oftmals quaderförmig: Die Betonarchitektur der 1950er und 1960er Jahre spaltet die Gemüter. Was für die einen als architektonischer Schandfleck gilt, ist für die Macher der Ausstellung »SOS Brutalismus« im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt eine mittlerweile bedrohte Art des Städtebaus. Die Schau soll ab heute auf die Ästhetik des rauen Betons aufmerksam machen.

Brutalismus, darauf legte Kurator Oliver Elser am Dienstag Wert, habe nicht etwa mit der brutalen Wirkung der Bauten zu tun. Wie Champagner brut stehe der Brutalismus für etwas Herbes, Direktes. »Angesichts des Abrissdrucks auf Betonarchitektur der 60er Jahre ist es höchste Zeit, sich dieser Art zu widmen«, betonte er.

In der Ausstellung werden Gebäudemodelle und Fotografien gezeigt, so von einer Schule in Großbritannien, über das Rathaus von Boston bis hin zum Zentralmarktgebäude der tansanischen Hafenstadt Daressalaam. Die eigens geschaffene Datenbank #SOSBrutalism umfasse mehr als 1000 Bauten.

Mitten in Aachen haben Archäologen eine breite Straße aus der Römerzeit entdeckt. »Es handelt sich um eine für damalige Maßstäbe wirklich große Straße. Wir gehen derzeit von sechs Metern Breite aus«, sagte gestern Stadtarchäologe Andreas Schaub. Vermutlich sei es eine Überlandstraße für den Personen- und Handelsverkehr zwischen den damals bedeutenden Siedlungen Aachen und Maastricht gewesen.

»Diese Römerstraße ist nach unseren ersten Erkenntnissen frühestens im zweiten Jahrhundert entstanden«, sagte Schaub. Wie lange die Straße genutzt wurde, wollen die Fachleute in weiteren Analysen herausfinden. Der Straßenunterbau sei aus Sand und Feuersteinkies. Darüber legten die Römer eine Rollschicht aus Kalk und weiteren Steinarten. Entdeckt wurde die alte Straße bei Bauarbeiten für versenkbare Poller, die den Weihnachtsmarkt vor Anschlägen schützen sollen.

Nach der Verhaftung von Journalisten, Künstlern und Menschenrechtlern in der Türkei hat die Berliner Schaubühne ein Gastspiel beim 21. Istanbuler Theaterfestival kurzfristig abgesagt. Grund sei die Sorge um die Sicherheit der Mitarbeiter, teilte eine Theatersprecherin gestern mit. »Die Unmöglichkeit, den Beteiligten in der momentanen Situation eine Garantie für ihre persönliche Sicherheit geben zu können, hat uns letztlich bewogen, nicht in die Türkei zu reisen.«

Das renommierte Theater hatte am 17. und 18. November Shakespeares »Richard III.« mit Lars Eidinger in der Titelrolle bei dem traditionsreichen Festival spielen wollen. Die Veranstalterin, die Istanbuler Stiftung für Kultur und Kunst (IKSV), hatte das Gastspiel als einen der »Eckpfeiler« des diesjährigen Festivals angepriesen.

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