06. Oktober 2017, 20:23 Uhr

Im Familienalbum geblättert 92 Länder im Rennen um Auslands-Oscar Berliner Literaturpreis an Marion Poschmann Kunstverein lässt Adrenalinspiegel steigen

Seit rund einem halben Jahrhundert steht die legendäre Superband Jackson Five – später die Jacksons genannt – auf der Bühne. Gerade haben die Brüder ihre EuropaTour mit einem ausverkauften Konzert in Rotterdam beendet. Nun liegt ein Buch über die Boygroup vor.
06. Oktober 2017, 20:23 Uhr

Die kleine Lisa von gegenüber sagte: »Du hast vier Zimmer...«

Ihre Freundin Anna unterbrach sie: »Es sind fünf.«

Lisa sagte: »Du hast fünf Zimmer...«

Ich saß im Sessel und schaute die beiden Kinder über den Zeitungsrand hinweg an.

Anna nickte und rückte ihre dicke Horn-brille zurecht. Die Brille saß ihr zu locker auf der Nase. Bei Gelegenheit sollte ich die Schrauben an den Bügeln nachziehen.

Während ich das dachte, sagte Lisa: »...und du bist nur eine Person und eine Katze.«

Anna nickte wieder und hielt ihre Brille fest.

Lisa sagte: »Also sind drei Zimmer frei.«

Anna sagte: »Wir brauchen dringend eins davon.«

Ich legte die Zeitung beiseite und sagte: »Wozu?«

Lisa sagte: »Wir brauchen ein Zimmer als Hauptquartier.«

»Als Hauptquartier?«

»Für unsere Baumhausbande.«

»Eure Baumhausbande hat im Garten ein Baumhaus als Hauptquartier.«

»Das ist doch unser Sommerdomizil.«

Anna hielt ihre Brille fest und sagte: »Jetzt brauchen wir ein Winterdomizil.«

Lisa sagte: »Für unsere Winterbande.«

Ich sagte: »Wer ist denn eure Winterbande?«

»Na, das sind Anna und ich und Mehmet nicht.«

Mehmet wäre gern Lisas Freund. Aber... naja, Sie wissen schon.

Lisa sagte: »Mehmet ist ein Idiot.«

Anna hielt ihre Brille fest und sagte: »Er ist eigentlich ganz nett.«

»Ist er nicht.«

»Und wohl.«

»Von wegen.«

Die Brille rutschte Anna beim Zanken beinahe von der Nase.

Ich sagte: »Gib mal her.«

Anna sagte: »Ohne Brille kann ich nichts sehen.«

Lisa sagte: »Mit Brille auch nicht.«

Anna reichte mir die Brille. Ein Schräubchen am Bügel hatte sich gelockert und stand aus dem Gewinde heraus. Irgendwo hatte ich noch altes Uhrmacherwerkzeug. In der Kommode im Flur wurde ich fündig.

Lisa sagte: »Was ist denn das?«

Ich sagte: »Das ist ein Zeitmesserwerkzeug von meinem Opa.«

Ich zog damit die Schraube an der Brille fest.

Anna sagte: »Wie viel Zeit hat meine Brille noch?«

Ich sagte: »Noch jede Menge.«

Anna sagte: »Mein Opa kann die Zeit nicht nur messen, mein Opa kann die Zeit sogar schneller machen.«

Lisa sagte: »Das stimmt.«

»Mein Opa hat nämlich die Sommerzeit erfunden.«

»Letzten Frühling.«

Ich schaute die Kinder an.

Lisa sagte: »Er hat mitten in der Nacht die Uhr eine Stunde vorgestellt.«

Anna sagte: »Und alle anderen mussten das dann auch machen.«

»Nur Mama hat es vergessen. Dann war es schon eine Stunde später und der erste Patient wollte zur Sprechstunde, als Mama noch im Bad war.«

Lisas Mama ist Psychologin und hat die Praxis im eigenen Haus.

Ich sagte: »Interessant«, und setzte Anna die Brille wieder auf.

Sie sagte: »Links drückt es.«

Ich nahm ihr die Brille wieder ab und bog vorsichtig den Bügel etwas nach unten. Dann setzte ich Anna die Brille wieder auf.

»Jetzt drückt es noch mehr.«

Ich nahm ihr die Brille wieder ab und stutzte: »Gut möglich, dass deine Ohren schief sind.«

Lisa sagte: »Mama sagt, wenn wir bei ihr ein Zimmer haben wollen, sind wir schief gewickelt.«

Anna sagte: »Von Ohren hat sie nichts gesagt.«

Ich bog den Bügel sachte in die andere Richtung und setzte dem Kind die Brille wieder auf.

Anna sagte: »So ist es besser. Aber ich sehe nichts.«

Lisa sagte: »Das hab ich ja gleich gesagt.«

Ich nahm Anna die Brille wieder ab und begutachtete die Gläser. Sie waren völlig verschmiert. Ich ging ins Schlafzimmer, kramte ein Taschentuch aus der Schub-lade und reinigte die Gläser. Dann setzte ich Anna die Brille wieder auf.

Sie sagte: »Wow! Du siehst aber alt aus.«

Ich sagte: »Danke.«

Lisa sagte: »Was ist jetzt mit dem Zimmer? Können wir den Abstellraum haben?«

Ich sagte: »Das ist das Zimmer der Katze.«

Lisa sagte: »Wir könnten die Katze in unsere Bande aufnehmen.«

Anna nickte, ohne dass die Brille verrutschte. Ich setzte mich zufrieden in den Sessel und griff mir die Zeitung.

Anna sagte: »Dann wären wir eine Katzenbande.«

»Das ist cool.«

»Können wir die Katze fragen?«

Ich sagte hinter der Zeitung: »Sie hat jetzt keine Sprechstunde.«

Die Katze lag in ihrem Korb und schlief.

Anna sagte: »Wann hat sie Sprech- stunde?«

Lisa sagte: »Na, wenn sie aufwacht.«

»Spricht sie dann mit uns?«

»Bestimmt.«

»Und wenn wir sie nicht verstehen?«

»Es ist die Katze.«

»Eben.«

Die Mädchen schauten mich über den Zeitungsrand hinweg an: »Kannst du mit der Katze reden, wenn sie aufwacht?«

Ich sagte: »Ich lege ein gutes Wort für euch ein.«

»Versprochen?«

»Versprochen.«

»Gut, dann müssen wir jetzt los.«

Die Kinder liefen nach draußen. Als die Tür ins Schloss fiel, wurde die Katze wach. Sie streckte sich und schaute mich empört an.

Ich sagte: »Anna und Lisa waren da.«

Die Katze gähnte, machte eine halbe Drehung und legte sich wieder hin. Wegen des Zimmers frage ich sie später. Wann komme ich schon mal dazu, in Ruhe Zeitung zu lesen?

Es ist neun Uhr morgens, und die drei Weltstars Jackie (66), Marlon (60) und Tito (63) – Jermaine ist nicht dabei – sitzen überpünktlich auf dem Hotelsofa und warten auf Fragen. Morgen werden sie in London auftreten – vor vollem Haus natürlich. Disziplin sei sehr wichtig, darin stimmen die Brüder überein.

Nach einem Konzert gehe es ins Bett, vielleicht noch ein Buch, etwas Fernsehen oder ein Anruf bei der Familie. »Das stammt noch aus unseren Jackson-Five-Tagen«, erklärt Marlon. »Als Kinder hatten wir Ausgangssperre, wir mussten ins Bett, selbst wenn wir unterwegs waren«, und Jackie fällt ihm ins Wort: »Wir feiern auf der Bühne!«

Gestern ist der Bildband »The Jacksons« erschienen, für den sie alte Familienfotos aus Speicher und Keller gekramt haben. Er zeichnet ein übermäßig harmonisches Bild einer der berühmtesten Musikerfamilien der Welt. Die neun Geschwister wachsen in den 50er Jahren in einem kleines Drei-Zimmer-Holzhaus in Gary, Indiana, auf. Die Eltern bewohnen ein Zimmer, die sechs Jungs teilen sich das zweite, und die drei Töchter schlafen auf Klappsofas im Wohnzimmer. »Die Peitsche schwang mein Vater«, gesteht Jackie im Buch. »Meine Mutter war lässiger.«

Tito spielt heimlich auf der Gitarre seines Vaters, bis eine Saite reißt. Im Buch erinnerte er sich an dessen Reaktion: »Wer hat meine Gitarre gespielt?«, war das Erste, was er sagte. Ich begann zu weinen, und er verabreichte mir eine ordentliche Tracht Prügel. Dann sagte er: »Zeig mir, was du kannst.« So beginnt der legendäre Erfolg der Brüder.

1969 schließen sie einen Plattenvertrag mit dem Soul-Label Motown, das Stars wie The Supremes, Stevie Wonder und The Temptations unter Vertrag hat. Mit mehr als 100 Millionen verkauften Platten werden die Jacksons eine der erfolgreichsten Bands der Popgeschichte. Zu Beginn nimmt Motown-Star Diana Ross die Jugendlichen unter die Fittiche. »In einem Tonstudio sein, Songs schreiben, vor der Presse stehen«, erklärt Jackie – sie habe ihnen das Geschäft beigebracht.

Schon die erste Single für Motown, »I Want You Back« (1969) wird ein Hit – der Erste von vielen Ohrwürmern wie »Never Can Say Goodbye« (1970) und »Can You Feel It« (1980). Im Bildband »The Jacksons« erinnert sich Jackie, wie sich ihr Alltag durch den Erfolg veränderte. »Wir gingen immer noch zur Schule, und viele Kids in der Klasse wussten nicht, wer ich war. Mädchen kamen an die Tür des Klassenzimmers und kreischten einfach los.«

Sie treten vor der englischen Königin auf, Bob Marley spielt bei ihrem Konzert in Jamaika. Ihre Fans sind alt und jung, schwarz und weiß – damals sehr ungewöhnlich. Doch wenn sie touren, müssen sie immer noch mit Vorurteilen kämpfen. In einem Interview mit der »Times« erinnerte sich Tito an ihre ersten Auftritte in den Südstaaten: »Unser Zimmer war immer hinten raus, nicht nur einmal oder zweimal – jedes Mal.« »Mit Blick auf den Müll«, ergänzte Marlon.

1975 lassen sie die Motown-Jahre hinter sich, wechseln zum Label Epic Records, das ihnen mehr Tantiemen bietet. Michael Jackson verfolgt ab 1971 seine Solokarriere mit Hits wie »Thriller« und überholt seine Geschwister bald an Berühmtheit wie an Skandalen. Doch Rivalitäten, gar Konkurrenzkampf zwischen den Geschwistern? Gab es nicht, behaupten die Jackson-Brüder. Marlon erklärt: »Wir alle teilen den gleichen Nachnamen. Wer auch immer einen Hit hat, der Name Jackson bleibt im Rampenlicht.«

»The Jacksons« zeigt das Aufwachsen der fünf Brüder in einer heilen Familienwelt mit Afro-Frisuren, knallbunten Fransenhemden, und vielen Posen für die Fotografen – bis heute. Michael Jackson sticht mit seinem Moonwalk heraus – er tanzt ihn zum ersten Mal bei einem Auftritt zum 25. Geburtstag ihrer früheren Plattenfirma Motown. Er stirbt 2009 an Herzversagen nach einer Überdosis an Betäubungsmitteln.

Trotz eines halben Jahrhunderts auf der Bühne, vieler Höhen und Tiefen, haben die Jacksons immer noch Träume. Tito wünscht sich mit seiner tiefen Stimme »die größte Platte der Welt«. Jackie meint: »Solange Mick Jagger das macht, will ich auch weitermachen« und Marlon stimmt zu: »Es ist ein toller Job, er gibt dir Energie, Leben und gute Laune.« »Harte Arbeit«, sagt Jackie, »aber sobald man auf die Bühne kommt, ist es unglaublich.«

92 Länder bewerben sich für 2018 um den Oscar in der Sparte nichtenglischsprachiger Film. Dies sei eine Rekordzahl, teilte die Oscar-Akademie im kalifornischen Beverly Hills mit. Im vorigen Jahr hatten 85 Länder ihre Beiträge für den sogenannten Auslands-Oscar eingereicht. Für Deutschland geht das NSU-Drama »Aus dem Nichts« von Fatih Akin ins Rennen. Österreichs Filmschaffende setzen Hoffnungen auf Michael Hanekes »Happy End«.

Die Schriftstellerin Marion Poschmann (»Die Kieferninseln«) erhält den Berliner Literaturpreis 2018. Die 47-Jährige will auch die damit verbundene Gastprofessur für deutschsprachige Poetik an der Freien Universität Berlin annehmen, wie die Initiatoren gestern mitteilten. Die Jury erklärte, Poschmanns Werk sei von hoher Sprachkraft und poetischem Witz geprägt, es rage gerade in seiner einfachen, aber hintersinnigen Weise heraus.

Der mit 30 000 Euro dotierte Preis wird von der Berliner Stiftung Preußische Seehandlung vergeben. Die 1969 in Essen geborene Poschmann lebt heute in Berlin. Mit ihrem jüngsten Roman »Die Kieferninseln« steht sie auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises, der am Montag vergeben wird.

Diese Ausstellung lässt den Adrenalinpegel steigen: Wer bis 7. Januar den Frankfurter Kunstverein besucht, muss in schwindelerregender Höhe auf einer Planke zwischen Hochhausschluchten balancieren, auf einem Laufband vor Feinden um sein Leben rennen und kann die Tatorte realer Mordfälle besuchen. Mithilfe von Datenbrillen tauchen die Besucher in virtuelle Welten ein, wo sie aber reale Erfahrungen machen.

»Perception is Reality – Über die Konstruktion von Wirklichkeit und virtuelle Welten« heißt die Ausstellung, die am Frankfurter Römerberg zu sehen ist. »Als eines der ersten Ausstellungshäuser in Deutschland integrieren wir ein neues Medium, Virtual Reality, in eine Ausstellung zeitgenössischer Kunst«, sagte die Direktorin des Kunstvereins und Kuratorin der Ausstellung, Franziska Nori, bei der Vorbesichtigung am Freitag.

Die meisten der neun Stationen erleben die Besucher mit einer VR-Brille vor Augen und einem Controller in der Hand. Die virtuellen Räume wurden nicht nur von Künstlern gestaltet, sondern auch von Spieleentwicklern oder dem bayerischen Landeskriminalamt.

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